Hightech-Innovatoren in der Corona-Krise Kommt jetzt das große Start-up-Sterben?

Autor: Michael Eckstein

Die Coronakrise trifft auch Jungunternehmen mit Wucht. Wie stark, hängt maßgeblich vom Markt ab, in dem sie aktiv sind. Haben Start-ups Chancen, die die heutige Wirtschaftskrise zu überstehen?

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Schwierige Zeiten: Rund 20% der Hightech-Start-ups haben akut mit der Corona-Krise zu kämpfen.
Schwierige Zeiten: Rund 20% der Hightech-Start-ups haben akut mit der Corona-Krise zu kämpfen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Die Coronavirus-Pandemie und ihre Auswirkungen bestimmen die Schlagzeilen. Es gibt zwar Krisenproviteure, doch viele Unternehmen – vom multinationalen Großkonzern über KMU bis zum Start-up – kämpfen mit der globalen Rezession und großen Unsicherheiten. Müssen wir mit einem weitreichenden Start-up-Sterben rechnen? Darüber sprachen wir mit Sven De Cleyn, Leiter des imec.istart Accelerator-Programms. Das Start-up-Programm wurde als „Best University Business Accelerator in Europe“ ausgezeichnet.

Entwickelt sich die Coronavirus-Pandemie zum Sargnagel für europäische Hightech-Start-ups?

Sven De Cleyn: Start-ups sind genau wie andere Hightech-Unternehmen nicht immun gegen den wirtschaftlichen Abschwung, der im Zuge der Coronavirus-Pandemie eingetreten ist. Vieles hängt von dem Marktsektor ab, in dem ein Unternehmen tätig ist. Für einige war die Coronavirus-Pandemie sogar eine Chance. Denken Sie an Unternehmen, die Lösungen für die Organisation von virtuellen Veranstaltungen entwickeln, oder an solche, die in der Lebensmittelindustrie tätig sind. Doch am anderen Ende des Spektrums haben viele Hightech-Start-ups tatsächlich eine sehr schwierige Zeit.

Was heißt das konkret?

Man könnte sagen, dass die Pandemie die Dinge auf die Spitze getrieben hat. Lassen Sie mich das mit einigen Zahlen aus unserem eigenen Akzelerationsprogramm illustrieren. Rund 30% der imec.istart-Unternehmen wachsen derzeit deutlich schneller als vor der Krise: Sie haben ihren monatlichen Umsatz verdoppelt oder sogar verdreifacht. Weitere 50% berichten von keinen oder nur geringen Auswirkungen: Wenn sie vor der Krise wuchsen, wachsen sie heute mit der gleichen Rate; und wenn sie vor einem Jahr stabile Zahlen präsentierten, tun sie das auch weiterhin. Doch immerhin rund 20% der Start-ups sehen sich mit dramatischen Schwierigkeiten und Umsatzeinbrüchen konfrontiert.

Diese Zahlen stimmen sehr gut mit dem überein, was international berichtet wird: Einigen Start-ups geht es wirklich gut, während andere zu kämpfen haben. Es ist klar, dass Start-ups, die in Sektoren tätig sind, bei denen physische Interaktion wichtig ist, härter getroffen werden.

Sind aktuelle Schwierigkeiten und Verluste eine Bedrohung für das kurzfristige Überleben von Start-ups?

Nicht unbedingt. Unternehmen mit einer gesunden Bilanz vor dem Coronavirus haben immer noch gute Chancen, diese Krise zu überstehen. Und diese Beobachtung gilt übrigens nicht nur für Hightech-Unternehmen! Nehmen Sie imec.istart als konkretes Beispiel: Seit Beginn der Krise haben wir noch kein einziges Start-up in die Insolvenz gehen sehen. Und wir rechnen auch nicht damit, dass das in den nächsten Monaten passieren wird.

Das Überleben eines Start-ups hängt aber wohl von mehr ab als von der Umsatzquote. Können Jungunternehmer noch auf die Unterstützung von Investoren zählen, auch externen?

Auf jeden Fall. Risikokapitalfonds zum Beispiel haben in den letzten Jahren sehr viel Geld eingesammelt. Sie wollen dieses Geld in vielversprechende Start-ups investieren, haben dafür aber nur einen begrenzten Zeitrahmen zur Verfügung. Mit anderen Worten: Diese Fonds sind nicht wegen der Coronavirus-Pandemie verschwunden. Die Leute sind weiterhin auf der Suche nach interessanten, gesunden Unternehmen, in die sie investieren können.

Ganz Ähnliches gilt für die Business Angels. Diese investieren typischerweise breiter, so dass ihre Bereitschaft, Start-ups zu unterstützen, größtenteils davon abhängt, wie gut oder wie schlecht ihre anderen Investitionen laufen. Einige sind tatsächlich vorsichtiger geworden. Aber um ehrlich zu sein, hatten wir einen größeren Rückgang erwartet.

Darüber hinaus können sich auch Start-ups auf unterstützende Maßnahmen von Regierungen verlassen. Und obwohl es stimmt, dass Initiativen wie Überbrückungskredite nicht als Ersatz für Investitionskapital gedacht sind, bieten sie innovativen KMUs und Start-ups ein dringend benötigtes finanzielles Polster.

Wird Investitionskapital heute für andere Zwecke eingesetzt als, sagen wir, vor einem Jahr?

Hightech-Start-ups verwenden aufgenommes Geld typischerweise für Produktentwicklung und Innovation einerseits und Marketing andererseits. Das hat sich nicht geändert. Geneuso wenig die hohen Ambitionen der Start-ups – auch wenn einige neue Wege finden müssen, um ihre Ziele zu realisieren. Unternehmen, die international expandieren wollen, mussten zum Beispiel ihre Strategie ändern und auf die Digitalisierung setzen – nicht nur für den Betrieb, sondern auch für den Aufbau von Partnerschaften und Vereinbarungen mit lokalen Kanälen und Distributoren. Schließlich ist das Reisen und Arrangieren vor Ort heute keine Option mehr.

Das ist ein wichtiger Punkt, an dem Inkubations- und Beschleunigungsprogramme einen Mehrwert bieten: Sie bereiten Start-ups strategisch auf diese Reise vor und versorgen sie kontinuierlich mit Anleitung und praktischer Hilfe.

Was ist mit den Start-ups, die inmitten der Pandemie zu kämpfen haben? Was für Ratschläge gibt es für sie?

Glücklicherweise sind Unternehmer durchaus in der Lage, sich an neue Umstände anzupassen. Wir haben unser Acceleration-Programm ebenfalls adaptiert und helfen Start-ups, neue Möglichkeiten zu erkennen und praktikable Szenarien für den Umgang mit der Pandemie zu entwickeln. Zu unserem Portfolio gehört zum Beispiel ein Unternehmen, das sich auf innovative Event-Beleuchtung spezialisiert hat. Jetzt, da die Veranstaltungsbranche vorübergehend aus dem Geschäft ist, untersuchen die Gründer des Start-ups, wie sie ihre Technologie nutzen können, um eine Ferndesinfektionslösung für Krankenhausgeräte und Einkaufswagen mit UV-Licht zu entwickeln. Wieder andere haben ihre B2B-Produkte und -Dienstleistungen in ein B2C-Angebot übertragen.

Denken Sie, dass heute ein guter Zeitpunkt ist, um ein neues Unternehmen zu gründen?

Wie gesagt, es hängt viel von der Branche ab, in der man tätig ist. Aber in der Tat könnte heute der ideale Zeitpunkt sein, um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Das gilt sicherlich für Hightech-Start-ups, die Zeit brauchen, um ihre Ideen in ein Produkt umzusetzen. Sie können die aktuelle Konjunkturflaute nutzen, um sich auf eine erfolgreiche Produkteinführung vorzubereiten. Sobald die Wirtschaft wieder anspringt, können sie mit Volldampf durchstarten.

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Über den Autor

 Michael Eckstein

Michael Eckstein

Redakteur, Vogel Communications Group