Verkabelungskonzepte in Gebäuden Kabel-Sharing als Bandbreitenreserve

Autor / Redakteur: Peter Breuer* / Kristin Rinortner

War Kabel-Sharing in der Vergangenheit vielfach verpönt und außerhalb der Norm für Verkabelungsinfrastrukturen, gewinnt es heute durch den Einsatz von neuartigen Verkabelungssystemen immer mehr an Bedeutung in kommerziell genutzten Bürogebäuden.

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( Archiv: Vogel Business Media )

Kabel-Sharing beschreibt die Technik von mehr als einer Anwendung über unterschiedliche Paare einer Twisted-Pair-Verkabelung. Das Prinzip des Kabel-Sharings ist bei Telekommunikations-Spezialisten bereits seit geraumer Zeit akzeptiert, inbesonde in der Telefonverkabelung. Heute werden auch in der Datenübertragung die Vorteile geringerer Kosten aufgrund kleinerer Kabelstrecken und Anschlussdosen, vereinfachte Administration sowie die Möglichkeit, konvergierende Anwendungen über einen Mediatypen zu betreiben, erkannt. Die wachsende Akzeptanz voll geschirmter Systemen (z.B. Kategorie 7 oder Klasse F) auch außerhalb Europas ist der Hauptgrund, warum Kabel-Sharing bei den Berater- und Planerfirmen der IT Industrie immer mehr Berücksichtigung findet.

Generische Topologien und minimale Anforderungen

TIA- und ISO-Telekommunikations-Standards (TIA – Telecommunications Indystry Association; ISO – International Standars Organisation) spezifizieren generische Topologien und minimale Anforderungen, um ein weltweit einheitliches Design von Verkabelungssystemen sicherzustellen. In vielen kommerziellen Büroumgebungen werden als minimale Standardanforderung zwei Datenanschlüsse pro Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt, in Deutschland vielfach auch bis zu vier Anschlüssen.

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Darüber hinaus gibt es aber einige Anwender wie Call Center, Faxzentren, Klassenräume, Trainingszentren und Überwachungseinrichtungen die weit mehr als zwei Anschlüsse pro Arbeitsplatz benötigen. Arbeitsplätze mit hoher Packungsdichte erfordern typischerweise eine Vielzahl von Low-Speed-Anwendungem in Verbindung mit einer oder zwei High-Speed-Datenverbindung.

Unnötige Kosten werden vermieden

Kabel-Sharing unterstützt diese Art von Arbeitsplätzen in Bezug auf vereinfachte Verwaltung durch weniger Kabelstrecken und vermeidet damit unnötige Kosten durch ungenutzte Kabelpaare, da bei herkömmlichen Verkabelungen normalerweise vier Paare für einen Dienst zur Verfügung gestellt werden und in der Regel außer bei Gigabit Ethernet mindestens zwei Paare ungenutzt bleiben. Auch können bei hochwertigen Kategorie-7/Klasse-F-Verkabelungen für Kabelfernsehen (CATV) oder Industriefernsehen (CCTV), die normalerweise über Koaxkabel betrieben werden, sowie Intercom-Anlagen, die mit 18-AWG-Kupferleitungen arbeiten, mithilfe kostengünstiger Bauteile (z. B. Video-Baluns) in das Telekommunikations-Netzwerk eingebunden werden.

Unterstützung durch Standardisierungsgremien

Einige Planer zweifeln heute noch Kabel-Sharing an, weil sie nicht sicher sind, ob es von den Standards unterstützt wird. Beide Standardisierungsgremien, TIA und ISO, berücksichtigen Kabel-Sharing und geben entsprechende Richtlinien. Im Anhang B des Standards ANSI/TIA/EIA568-B.1 wird die Übertragungsleistung von unterschiedlichen Anwendungen auf einem gemeinsam genutzten Medium unter der Berücksichtigung von Übesprechen zwischen den den einzelnen Adernpaaren beschrieben und Beispiele von gemeinsam zu nutzenden Anwendungen gegeben.

In der ISO/IEC 11801:2002, 2. Ausgabe, werden weitere Informationen zum Thema Übersprechen bei Kabel-Sharing und die Minimierung der Unverträglichkeit bei Nutzung von Adernpaaren in einem Kabel mit gemeinsamen Mantel gegeben. Der Standard ISO/IEC 150 18 geht noch einen Schritt weiter und empfiehlt Kabel-Sharing in Wohnungsumgebungen, wenn der Platz in Kabelkanälen limitiert ist. Alle Telekommunikations-Standards berücksichtigen Kabel-Sharing und sprechen entsprechende Empfehlungen aus.

Anwendungen funktionieren ohne Störungen

Kabel-Sharing war in der Vergangenheit bis zur Anpassung der Klasse F, S/STP-Verkabelung bei der ISO wenig populär. Das war darin begründet, dass das die Auswirkungen des Übersprechens bei UTP- und F/UTP-Systemen bei mehreren Anwendungen in einem Kabel schwer voraussehbar waren. Erst in den so genannten S/STP-Verkabelungen aufgrund der einzeln geschirmten Adernpaare konnte eine ausreichende Garantie gegeben werden, dass mehrere Anwendung über eine Klasse-F-Verbindung ohne Störung funktionieren.

Klasse-F-Verkabelungsanforderungen wurden bereits im ISO/IEC Standard 11801 im Jahre 1999 veröffentlicht. Klasse-F-Verkabelungen basieren auf einem paarweise geschirmten Kategorie-7-Kabel und entsprechenden Anschlusskomponenten, die eine Bandbreite von bis zu 600 MHz realisieren können. Die bevorzugte Anschlusskomponente für Kabel-Sharing ist ein nicht RJ45 basierendes Interface und ist in der IEC 61073-3-104 beschrieben.

Kleine Kosten, große Flexibilität und hohe Anzahl von Konfigurationen

Somit sind durch die einzelnen Kammern eine Nutzung von ein, zwei und vier paarigen Anschlüssen gewährleistet. Auf der Gegenseite kann die Adaption mit entsprechenden RJ11- oder RJ45-Steckverbindern durchgeführt werden. Eine Erweiterung des Klasse-F-Standards ist derzeit in der Entwicklung bei der ISO. Die sogenannte Klasse FA benutzt das gleiche Non-RJ45-Interface und ist spezifiziert bis 1000 MHz. Somit werden CATV-Anwendungen mit einer Bandbreite von bis zu 862 MHz ohne Probleme unterstützt.

Der Einsatz von Kabel-Sharing bietet eine extrem große Flexibilität und unterstützt eine große Anzahl von Konfigurationen. Bereits ein Anschluss kann heute die Anforderungen der meisten Endanwender abdecken. In Call oder Fax-Centern sind die Arbeitsplätze typischerweise mit analogen Telefonen und Internet Terminals ausgestattet. Im Beispiel in Bild 3 kann bereits ein Anschluss vier Telefonanschlüsse bereitstellen. Bei Verwendung von Kabel-Sharing in Call- und Faxzentren lassen sich bis 10% Material und bis zu 38% Anschlusshardware einsparen. In anderen Umgebungen wie Klassenräumen, Trainingszentren, im Gesundheitswesen und bei Überwachungseinrichtungen, die z.B. VoIP, CATV, CCTV, Internet, Überwachungskameras, Intercom und schnelle Datendienste nutzen, liegt das Einsparungspotenzial sogar noch höher.

Das ist besonders im Hinblick auf die z.Zt. dramatisch ansteigenden Kupferpreise und die damit verbundene Verteuerung von Kabel und Anschlusskomponenten sehr interessant für den Endanwender.

Bei Planung künftige Anforderungen berücksichtigen

Bei der Planung von Kabel-Sharing-Lösungen sollten nicht nur die derzeitigen Anwendungen, sondern auch zukünftige Anforderung und der Lebenszyklus von Netzwerken berücksichtigt werden. Eine Kategorie-7/Klasse-F-Verkabelungsinfrastruktur bietet heute schon neben den vielfältigen Möglichkeiten des Kabel-Sharings eine ausreichende Bandbreitenreserve für Anwendungen der nächsten Netzwerk-Generationen.

*Peter Breuer ist bei Siemon als Regional Director für den Bereich Zentral- und Osteuropa verantwortlich.

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