Kommentar von James Adie, Ephesoft KI wird uns nicht ersetzen – sie macht uns noch wertvoller

Autor / Redakteur: James Adie / Nico Litzel

Künstliche Intelligenz soll unser Leben einfacher machen. Aber mit diesem Versprechen kommt auch die Angst, überflüssig zu werden, wenn die KI unsere Jobs übernimmt. Dass unsere Karriere in Zukunft nichts mehr wert sein könnte. Viele Menschen empfinden diesen möglichen Verlust des Arbeitsplatzes als sehr bedrohlich.

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Der Autor: James Adie ist VP EMEA bei Ephesoft
Der Autor: James Adie ist VP EMEA bei Ephesoft
(Bild: Ephesoft)

Die Ängste gegenüber Künstlicher Intelligenz sind verständlich – vor allem nach einer weltweiten Pandemie, die viele Menschen ihre Jobs gekostet hat. Covid-19 hat unzählige Unternehmen dazu gezwungen, ihre Prozesse zu automatisieren und die Digitalisierung voranzutreiben, obwohl sie eigentlich kulturell noch nicht dazu bereit waren. Das hat zu Reibungsverlusten geführt, keine Frage.

Doch die Angst vor KI ist übertrieben. Es wird noch Jahrzehnte oder sogar länger dauern, bis die Künstliche Intelligenz ihr volles Potenzial ausschöpfen kann. Bis dahin gibt noch viele Probleme, die gelöst werden müssen, bevor sie wirklich integraler Bestandteil der Geschäftsabläufe in Unternehmen wird. Tatsächlich geben laut einer aktuellen Umfrage von McKinsey unter KI-High-Performern die meisten Befragten an, dass ihre Geschäftsmodelle (gerade) in den Bereichen nicht richtig funktionieren, in denen KI am häufigsten eingesetzt wird. Dazu gehören Funktionen wie Marketing und Vertrieb, die Produkt- und/oder Serviceentwicklung und der Servicebereich. Aber selbst wenn KI einmal zu dem Wundermittel werden sollte, das manche in ihr sehen – sie wird noch immer Menschen brauchen, die sie pflegen und ihre Effizienz sicherstellen.

Ohne Soft Skills geht es nicht

Die Künstliche Intelligenz verfügt (heute) einfach nicht über die emotionale Intelligenz, die erforderlich ist, um gute betriebswirtschaftliche Entscheidungen zu treffen. Diese aber sind für den erfolgreichen Betrieb einer jeden Organisation dringend notwendig. Sowohl in privaten Unternehmen als auch im Regierungsumfeld und der öffentlichen Verwaltung müssen Entscheidungen nachvollziehbar sein: Warum stehen diese Themen auf unserer Agenda, während andere keine Beachtung finden? Warum hat dieses Unternehmen diesen Auftrag erhalten?

Wie Brian Cantwell Smith in „The Promise of Artificial Intelligence: Reckoning and Judgment“, schreibt, „fehlt den in Geräten verkörperten Qualifikationen [...] das ethische Engagement, das tiefe kontextbezogene Bewusstsein und die ontologische Sensibilität des Beurteilens.“ Künstliche Intelligenz ist großartig, wenn es darum geht, Milliarden von Datenpunkten zu sammeln, zusammenzufassen, zu sortieren und organisiert darzustellen. Aber wenn es um menschliche Emotionen geht, brauchen wir immer noch Menschen, um zu verstehen und zu erklären, warum eine Entscheidung so oder anders gefällt wurde. Dieses signifikante und (bis auf Weiteres) nicht zu behebende Manko der KI macht den Menschen am Arbeitsplatz künftig möglicherweise sogar noch wertvoller.

Die Arbeitswelt wird sich verändern

Die wohl größte Befürchtung in Bezug auf KI ist, dass sie unsere Arbeitsplätze obsolet machen wird. Es stimmt zwar, dass die Weiterentwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz unweigerlich zu einem gewissen Verlust von Arbeitsplätzen führen wird – aber sie wird auch viele neue Jobs schaffen, von denen wir heute noch nicht zu träumen wagen. Gartner hat dies bereits 2017 vorausgesagt und andere Statistiken zeigen, dass bis zum Jahr 2025 rund 97 Millionen Menschen allein für KI-bezogene Aufgaben benötigt werden.

Hinzu kommen noch einmal die zahlreichen anderen Jobs, die durch Künstliche Intelligenz entstehen werden. Wie McKinsey feststellte, „positionieren sich frühe, innovationsfokussierte Anwender (von KI) mit einem klaren Wachstumskurs, was tendenziell die Beschäftigung fördert.“ Darüber hinaus verstehen die meisten Unternehmen, dass der wahre Nutzen von KI nicht darin besteht, Menschen durch Automatisierung zu ersetzen. Es geht vor allem darum, deren Fähigkeiten zu ergänzen, Fehlerquoten zu minimieren und Mitarbeiter von Routineaufgaben zu entlasten, damit sie mehr Zeit für wichtigere Themen gewinnen.

Mit der Angst um den eigenen Arbeitsplatz ist auch die Vorstellung verbunden, dass KI die Produktivität von Unternehmen so enorm steigern wird, dass bestimmte Jobs überflüssig werden.

Blickt man allerdings auf andere große Fortschritte zurück, von denen man erwartet hatte, dass sie die Produktivität steigern, sagen die Fakten etwas anderes. Nach weiteren Untersuchungen von McKinsey steigerte beispielsweise die Dampfmaschine die Produktivität nur um 0,3 Prozent – obwohl sie ohne Zweifel gegenüber dem manuellen Rudern von Booten ein technologischer Durchbruch in den 1800er-Jahren war. Der Produktivitätszuwachs durch IT betrug zwischen 1995 und 2005 nur 0,9 Prozent. In ähnlicher Weise wird erwartet, dass die Produktivität durch Automatisierung zwischen 2015 und 2065 nur zwischen 0,8 und 1,4 Prozent wachsen wird.

KI ist nicht alles

Einen wichtigen Aspekt sollten wir uns stets vor Augen führen: KI ist nur ein kleiner Anteil des Software-Sektors. Die Entwicklung von Systemen und Lösungen umfasst viele Ebenen, die von Menschen geprägt sind – vom Konzept über das Design der Benutzeroberfläche, das Engineering, die Auswahl der Umgebung, den technischen Support, die Produktmanager (die die neuen Funktionen verstehen müssen), und viele andere Bereiche.

Ein Auto lebt nicht vom Motor allein, sondern braucht auch Reifen, Bremsen, Heiz- und Kühlsysteme sowie viele weitere Komponenten. KI ist nur ein Aspekt eines größeren Systems, das größtenteils von Menschen entwickelt, implementiert und betrieben werden muss.

Die Künstliche Intelligenz ist da und sie wird bleiben. Sie wird viele Aspekte unseres Lebens erheblich erleichtern, und darüber sollten wir uns freuen. Aber wir dürfen die Fähigkeit der KI, jedes Problem zu lösen, die Produktivität um mehr als ein paar Prozentpunkte zu steigern oder fundierte Entscheidungen zu treffen, nicht überbewerten.

Um Brian Cantwell Smith zu zitieren: „Wir sollten KI für die Aufgaben einsetzen, in denen sie überragend ist, und nicht für andere Aufgaben, die ihre Fähigkeiten übersteigen.“ Wir Menschen und unsere Fähigkeit zu Kreativität, Empathie und harter Arbeit werden unser Überleben sichern – ob zu Hause oder im Beruf – unabhängig vom Aufstieg der Automatisierung.

Erstveröffentlichung auf unserem Partnerportal Big Data Insider.

* James Adie ist VP EMEA bei Ephesoft

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