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Juni 1985: Der Atari ST

| Redakteur: Sebastian Gerstl

Im Juni 1985 war der Atari ST erstmals im Handel erhältlich. Der Heimcomputer, oft liebevoll-spöttisch als „Jackintosh“ bezeichnet, wurde vor allem in Deutschland einer der beliebtesten Rechner des 16-Bit-Zeitalters.

Die Modellvariante 1040 STF erschien 1986. Der Rechner verfügte über ein Megabyte Arbeitsspeicher – für die damalige Zeit eine enorm großzügige Kapazität.
Die Modellvariante 1040 STF erschien 1986. Der Rechner verfügte über ein Megabyte Arbeitsspeicher – für die damalige Zeit eine enorm großzügige Kapazität.
(Bild: Atari 1040STf.jpg / Bill Bertram, Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Der Atari 520 ST, der am 5. Januar 1985 auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas das Licht der Weltöffentlichkeit erblickte, war in gewisser Weise der gar nicht so heimliche Nachfolger des Heimcomputer-Bestsellers Commodore 64. Schließlich hatte Commodore-Gründer Jack Tramiel 1984 den Spielkonsolen- und Heimcomputerhersteller Atari gekauft. Vorausgegangen war ein Zerwürfnis mit Irving Gould, dem damaligen Hauptaktionär von Commodore.

Atari war zum damaligen Zeitpunkt schwer angeschlagen. Der Erfolg der ersten Heimcomputer-Generation hatte erheblich zum Zusammenbruch des Marktes für Spielkonsolen beigetragen. Zwar hatte auch Atari durchaus konkurrenzfähige 8-Bit-Computer am Start, doch der mörderische Preiskampf zwischen den Herstellern, der damals tobte, setzte dem Unternehmen schwer zu.

Ironischerweise war es Jack Tramiel selbst gewesen, der noch in seiner Zeit bei Commodore den Preiskrieg im Heimcomputermarkt ausgelöst hatte. Sein Ziel war es, Texas Instruments aus dem Markt zu drängen. Tramiel beglich damit eine alte Rechnung: Commodore hatte wenige Jahre zuvor im Taschenrechner-Segment die Segel streichen müssen, da TI seine Rechner billiger angeboten hatte als die Konkurrenz.

Was Atari jetzt brauchte, war ein zukunftsfähiges neues Flaggschiff – und zwar schnell. Glücklicherweise war auch Shiraz Shivji, einer der Entwickler des legendären C64, mit Tramiel zu Atari gewechselt. Er machte sich mit einem kleinen Ingenieurteam sofort an die Arbeit und entwickelte den ST innerhalb von fünf Monaten bis zur Serienreife.

Und was Atari an jenem 5. Januar 1985 in Las Vegas präsentierte, kam einem technischen Quantensprung gleich. Der 520 ST verfügte über einen mit acht Megahertz getakteten Motorola 68000 als Hauptprozessor. Der 68000er rechnete intern mit 32 Bit und verfügte über einen 16 Bit breiten Datenbus.

Daher erklärt sich auch die Namensgebung für die Rechnerfamilie: ST stand für Sixteen/Thirty-two. Spätere Atari-Rechner, die einen vollwertigen 32-Bit-Chip besaßen, hießen folgerichtig TT. Mit 512 Kilobyte Arbeitsspeicher war der 520 ST zudem verhältnismäßig großzügig ausgestattet.

Außerdem besaß der Rechner ein fest eingebautes 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerk. Auch das war bei einem Computer, der auf den Massenmarkt zielte, keineswegs alltäglich. Für die gängigen Acht-Bit-Computer waren zwar Diskettenlaufwerke erhältlich, doch mussten diese zusätzlich zum Rechner angeschafft werden. Darüber hinaus waren die Laufwerke zum Teil noch teurer als die Rechner selbst.

Der Atari ST und elektronische Musikinstrumente ergänzten sich dank der eingebauten MIDI-Schnittstelle im ST perfekt. Hier eine typische Kombination eines Mega ST mit einem digitalen Keyboard.
Der Atari ST und elektronische Musikinstrumente ergänzten sich dank der eingebauten MIDI-Schnittstelle im ST perfekt. Hier eine typische Kombination eines Mega ST mit einem digitalen Keyboard.
(Bild: Atari ST + TerraTec-Profimedia Midi Smart TMS3.jpg / Marcin Wichary, Wikimedia Commons / CC BY 2.0)

Noch viel augenfälliger war die Systemsoftware des Atari. Das Gerät verfügte über die von Digital Research entwickelte grafische Benutzerschnittstelle GEM, die auf einem Betriebssystem namens TOS aufsetzte. Gerüchteweise stand das Kürzel für „Tramiel Operating System“.

Musiker blieben dem ST lange treu

Die Atari-Ingenieure hatten sich bei der Gestaltung der Benutzeroberfläche stark von Apples Macintosh inspirieren lassen, der im Vorjahr erschienen war. Deswegen hatte der ST auch sehr schnell den Spitznamen „Jackintosh“ weg, da er ähnlich intuitiv per Maus zu bedienen war wie der Apple-Rechner.

Hardwareseitig basierte der Atari auf demselben Prozessor wie die frühen Macintoshs. Mit einem Listenpreis von 800 Dollar mit monochromem Monitor beziehungsweise 1000 Dollar mit Farbmonitor lag er allerdings weit unter dem Verkaufspreis von Apples Ur-Macintosh, der sich auf knapp 2500 Dollar belief.

Bei seiner Präsentation hinterließ das Gerät einen nachhaltigen Eindruck. Allerdings ließ sich nicht abschätzen, ob die großen Softwarehäuser neben den IBM-PC-Kompatiblen und den Apple-Rechnern noch ein drittes System unterstützen würden. Jack Tramiel hatte sich als Commodore-Chef nie sonderlich um die Pflege der Beziehungen zu den Softwareherstellern gekümmert, und diese Einstellung änderte sich auch bei Atari nicht grundlegend.

Abgesehen davon begann sich in den USA die Teilung des Marktes in Heim- und professionelle Computer aufzulösen. Wer im Büro einen IBM-PC oder Kompatiblen stehen hatte, kaufte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für zuhause einen PC-Klon. Dazu trug auch bei, dass viele in den USA entwickelten Computerspiele auch für den IBM-PC und die Kompatiblen verfügbar waren.

Dank seiner semiprofessionellen Anmutung und des vergleichsweise günstigen Preises fand der ST aber gerade in Deutschland eine breite Anhängerschaft. Er eignete sich unter anderem für Aufgaben wie das Desktop Publishing und fand insbesondere unter Musikern treue Freunde.

Das lag daran, dass der ST mit einer MIDI-Schnittstelle ausgestattet war, die es erlaubte, den Rechner mit elektronischen Musikinstrumenten wie Keyboards oder Synthesizern zu verknüpfen. Noch bis in die 2000er Jahre waren ST-Rechner bei musikaffinen Anwendern weit verbreitet. Die Berliner Band Atari Teenage Riot verwendet bis heute den ST für ihre Kompositionen und zollt mit ihrem Namen dem legendären Jackintosh Tribut.

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