Gast-Kommentar: „Wir müssen die KI-Technologie demokratisieren“

| Autor / Redakteur: Dr. Volker Markl / Eilyn Dommel

Dr. Volker Markl: Professor für Datenbanksysteme und Informationsmanagement an der TU Berlin fordert dazu auf die KI-Technologie zu demokratisieren.
Dr. Volker Markl: Professor für Datenbanksysteme und Informationsmanagement an der TU Berlin fordert dazu auf die KI-Technologie zu demokratisieren. (Bild: TU Berlin/PR/Phil Dera)

Ausländische Regierungen und Unternehmen investieren massiv in Künstliche Intelligenz. Deutschland streicht Investitionen zusammen. Für ein radikales Umdenken plädiert Dr. Volker Markl von der TU Berlin. Alle Daten, die in Deutschland oder noch besser in Europa anfallen, sollten auf einer unabhängigen Infrastruktur sicher und zuverlässig verwaltet werden.

Sowohl bei den deutschen Unternehmen als auch der Politik sehe ich noch erheblichen Nachholbedarf. Drei Milliarden Euro will die Bundesregierung bis zum Jahr 2025 im Rahmen der deutschen KI-Strategie bereitstellen. Die Europäische Kommission plant zusammen mit der Wirtschaft rund 20 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 zu investieren.

Im Bereich der Grundlagenforschung ist Deutschland bisher noch gut aufgestellt. Jedoch ist der Wettbewerbsdruck enorm gestiegen, da international derzeit sowohl von Regierungen als auch großen Unternehmen massiv investiert wird. Daher fordere ich die deutschen Unternehmen zu einem Umdenken auf: Viele deutsche Unternehmen haben die Chancen und Potentiale von Big Data und KI-Basistechnologien schlicht nicht rechtzeitig erkannt. Sie sehen sich noch nicht als IT-Unternehmen, sondern als IT-Anwender. Sie kaufen IT ein, anstatt sich die Kompetenz selbst ins Haus zu holen. Aufgrund mangelnder eigener Softwarekompetenz und -innovationen sind einige Unternehmen ernsthaft bedroht von neuen Wettbewerbern. Dieses Verständnis beginnt sich in der deutschen Wirtschaft langsam zu etablieren, jedoch wird der Kompetenzaufbau einige Zeit und Mittel in Anspruch nehmen.

Um wieder mit Ländern wie den USA oder China in einer Liga zu spielen, schlage ich eine unabhängige Infrastruktur zur Datenverwaltung und -analyse vor, die den Produktionsfaktor Daten sowie die Kapazität für deren Verarbeitung und Nutzung durch Wirtschaft, Wissenschaft und jeden einzelnen Bürger bereitstellt. Ich bin überzeugt, dass der Erfolg von Künstlicher Intelligenz sich aus dem Zusammenwirken von Daten, Algorithmen und Anwendungen in effizienten Verarbeitungsinfrastrukturen entscheidet.

Derzeit gibt es in Deutschland leider die Tendenz, Teilaspekte der Künstlichen Intelligenz isoliert zu betrachten. So wird sehr viel über Algorithmenforschung gesprochen, beispielsweise im Bereich des Deep Learning. Dies ist sicherlich wichtig. Jedoch helfen uns die besten Algorithmen nicht, wenn diese nicht auf darunterliegende Technologien und Systeme zurückgreifen können, in denen reale Daten nachhaltig und effizient verarbeitet werden. Es ist extrem wichtig, das gesamte System von Hardware, Software, Daten und Algorithmen zu betrachten sowie die Community und Marktmechanismen zu berücksichtigen.

Letztlich geht es mir darum, die Technologie der Künstlichen Intelligenz zu demokratisieren. Die Vision sollte sein, alle Daten, die in Deutschland oder noch besser in Europa anfallen, auf einer unabhängigen Infrastruktur sicher und zuverlässig zu verwalten. Staatliche Institutionen müssen gewährleisten, dass diese Infrastruktur neutral, vertrauenswürdig, rechtskonform und vor Übernahmen aus dem Ausland geschützt ist. Ich denke an eine Infrastruktur, die sowohl über öffentliche, private und streng geschützte Orte verfügt und die Produktionsfaktoren Daten, Algorithmen sowie Verarbeitungskapazitäten für Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und jeden einzelnen Bürger bereitstellt.

Die datenschutzkonforme Nutzung und interaktive Analysen dieser Daten sollte jedermann zugänglich sein. Darauf basierend könnte ein lebendiger, international konkurrenzfähiger Marktplatz entstehen, der neuartige Anwendungen und Geschäftsmodelle hervorbringt, ein Brutkasten für KI-Innovation, in dem Algorithmen, Daten, und Daten-Apps entwickelt und gehandelt werden können.

Nur wenn wir so groß denken, wird man auch im Hinblick auf Nutzung und Kosteneffizienz die kritische Masse und Skaleneffekte erreichen, die für Betrieb und Erfolg nötig sind. So können wir ein Innovationsökosystem für Künstliche Intelligenz schaffen, das Deutschland und Europa befähigt, im internationalen Wettbewerb um Köpfe, Technologien und Anwendungen vorne mitzuspielen und gleichzeitig die digitale Souveränität und die europäischen Werte sicherstellt.

* Dr. Volker Markl, Professor für Datenbanksysteme und Informationsmanagement an der TU Berlin, Chief Scientist am DFKI in Berlin und Mitgestalter der KI-Strategie der Bundesregierung

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