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Kommentar: Vom Streit hin zur systematischen Zerstörung

| Autor: Sebastian Gerstl

Über zwei Jahre läuft der Handelsstreit zwischen den USA und China schon. Aber was hat der Konflikt wirklich erreicht? Statt IP-Schutz und Wirtschaftsförderung scheinen speziell die USA nur eines im Kopf zu haben: Die Zerstörung des Huawei-Konzerns.

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Der Handelsstreit zwischen den USA und China scheint immer mehr auf die gezielte Zerstörung eines einzelnen Unternehmens hinauszulaiufen. Dabei haben sechs Monate Coronakrise mehr Veränderung im Elektronikmarkt angestoßen als 26 Monate sogenannter Handelskrieg.
Der Handelsstreit zwischen den USA und China scheint immer mehr auf die gezielte Zerstörung eines einzelnen Unternehmens hinauszulaiufen. Dabei haben sechs Monate Coronakrise mehr Veränderung im Elektronikmarkt angestoßen als 26 Monate sogenannter Handelskrieg.
(Bild: Clipdealer)

Eine chinesische Firma muss sich die Erlaubnis der USA einholen, um eine andere chinesische Firma beliefern zu dürfen. Klingt vielleicht etwas kurios, ist aber am 14. September dieses Jahres tatsächlich so geschehen: Der chinesische Halbleiterhersteller SMIC hat in Washington beantragt, den einheimischen Elektronikkonzern Huawei weiterhin mit Chips beliefern zu dürfen.

Hintergrund ist ein US-Beschluss aus dem Mai 2020: Demnach dürfen Chipfertiger, die „bestimmte“ Lithografie- und Maskierungstechniken von US-Firmen einsetzen, nur noch mit Sondergenehmigung Halbleiterprodukte an Huawei liefern. Dies hatte für den chinesischen Vorzeigekonzern bereits dramatische Auswirkungen: Ein Huawei-Manager erklärte Mitte September, dass dem Unternehmen nun die High-End-SoCs für seine Smartphones ausgehen: Foundries, die Fertigungstechnologien von 10nm oder niedriger beherrschen, haben aufgrund des US-Embargos ihre Lieferungen eingestellt. Das einheimische SMIC, dass derzeit nur Fertigungstechnologien von bis zu 14nm beherrscht, wird somit eine der wichtigsten Stützen für Huawei. Das scheint den Falken im Kriegslager durchaus bewusst zu sein: Das amerikanische Handelsministerium hat nun auch den Technologiehandel mit SMIC direkt eingeschränkt, Exporte sind nur noch nach individueller Genehmigung möglich. Ein namhafter Halbleiterhersteller und -Fertiger mit modernster Foundry-Technologie darf übrigens Huawei weiterhin beliefern, jedenfalls in Teilen: Intel.

Krieg oder Kreuzzug?

Das alles wird noch vordergründig unter dem Deckmantel des Handelsstreits zwischen den USA und China geführt, der bereits seit über zwei Jahren andauert. Nachdem drei Wellen an Strafzöllen nichts bewegt haben, schießt sich die USA mehr und mehr auf den chinesischen Huawei-Konzern ein – fast wirkt es so, als wolle man einen Kreuzzug speziell gegen ein einzelnes Unternehmen führen, mit dem Ziel, dieses systematisch zu zerstören.

Der Ursprung dieses Handelsstreits, der mittlerweile in einen Handelskrieg ausgeartet ist, mag ja einige durchaus begründbare Streitpunkte beanstandet haben: Vorwürfe wie die einseitige Öffnung von Märkten und die Abhängigkeiten in der Produktion sind ein durchaus existentes Problem, und die industriellen wie traditionellen Spionage-Vorwürfe gegen China im Allgemeinen und Huawei im Speziellen sollte man nicht ignorieren. Aber was Markt- und Produktionsabhängigkeiten angeht, haben die letzten sechs Monate Coronakrise wohl für mehr Nachdenklichkeit gesorgt und mehr Veränderung auf den Weg gebracht als 26 Monate dieses protektionistischen Post-Neo-Merkantilismus, der mehr Wert auf die eigene Haustür als auf internationale Konsequenzen legt.

Wieso sollte man die USA damit durchkommen lassen?

Was wäre wohl los, wenn ein anderer Staat ähnlich gegen ein bedeutendes Unternehmen einer anderen Nation vorgehen würde? Wenn China sich in diese Form auf Intel einschösse – oder Russland auf Infineon?

Wenn die Regierung Trump mit ihrer Vorgehensweise gegen Huawei durchkommt – was würde eine andere Regierung daran hindern, ebenso zu handeln? Und was wären daraus die Konsequenzen? Das Wort „Handelskrieg“ bekäme sicher eine vollkommen neue Dimension.

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