Kommunikationsprobleme finden und entschärfen

Redakteur: Martina Hafner

Im Normalfall ist die Beschreibung dessen, was ein System später einmal leisten oder erfüllen soll, weit davon entfernt, die fachliche Logik eindeutig zu erklären. Typischerweise liegt eine unvollständige

Firmen zum Thema

( Archiv: Vogel Business Media )

Im Normalfall ist die Beschreibung dessen, was ein System später einmal leisten oder erfüllen soll, weit davon entfernt, die fachliche Logik eindeutig zu erklären. Typischerweise liegt eine unvollständige und widersprüchliche Aussagensammlung vor. Damit stehen leider die meisten Entwickler vor der Frage, was eigentlich der Autor dieser Sammlung wirklich meinte als er seine Anforderungen niederschrieb. Es bleibt oft seiner Phantasie überlassen, dies zu interpretieren und zu hoffen, dass er richtig liegt. Eine denkbar schlechte Basis für ein System.

Eine systematische Methode in der Anforderunganalyse basiert auf Regeln, nach denen der Mensch vorgeht, wenn er sich natürlichsprachlich, d.h. in Wort und Schrift, äußert. Sie baut auf Thesen des Linguisten Noam Chomsky auf und floss in der Psychotherapie in ein Modell menschlicher Kommunikation und Ausdrucksweise ein. Maßgeblich daran beteiligt waren der Psychologe John Grinder und der Informatiker Richard Bandler. Ihr Ziel war es Mitte der 70er Jahre, eine für jedermann erlernbare Therapieform zu entwickeln, die darauf beruht, dass der Therapeut die persönliche Wirklichkeit des Klienten versteht. Dazu muss der Therapeut aus dem, was der Klient sagt, herausfinden, was dieser wirklich meint. Diese Problemstellung gleicht der Frage nach der „eigentlichen Aussage“ von Anforderungen, so dass sich damit auch ein Regelwerk für die Systemanalyse aufstellen läßt. Mithilfe dieses Regelwerks können auf definierte, systematische Art und Weise mehrdeutige, unvollständige und widersprüchliche Aussagen in Anforderungsdokumenten aufgefunden werden. Auch präventiv lässt sich die Kenntnis der Prozesse beim Verfassen von Anforderungen einsetzen.

Zwei Prinzipien regieren die Wahrnehmung des Menschen und die Kommunikation untereinander: Die Fokussierung und die Vereinfachung. Menschen gebieten den allermeisten Sinneseindrücken auf ihrem Weg ins Gedächtnis Einhalt, so dass diese nie oder nur in stark abstrahierter Form Teil unseres Wissens werden. Somit setzt unser Gehirn einen Fokus bei der Wahrnehmung und lässt vermeindlich Unwichtiges außen vor. Bei der Kommunikation, dem sprachlichen Ausdruck unseres Wissens, vereinfachen Menschen. Zum Beispiel setzt ein Autor beim Leser ein gewisses Wissen voraus. Anders wäre es wohl kaum möglich, effizient zu kommunizieren. Vor allem die Vereinfachung im sprachlichen Ausdruck ist es, die im Zusammenhang mit Anforderungen problematisch werden kann. Sprachliche Defekte, die am häufigsten in Anforderungsdokumenten zu finden sind, sind Tilgung, Generalisierung und Verzerrung.

Tilgung - Fehlendem Wissen auf der Spur

Tilgung ist das sprachliche Pendant zur Fokussierung der Wahrnehmung. Analog zur Fokussierung, durch die wir unsere Aufmerksamkeit nur bestimmten Dimensionen unserer Erfahrung zuwenden, reduziert die Tilgung Aussagen auf Ausmaße, mit denen wir umgehen können. Diese Reduktion ist in der normalen Kommunikation sinnvoll. Bei der Anforderungsdefinition für ein System jedoch gehen wichtige Aussagen verloren. Wie man Tilgungen im geschriebenen Satz oder gesprochenen Wort entdecken kann, zeigt das Beispiel der Prozessworte in Anforderungen. Prozessworte in einem Satz beschreiben Vorgang. Sie müssen nicht notwendigerweise Verben sein, auch Prädikate und Substantive kommen in Frage (Nominalisierungen). Um vollständig zu sein, müssen zu einem Prozesswort normalerweise mehrere Argumente oder Substantivgruppen angegeben sein. Dies lässt sich am besten anhand eines Beispiels verdeutlichen: „Das System soll Datenverluste melden.“ Das Prozesswort „melden“ ist erst vollständig spezifiziert, wenn die folgenden Fragen beantwortet sind. „Wer meldet? Was wird gemeldet? Wie oder auf welche Weise wird gemeldet? Wo oder an wen wird gemeldet? Wann wird gemeldet? Wie lange wird gemeldet?“ – die Antworten auf diese Fragen müssen in jedem Anforderungsdokument aufgelistet werden. Das Phänomen der unterspezifizierten Prozessworte ist häufig anzutreffen. Hier weniger zu vereinfachen bringt sehr viel Klarheit. Dazu gilt es, sich intensiv mit den Vorgängen (Prozessen) im System auseinander zu setzen, was durchaus viel Arbeit machen kann.

Generalisierungen – Informationen auf den Punkt gebracht

Die menschliche Fähigkeit, konkrete Erfahrungen zu abstrahieren ist sinnvoll und überlebenswichtig. Wir können dadurch eine einmal gemachte Erfahrung auf verwandte Zusammenhänge übertragen. Wichtig ist allerdings, die passende Gruppe von Sachverhalten zu wählen, auf die wir die Erfahrung übertragen. Zu stark generalisierte Anforderungen sorgen in der Systementwicklung dafür, dass Sonderfälle vergessen werden. Tritt der Sonderfall in der Realität auf, verhält sich das System nicht wie gewünscht, sondern eben wie spezifiziert. Einfache Hinweise dafür, dass ein Stakeholder sein Wissen generalisiert darstellt, sind Universalquantoren. Universalquantoren sind Angaben über Häufigkeiten. Sprachliche Vertreter dieser Gruppe sind Begriffe wie „nie”, „immer”, „kein”, „jeder”, „alle”. Aber auch die Phrase „der Benutzer“ ist gefährlich, etwa wenn es verschiedenen Nutzergruppen mit unterschiedlichen Kompetenzen gibt. Die Gefahr bei der Verwendung von Universalquantoren besteht darin, dass das spezifizierte Verhalten oftmals nicht für wirklich alle Objekte der genannten Gruppe zutrifft. Es sind meist Elemente enthalten, die einen Sonder- oder Ausnahmefall darstellen und für die das spezifizierte Verhalten falsch ist.

„Jede Meldung soll für die Aufzeichnung mit einem Zeitstempel etikettiert werden.“ Aufgrund des Signalwortes „jede“ stellt sich die Frage: Wirklich jede Meldung? Oder gibt es vielleicht Fälle, in denen der Zeitstempel nicht benötigt wird? Universalquantoren in Anforderungsdokumente sind kritisch, wenn die Ausnahmefälle nicht genannt werden und eine Aussage keine Angaben mehr über ihren Gültigkeitsbereich und über Häufigkeiten enthält. Das ist erfahrungsgemäß sehr oft der Fall, erschreckend häufig auch bei Systemen, bei denen Leib und Leben von Menschen davon abhängen, dass sie sich auch in Ausnahmesituationen korrekt verhalten. Noch ein kleiner Tipp: Stakeholder verdrängen diese aufwändig zu ermittelnden Sonderfälle gerne in der Diskussion.

Verzerrungen – der Realität auf der Spur

Das Phänomen der Verzerrung sorgt dafür, dass der Mensch bei der Wahrnehmung sein Wissen nicht ständig komplett neu organisieren muss. So manches Detail wird nötigenfalls ein wenig verändert, um in das bereits erstellte Bild einer Situation zu passen. Diese Verzerrungen treten auch bei sprachlichen Äußerungen auf. Besonders brisant für Anforderungsdokumente ist die Nominalisierung. Durch eine Nominalisierung wird ein komplexer Vorgang zu einem einfachen Ereignis. Es ist möglich, dass sich die Bedeutung der Aussage dadurch ändert oder wichtige Informationen über den Prozess verloren gehen. Sprachlich erkennt man eine Nominalisierung an einem Prozesswort (Verb oder Prädikat), das zu einem Ereigniswort (Substantiv) umgeformt wurde.

„Bei einem Systemabsturz soll ein automatischer Wiederanlauf erfolgen.“ Die Prozesse hinter den Substantiven „Wiederanlauf“ oder „Systemabsturz“ lautet eigentlich: „Das System stürzt ab“ und „das System wird wieder gestartet.“ Allein an den zweiten Satz knüpfen sich zum Beispiel die Fragen: Was wird neu gestartet? Mit welchen Daten wird der Neustart durchgeführt? Wie wird der Neustart durchgeführt? Wer initiiert den Start (automatisch/manuell)? Wo-durch wird der Neustart beendet? Was passiert während des Verlaufs des Neustarts (potentielle Abbrüche, Fehlerbedingungen)? Grundsätzlich spricht nichts dagegen, nominalisierte Begriffe für einen komplexen Prozess zu verwenden, sofern dieser eindeutig oder definiert ist. Nominalisierungen treten insbesondere in Bereichen auf, die eine eigene Fachsprache entwickelt haben. Prüfen Sie einmal die für Ihr Spezialgebiet typischen Fachbegriffe. Sicherlich handelt es sich bei den meisten um Nominalisierungen, hinter denen sich eine Menge Fach-Know-how verbirgt.

Erfahrungen im Projektalltag

Die beispielhaft vorgestellten Phänomene sind Teil des SOPHIST-REgelwerks [Rupp], einem Werkzeugkasten, um Anforderungen systematisch zu analysieren. Es wurde bereits in vielen Industrieprojekten erfolgreich eingesetzt. Der Einsatzbereich umfasste dabei sehr unterschiedliche Domänen, angefangen bei großen internationalen Flugsicherungssystemen für die Deutsche Flugsicherung, Swiss-control und Eurocontrol, über Logistiksysteme für die Deutsche Post bis zu Bausparkassensystemen für die Bausparkasse Schwäbisch Hall oder die Entwicklung von Strickmaschinen für mittelständische Betriebe wie die Stoll GmbH. Häufig wurden zusätzlich Schablonen für die Formulierung von Requirements angewendet, die eine klare Vorgabe dafür geben, wie ein Requirement genau zu formulieren ist. Die Ansätze aus der Psychotherapie wurden dabei auf mehrere Arten angewendet:

• Direkt im Interview. Dabei prüft der Analytiker jede Aussage, die er von einem Stakeholder erhält sofort auf mögliche Vereinfachungen und hinterfragt sofort die fehlenden Sachverhalte, die ihm als wichtig erscheinen. So wird das nötige Wissen im Gespräch sehr effizient erhoben, da Wissenslücken umgehend aufgedeckt werden. Bei einem geübten Analytiker nimmt der Befragte keinesfalls war, dass der Analytiker im Hinterkopf alle erhaltenen Aussagen systematisch nach psychotherapeutischen Gesichtspunkten untersucht und diese gezielt hinterfragt. Es entsteht beim Befragten lediglich das Gefühl, dass das Gespräch sehr schnell auf den Punkt kommt.

• Als Prüfkriterien auf der Basis erstellter Anforderungen. Liegen bereits Anforderungen vor, so werden diese mittels der sprachlichen Regeln überprüft. Auslassungen, Unklarheiten usw. werden dann hinterfragt. Hier dient das Regelwerk als weitere Methoden zur Qualitätssicherung.

• Eine Kombination aus beiden Ansätzen. Der Analytiker kann dabei entscheiden, ob er einen gefundenen sprachlichen Defekt hinterfragt, da er das nicht dokumentierte Wissen für wichtig hält, oder ob der Sachverhalt auch für ihn selbstverständlich ist.

Natürlich sind auch Analytiker nicht vor den hier unerwünschten Defekten der Fokussierung und Vereinfachung gefeit, so dass man sie dementsprechend vorbereiten muss. Für eine erste Anwendung der Methode empfiehlt es sich zunächst, bestehende Dokumente zu analysieren. Nach einigen Tagen Übung sind die psychotherapeutischen Ansätze mit dem Regelwerk so in das Denken integriert, dass Aussagen eines Stakeholders direkt im Gespräch untersucht und hinterfragt werden können. Die Erkenntnis, dass perfekte Kommunikation unmöglich ist erleichtert bereits den Projektalltag. Der möglichst kompetente Umgang mit dieser Tatsache ist eine der Faktoren, der den Erfolg im Bereich Requirements Engineering ausmacht. Dieser Artikel behandelt nur drei mögliche sprachliche Defekte, die sich mittels dem SOPHIST-REgelwerk hinterfragen lassen. Eine umfangreichere Darstellung des gesamten Ansatzes finden sich in [Rupp] und [Bandler].

SOPHIST GmbH

Tel. +49 (0)911 409000

Chris Rupp ist Geschäftsführerin und Christian Pikalek ist System Engineer bei der SOPHIST GmbH

(ID:180222)