Meilensteine der Elektronik Klemmfedern – Von Minden in die ganze Welt

Redakteur: Kristin Rinortner

Zunächst wurde sie unterschätzt, dann kopiert und heute ist sie weltweit gefragt: Die Idee der Federklemmtechnik bildet den Beginn der Erfolgsgeschichte von Wago.

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Federklemmtechnik: Die 1970er Jahre beflügeln Wago. 1974 erfolgt der Durchbruch der Federklemmtechnik mit Dosenklemme.
Federklemmtechnik: Die 1970er Jahre beflügeln Wago. 1974 erfolgt der Durchbruch der Federklemmtechnik mit Dosenklemme.
(Bild: Wago)

Am Anfang steht das Patent 838778. Hinter dem Aktenzeichen im Patentamt verbirgt sich eine ein- oder mehrpolige in einem Isolierstoffformstück berührungssicher eingebettete Klemme für den schraublosen Anschluss von elektrischen Leitern. Die Idee stammt von zwei Berliner Erfindern. Ihr Ziel bestand darin, eine sicherere und leicht handhabbare Alternative zum üblichen Schraubanschluss in der Verbindungstechnik zu entwickeln.

Für die Umsetzung sorgten ab 1951 die Brüder Friedrich Hohorst und Heinrich Nagel aus Minden. Sie erwarben die Rechte am Patent und gründeten am 27. April 1951 die Wago Klemmenwerk GmbH. Die Anfangsbuchstaben „WAG“ und „O“ der beiden Patent-Urheber, die AEG-Mitarbeiter Wagner und Olbrich, geben dem Unternehmen seinen Namen.

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Die Federklemmtechnik ist geboren. Die ersten Produkte zeigte Wago stolz auf der Hannover Messe 1951. Die Klemmen versprachen nicht nur schnellere und bequemere Handhabung, sondern auch ein höheres Sicherheitsniveau, da die Kontaktqualität praktisch unabhängig von der Sorgfalt der Bedienperson ist. Allein die Stahlqualität hinderte die Ostwestfalen daran, die Federklemme schnell zu einem Serienprodukte zu entwickeln. Die Fachwelt ist interessiert, zeigte sich aber noch skeptisch. Erschwerend kam hinzu: Es gab keine Vorschriften, nach denen die Federklemmen hätten geprüft und zugelassen werden können.

Visionäre Materialentscheidung

Doch die Gründer gaben nicht auf. Zunächst sicherte das Geschäft mit Suprafix-Bananensteckern dem jungen Unternehmen das Überleben. Diese Stecker wurden damals an praktisch jedem Rundfunkgerät benötigt. Parallel dazu entstanden modulare Klemmleisten, die erste Reihenklemmfamilie für Leiter bis 16 mm² sowie zahlreiche weitere Produkte mit Federklemmtechnik.

Unternehmersohn Wolfgang Hohorst steigt in die Geschäftsleitung ein – und bringt neue Ideen mit. Als erstes Unternehmen der Branche nutzte Wago ab 1968 Polyamid 6.6 als Werkstoff für die Gehäuse seiner Reihenklemmen. Anders als das bisher verwendete Duroplast ist der neue Kunststoff zäh und bruchunempfindlich. Seine Elastizität ermöglichte beispielsweise das Aufrasten der Klemmen auf der Tragschiene. Bis heute ist Polyamid Standard-Werkstoff für Klemmen.

Dass Erfolg nicht immer etwas mit Produktentwicklung zu tun hat, zeigte sich 1973: Durch Pionierarbeit von Wago erließ der VDE die erste Vorschrift für Verbindungsklemmen mit Federanschluss. Im darauffolgenden Jahr erhielten die Wago-Dosenklemmen als erste schraubenlose Verbindungsklemmen überhaupt das VDE-Prüfzeichen.

Durchbruch und Aufbruch

Der große technologische Durchbruch gelang Wago in den 1970ern. Auf der Hannover Messe 1977 präsentierte das Unternehmen erstmals Reihenklemmen mit Cage Clamp. Die grundsätzliche Idee für die schlaufenförmige Feder hatte Erfinder Wolfgang Hohorst bereits einige Jahre vorher. Dank neu entwickelter Chrom-Nickel-Federstähle ließen sich jetzt endlich Käfigzugfedern herstellen, die ohne zusätzliche Federelemente auskommen. Denn mit dem neuen Material konnten „Käfigzugfedern“ als federndes Element eingesetzt werden.

Von nun an bestimmte die Cage Clamp die Produktentwicklung beim Unternehmen. Zahleiche Weiterentwicklungen kamen in den folgenden Jahren auf den Markt – beispielsweise in besonders kleiner Bauform für SMD-Klemmen oder als Power Cage Clamp für Hochstromanwendungen.

Das Patent 2706482 sicherte Wago über viele Jahre die Rechte an der Erfindung. 1995 lief der Schutz aus – und brachte der Federklemmtechnik damit zusätzlichen Schwung. Mitbewerber im In- und Ausland, die in der Vergangenheit auf die Schraubtechnik setzten, boten plötzlich die Federklemmtechnik an. Die Anschlusstechnik entwickelte sich zum internationalen Standard – Wago bleibt jedoch bis heute Weltmarktführer auf diesem Gebiet.

An dieser Stelle ist die Geschichte der Federklemmtechnik jedoch noch nicht beendet. Denn im Jahr 2001 kam eine völlig neue Anschlusstechnik auf den Markt: die Push-in Cage Clamp. Sie ist die erste Federklemme, die es ermöglicht, ein- und mehrdrähtige Leiter ohne Öffnen der Klemmfeder zu stecken. Die Push-in Cage Clamp ist heute das Herz zahlreicher Produkte des Unternehmens aus Minden – beispielsweise aller Reihenklemmen der Serie Topjob S oder in besonders kleiner Bauform in den SMD-Klemmen der Serie 2059.

Die Patentnummer 838778 ebnete den Wago-Gründern den Erfolg und wird von zahlreichen neuen Patentanmeldungen zitiert. Zuletzt im Juli 2000 von Jen-Ching Wang. Die Idee aus Minden hat es um die ganze Welt geschafft.

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