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Mutmacher Kraft und Zuversicht aus 40 Jahren Erfahrung

| Redakteur: Johann Wiesböck

Die Pandemie wird die Gesetzmäßigkeit nicht außer Kraft setzen, dass sich an das Ab irgendwann ein Auf anschließt. Davon ist Johann Weber, CEO der Zollner Elektronik AG überzeugt.

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Johann Weber, CEO Zollner: „In meinem Berufsleben habe ich die Erfahrung gemacht, dass auf jeden Geschäftseinbruch auch wieder eine Erholung folgt.“
Johann Weber, CEO Zollner: „In meinem Berufsleben habe ich die Erfahrung gemacht, dass auf jeden Geschäftseinbruch auch wieder eine Erholung folgt.“
(Bild: Zollner)

Mit Johann Weber als CEO hat sich Zollner zum größten EMS-Provider Europas entwickelt. Weltweit zählt das Unternehmen zu den Top 15 der EMS-Branche. ELEKTRONIKPRAXIS sprach mit ihm über Corona und die Folgen.

Welche Probleme traten in Ihrem Unternehmen während der COVID-19-Krise auf?

Unsere Werke in Taicang (China), Milpitas (USA) und Beja (Tunesien) wurden von staatlichen Stellen im Rahmen ihrer Präventionsmaßnahmen vorübergehend geschlossen.

In Taicang konnten wir nach rund zwei Wochen, nach der allgemeinen Verlängerung des „Chinese New Year“, den Betrieb wiederaufnehmen. Die chinesische Regierung hatte strenge Auflagen dafür definiert, hierzu gehörten unter anderem FFP2-Masken-Pflicht, Abstandsregeln sowie Desinfektions- und Hygienevorgaben. Diese Maßnahmen sind vor Wiederöffnung im Rahmen eines Audits überprüft worden.

Die rasche Umsetzung dieser Maßnahmen war nur durch eine intensive Unterstützung aus Deutschland möglich. Ein weiterer wesentlicher Faktor für die schnelle Wiedereröffnung war die enge Kommunikation mit unseren Mitarbeitern, unseren Kunden und Lieferanten. Sie erfolgte innerhalb von China sehr unkompliziert via WeChat. Die Erfahrungen aus China haben wir später für proaktive Maßnahmen in Europa und Amerika genutzt.

In Milpitas und Beja gelang es uns nachzuweisen, dass wir an systemrelevanten Produkten beteiligt sind, sodass wir nach kurzer Zeit mit einer Ausnahmegenehmigung weiterproduzieren durften. Wir haben uns bemüht, Produktionsausfälle in einem Werk mit der Hilfe eines anderen Zollner-Werks auszugleichen. Dies war so unkompliziert und schnell möglich, weil wir in allen Werken einheitliche Prozesse und Ausrüstungen installiert haben. Auch unsere globale Ausrichtung – wir haben 20 internationale Standorte – war hier von Vorteil. Ziel war es stets, die Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb so gering wie möglich zu halten. Die Sicherheit unserer Mitarbeiter zu gewährleisten und in den Werken weiterhin durchgängig handlungsfähig zu bleiben, hatte höchste Priorität.

In Bayern, wo alle unsere neun deutschen Werke liegen, mussten wir schnell auf die Entscheidungen der Landesregierung reagieren. Angesichts von Schul- und Kitaschließungen verlagerte der Großteil unserer Office-Mitarbeiter die Arbeit ins Homeoffice, dafür haben wir im Eiltempo intern die technischen Voraussetzungen geschaffen. Dabei mussten wir leider feststellen, dass die externe Telekommunikationsinfrastruktur teilweise an ihre Grenzen gestoßen ist. Homeoffice diente uns auch zur Risikominimierung: Die Mitarbeiter aus den verschiedenen Bereichen waren jeweils im Wechsel am Arbeitsplatz oder im Homeoffice tätig, sodass die Büros sehr viel lockerer besetzt waren, ohne dass wir auf die Expertise direkt vor Ort verzichten mussten. Damit unsere Mitarbeiter bei Bedarf trotz Ausgangsbeschränkungen auf dem Werksgelände anwesend sein konnten, erhielten alle eine entsprechende Bescheinigung.

Vor einer besonderen Herausforderung standen wir, als unser Nachbarland Tschechien, aus dem circa zehn Prozent unserer Mitarbeiter kommen, seine Grenzen schloss. Von heute auf morgen konnten unsere tschechischen Mitarbeiter nicht mehr zur Arbeit gelangen. Für sie haben wir als Sofortmaßnahme auf Wunsch die Unterbringung in bayerischen Hotels organisiert. Später konnten wir für sie eine Ausnahmegenehmigung für den Grenzübertritt erwirken. In dieser Situation zeigte sich einmal mehr: Besonders in einer Krise muss das Management in der Lage sein, schnell zu reagieren und gemeinsam die notwendigen Entscheidungen treffen!

Natürlich mussten wir uns auch überlegen, wie wir unsere Mitarbeiter auf dem Werksgelände bestmöglich vor einer Infektion schützen und gleichzeitig den Geschäftsbetrieb an unseren Standorten aufrechterhalten. Die Corona-Taskforce aus Vertretern aller betroffenen Unternehmensbereiche, die wir bereits Anfang Februar eingesetzt hatten, hat auch dafür eine Lösung gefunden. Wichtigste Elemente ihres Aktionsplans zur ganzheitlichen Risikominimierung waren strenge Hygieneregeln und die Einteilung unserer Werke in Zonen, um die Kontakte zwischen den anwesenden Mitarbeitern auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

Um speziell die Produktionsmitarbeiter zu schützen, für die Homeoffice ja keine Option ist, haben wir darüber hinaus die Schichtmodelle ausgeweitet, damit sich die einzelnen Schichtbelegschaften verkleinerten und sich Mitarbeiter unterschiedlicher Schichten nicht mehr begegneten. Die Pausenzeiten der Produktionsmitarbeiter haben wir entsprechend aufgefächert.

Die Beziehungen zu unseren Kunden sehr erschwert haben die Reisebeschränkungen, denn der persönliche Kontakt ist in vielen Ländern noch wichtiger als in Deutschland und für uns als Dienstleister ohne eigenes Produkt essenziell. Wir haben versucht, so viel wie möglich über Telefon- und Videokonferenzen sowie andere Collaboration-Tools aufzufangen und so den Kontakt zum Kunden zu pflegen.

Konnten die Lieferketten aufrechterhalten werden?

Ja, wir haben mit großem Aufwand laufend betroffene Geschäftspartner identifiziert und uns einen Überblick über ihre Situation und Lieferfähigkeit verschafft, sodass wir bei Bedarf schnell auf Engpässe reagieren konnten.

Lieferanten, die von behördlich angeordneten Betriebsschließungen betroffen waren, haben wir zusammen mit unseren Kunden dabei unterstützt, eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten. Gemeinsam ist es uns oftmals gelungen, die staatlichen Stellen davon zu überzeugen, dass die Bauteile für systemrelevante Produkte gebraucht werden. Auf diese Weise konnten auch wir weiterproduzieren und unsere Kunden zuverlässig beliefern.

Wann tritt aus Ihrer Sicht eine Normalisierung des Geschäfts ein?

Bis die Lage auf dem EMS-Markt wieder der ähnelt „wie vorher“, wird es sicher noch eine Weile dauern. Die Pandemie ist ja noch nicht vorbei. Vorläufig ist es in Deutschland gelungen, die Lage unter Kontrolle zu halten. Andere Länder sind aber viel schwerer betroffen. Und solange die Weltbevölkerung nicht mit einem Impfstoff immunisiert werden konnte, müssen wir stets auf eine weitere Welle gefasst sein.

Aber natürlich kann man auch nicht auf unabsehbare Zeit in einem Ausnahmezustand leben. Im privaten und beruflichen Leben sehnen sich die Menschen nach Normalität – die freilich anders aussehen muss als noch zu Jahresbeginn. Doch Menschen sind anpassungsfähig, das ist ihre große Stärke. Sie definieren den Begriff Normalität um, indem sie ihren bisherigen Alltag zusammenführen mit dem, was die neue Situation erfordert: Hygieneregeln und Kontaktbeschränkungen etwa. So gelingt es, „anders als vorher“ weiterzumachen. Immer unter der Prämisse, die Ausbreitung des Virus zu reduzieren und das Risiko dabei zu minimieren.

Werden wir wieder zu einem „Normalzustand“ wie vor der Krise zurückkehren oder werden sich Abläufe künftig ändern?

Ich glaube nicht, dass man nach einer so tiefgreifenden Umwälzung unseres (Arbeits-)Lebens eins zu eins zurückkehren kann zum Zustand davor. An Gesundheitskrisen in der Vergangenheit kann man beobachten, dass sie weitreichende wirtschaftliche und soziale Entwicklungen anstießen. Die Tragödie der Schwarzen Pest etwa machte im Mittelalter menschliche Arbeitskraft kostbar und setzte letztlich die Mechanisierung in Gang.

Die Coronakrise wird uns dazu bringen, das Ausmaß der Globalisierung zu überdenken. Eine Abkehr von der Globalisierung, wie sie manche Stimmen in der Wirtschaft prognostizieren, ginge meiner Meinung nach zu weit. Dennoch sollten wir wieder mehr über eine teilweise Eigenständigkeit der deutschen beziehungsweise europäischen Wirtschaft nachdenken, um Situationen wie den Lieferengpässen, die sich jetzt beispielsweise bei Medikamenten und Schutzmasken ergeben haben, in Zukunft vorzubeugen. Es empfiehlt sich, wieder lokaler zu denken, um lokalen Bedarf zum Teil zu decken, und sich so etwas unabhängiger zu machen von globalen Verwerfungen, seien sie von Politik, Pandemien, Umweltkatastrophen oder anderem ausgelöst.

Die Coronakrise hat uns Schwachpunkte in den Lieferketten vor Augen geführt und wird Unternehmen veranlassen, ihre Produktion rund um die Welt neu zu beurteilen. Ein Beispiel: Der Transport wurde plötzlich zum Problem in der Supply-Chain. Vor der Pandemie wurden 60 Prozent der Waren mit Passagierflugzeugen zum Empfänger geflogen; das war eine Überraschung für uns. Dass keine Passagierflugzeuge mehr unterwegs waren, hatte da natürlich Konsequenzen. Zwar hat man versucht, den Ausfall aufzufangen mit Passagierflugzeugen, die zu Frachtflugzeugen umgebaut wurden. Die Gesamt-Frachtmenge war aber trotzdem deutlich geringer. Sehr gute Erfahrungen haben wir mit der neuen Bahnstrecke nach Asien gemacht. Auf sie werden wir in Zukunft verstärkt setzen.

Wann trifft das aus Ihrer Sicht ein?

Der Wandel hat bereits eingesetzt: Viel unmittelbarer noch als bei der Neugestaltung der globalen Wirtschaftsordnung macht er sich bemerkbar in der Digitalisierung der Arbeitswelt. Homeoffice, Videokonferenzen, Kommunikations- und Kollaborationslösungen – in Zeiten der Pandemie ist das plötzlich gang und gäbe und hilft, den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten. Es ist wie ein groß angelegtes Experiment, dessen Ausgang die Erwartungen übertroffen hat.

Das gilt auch für uns: Angesichts von ersten Covid-19-Verdachtsfällen in der Belegschaft sowie der Kita- und Schulschließungen in Bayern hat uns Homeoffice sehr geholfen, den Geschäftsbetrieb nahezu nahtlos fortzuführen. Wir haben rasch die technischen Möglichkeiten dafür geschaffen und gute Erfahrungen mit der Produktivität unserer Mitarbeiter im Homeoffice gemacht. Künftig werden wir unseren Mitarbeitern vermehrt die Möglichkeit geben, im Homeoffice zu arbeiten.

Damit wir unsere Arbeitswelt noch digitaler gestalten können, müssen die infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen beziehungsweise verbessert werden. Wir brauchen ein stabiles Telekommunikationsnetz sowie 5G und eine größere Bandbreite, Feldstärke und eine höhere Leistungsfähigkeit, damit wir in Deutschland gegenüber anderen Ländern wieder aufholen können. Jede Krise bietet auch Chancen, die es zu erkennen gilt!

Was für Lerneffekte haben Sie aus der Krisensituation mitgenommen und fühlen Sie sich für die Zukunft gewappnet?

Wir haben den Vorteil, dass wir wichtige Strukturen – zum Beispiel das Manufacturing Execution System (MES), die Product-Lifecycle-Management-Software Teamcenter, die IT-Infrastruktur SAP S4/HANA – entweder bereits seit Längerem implementiert haben oder es derzeit tun. Wir werden unsere Produktionsabläufe künftig noch stärker automatisieren und digitalisieren als bisher, außerdem werden wir die digitale Transformation in unseren Werken forcieren. In unseren Werken weltweit werden wir die Prozesse weiter vereinheitlichen, damit wir einen Ausfall jederzeit durch verstärktes Engagement an einer anderen Stelle ausgleichen können.

Als Zollner Elektronik AG haben wir in der Krise die positive Erfahrung gemacht, dass unser Unternehmen Kräfte mobilisieren kann, wenn es darauf ankommt. Schwierige Zeiten sind dazu da, sie gemeinsam zu meistern! Unsere Corona-Taskforce hat auf die rasante Entwicklung der Pandemie mit geeigneten Maßnahmen schnell reagiert und unsere Mitarbeiter haben sich sehr loyal und besonnen verhalten. Der Zusammenhalt im Unternehmen war groß. Das macht uns stolz und zuversichtlich.

Natürlich kann die tiefe Rezession, die die Weltwirtschaft ergriffen hat, entmutigen. Doch ich kenne das Auf und Ab der Konjunktur seit 40 Jahren; in meinem Berufsleben habe ich die Erfahrung gemacht, dass auf jeden Geschäftseinbruch auch wieder eine Erholung folgt. In Deutschland hatten wir einen ungewöhnlich langen Aufschwung, dessen Abflauen sich Ende 2018 angedeutet hatte. Die Pandemie brach über uns herein und hat aus diesem Trend einen drastischen Einbruch der Wirtschaftsleistung gemacht. Meiner Meinung nach wird die Pandemie aber die Gesetzmäßigkeit nicht außer Kraft setzen, dass sich an das Ab irgendwann ein Auf anschließt. Wir konnten bereits im Juni wieder etwas Licht im Tunnel erkennen – und ich bin überzeugt, es ist nicht der Gegenverkehr, sondern das Ende des Tunnels. Wenn es der deutschen Gesellschaft gelingt, eine zweite Corona-Welle zu vermeiden, können wir wieder optimistisch in die Zukunft blicken.

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