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Kommentar: Das „Moore‘sche Gesetz“ ist out – gilt jetzt „Huangs Gesetz“?

| Autor: Sebastian Gerstl

Jedes Zeitalter bringt seine eigenen Mythen hervor. Wenn ein neues Technologie-Zeitalter anbricht – wird es dann auch Zeit, an neue technologische Mythen zu glauben?

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Das Moore'sche Gesetz hat die Halbleiterlandschaft jahrzehntelang geprägt. Doch die alte Technologieführerschaft ist am Bröckeln: Nvidia hat Intel als wertvollstes Chip-Unternehmen abgelöst, künstliche Intelligenz scheint bedeutsamer als das einst revolutionäre Prozessorengeschäft. Zeit für einen neuen Mythos?
Das Moore'sche Gesetz hat die Halbleiterlandschaft jahrzehntelang geprägt. Doch die alte Technologieführerschaft ist am Bröckeln: Nvidia hat Intel als wertvollstes Chip-Unternehmen abgelöst, künstliche Intelligenz scheint bedeutsamer als das einst revolutionäre Prozessorengeschäft. Zeit für einen neuen Mythos?
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Der Duden definiert den Begriff „Mythos“ unter anderem wie folgt: „Person, Sache, Begebenheit, die (aus meist verschwommenen, irrationalen Vorstellungen heraus) glorifiziert wird, legendären Charakter hat.“

Demzufolge ist das oft beschworene „Moore'sche Gesetz“ definitiv ein Mythos: Ja, die Aussage, dass sich seit der berühmten Erklärung von Intel-Mitbegründer Gordon Moore die Transistorendichte von integrierten Schaltkreisen mehr oder weniger verdoppelt hat, hat irgendwo einen wahren Kern – jedenfalls hat sie seit fast 60 Jahren gefühlt Bestand. Allerdings hatte Moore mit seinem originalen Statement in erster Linie vor, die Überlegenheit seiner Firma im Prozessorgeschäft plakativ zu bewerben und zu unterstreichen.

Ein echter Mythos ist nicht totzukriegen

Das ist ihm auch gelungen, aber die Auslegung des „Gesetzes“ wurde auch mehrmals neu an die Marktbegebenheiten angepasst, damit es seine Gültigkeit behalten konnte. Mal sollte sich die Komplexität von Halbleitern jährlich verdoppeln, dann zweijährlich, mittlerweile geht man eher von 18 Monaten aus. Jahrzehntelang galt es direkt an Robert Dennards Skalierungsgesetz der MOSFET-Komplexität und damit verbundenen Leistungssprüngen gekoppelt – spätestens seit 2006/2007 tut man das lieber nicht mehr und verweist darauf, dass doch Mehrkern-Prozessoren das Moore‘sche Gesetz weiterhin erfüllten.

Die Miniaturisierung kann eigentlich bereits nicht mehr mit der ursprünglichen Auslegung mithalten - dann aber führten Unternehmen, allen voran Intel selbst, neue Fabrikationsprozesse ein, die das Gesetz zumindest nominell weiter erfüllen sollen. Immer wieder wird aufs Neue von verschiedenen Herstellern und Analysten das „Ende des Moore‘schen Gesetzes“ prognostiziert – aber wie legendäre Gestalten es auf sich haben, ist auch dieser Mythos kaum totzukriegen.

Aber mal ehrlich: Ist das noch immer zeitgemäß? Das Desktop-PC-Geschäft, in den 90er Jahren treibende Kraft hinter den Technologiesprüngen in CPUs, stagniert trotz weiterer Leistungssteigerungen seit Jahren. Bei den meisten Prozessoren, die heute im Embedded-Markt verkauft werden, kommt es weniger auf pure Rechenleistung und Transistorendichte als vielmehr auf Energieeffizienz bzw. Leistung pro Watt an. Eine Architektur wie ARM wurde viel attraktiver als klassische, von Intel vorrangig geführte x86-Prozessoren.

Blickt man aufs Rechenzentrum, sind heute Skalierbarkeit und paralleles Computing viel mehr gefragt als brachiale, lineare Rechenkraft. Und schielt man auf den Aktienindex stellt man fest, dass Intel, Komponist und lange Zeit Dirigent hinter dem alten „Gesetz“, nicht mehr länger den Ton anzugeben scheint: Der neue Stern, das wertvollste Unternehmen im Markt, heißt Nvidia.

Stehen die Zeichen auf Wandel?

Und geht es nach Nvidia-Chef Jensen Huang, ist das klassische leistungsgetriebene Computing-Denken out. Die Zukunft liegt in KI – und in den letzten acht Jahren hat sein Unternehmen hier mit Plattformen wie Pascal, Volta oder Ampere Schritt für Schritt den Ton angegeben. Kürzlich erst sprach das Wall Street Journal in diesem Zusammenhang über ein neues technologisches Gesetz: Nvidia-Technologie hat die Sprünge der jüngeren KI-Entwicklung erst möglich gemacht, und Nvidia-Plattformen werden es sein, mit denen sich der Rest der Welt auch künftig messen müsse. Blickt man auf die letzten acht Jahre, so die Leistung von Hardware-Architekturen, die KI-Algorithmen treiben, alle zwei Jahre verdoppelt. Dabei käme es aber nicht auf die Zunahme der Transistorendichte nach Moore an, sondern auf spezialisierte Architekturen und deren Zusammenspiel mit geeigneten Software-Frameworks. Hier gelte von nun an ein anderes Gesetz: „Huangs Gesetz“.

Intel-Mitgründer Gordon Moore (links) und Nvidia-CEO Jensen Huang (rechts). Nvidia hat Intel als wertvollstes Chip-Unternehmen überholt. Gelten nun neue Gesetze auf dem Elektronikmarkt?
Intel-Mitgründer Gordon Moore (links) und Nvidia-CEO Jensen Huang (rechts). Nvidia hat Intel als wertvollstes Chip-Unternehmen überholt. Gelten nun neue Gesetze auf dem Elektronikmarkt?
(Bild: Intel/Nvidia)

Dass sich Nvidia in einer der teuersten Akquisen der Elektronikgeschichte Arm einverleibt, um genau diesen Bereich weiter anzutreiben, passt zu dieser Erzählung: Nicht der Treiber von „Moores Gesetz“ soll das neue Zeitalter bestimmen, sondern die Vertreter von Bereichen, in denen der alte Mythos an Bedeutung verliert.

Der König ist tot – lang lebe der König? Wahrscheinlich ist es für eine solche Proklamation zu früh. Aber ein jedes Zeitalter bringt seine eigenen, neuen Mythen mit sich – und falls wirklich ein neues Technologiezeitalter anbricht, ist es vielleicht auch an der Zeit, an einen anderen Technik-Mythos zu glauben.

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