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Jedem dritten EMS-Unternehmen droht in den nächsten Jahren das Aus

| Autor / Redakteur: Claudia Mallok* / Johann Wiesböck

Der Markt für Electronic Manufacturing Services hat ein großes Potenzial – nur nicht für jeden. Etwa ein Drittel der EMS-Firmen wird in den nächsten Jahren vom Markt verschwinden. Branchenkenner, Marktakteure und Spezialisten zeigten beim Würzburger EMS-Tag, wie sich die EMS-Unternehmen verändern und aufstellen müssen, um im Wettbewerb Schritt zu halten.

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Branchentreff mit „AHA“: Der 18. EMS-Tag im September war einige der wenigen Präsenzveranstaltungen in diesem Jahr und bis auf den letzten Platz ausgebucht.
Branchentreff mit „AHA“: Der 18. EMS-Tag im September war einige der wenigen Präsenzveranstaltungen in diesem Jahr und bis auf den letzten Platz ausgebucht.
(Bild: VCG)

„Wer glaubt, er brauche nur die Coronakrise auszusitzen, hat nichts verstanden“, warnte Branchenkenner Dieter Weiss, in4ma. Seit drei Jahren wertet die in4ma Marktforschung die betriebswirtschaftlichen Daten aller EMS-Firmen in Europa akribisch aus. Das Ergebnis: Der in 2019 eingeläutete Paradigmenwechsel wird den EMS-Markt verändern und sich nun noch beschleunigen.

Die Indizien dafür: Erstens: Die Fertigungstiefe der EMS-Firmen erhöht sich und damit das erforderliche Investitionsvolumen. Zweitens: Die großen EMS-Firmen wachsen schneller als die kleinen und erhöhen ihren Marktanteil. Drittens: Der Preisdruck nimmt zu und die Gewinnmargen sinken konstant. Als Faustformel gilt: Um wettbewerbsfähig zu sein, darf die Summe aus Material- und Personalkosten nicht größer sein als 90%.

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Osteuropa wächst schneller als Westeuropa

Bis Ende 2019 wuchs das EMS-Produktionsvolumen in Europa um rund 3,9%; in Osteuropa sogar um 4,2%. Der Grund: Die Fertigungen in Osteuropa können im Preiswettbewerb mit Fernost mithalten. Die Lohnkosten sind in Osteuropa teilweise mit denen in China gleichzusetzen, das Ausbildungsniveau ist hoch und die räumliche Nähe zu den Absatzmärkten in Westeuropa bedeutet erheblich niedrigere Logistikkosten.

Dann kam die Pandemie: Der Auftragseingang ging zurück, Kunden gingen in Kurzarbeit, der Auftragsbestand nahm ab, Liefertermine wurden geschoben, viele EMS-Firmen mussten ebenfalls Kurzarbeit anmelden, Umsätze sind zum Teil zweistellig eingebrochen. Für das 4. Quartal rechnet der Marktforscher mit Normalisierung; im Frühjahr 2021 aber auch mit Insolvenzen. Der EMS-Markt schrumpft und das Niveau von 2019 wird erst in 2022 erwartet.

„Der Markt schreit nach Konsolidierung“, folgert Jan Pörschmann, Experte für technologieintensive Transaktionen bei Proventis Partners in München. Bei Unternehmen wird es zu einer steigenden Verschuldung zum Überbrücken der Einnahmenausfälle, fehlendem Zukunftskapital für Investitionen in Transformation und Innovation, einem Rückgang der Produktivität, schließlich sinkenden Unternehmenswerten und steigenden Kapitalmarktkosten für die Refinanzierung kommen. Ein Drittel der EMS-Firmen wird in den nächsten zehn Jahren vom Markt verschwinden, schätzen die Experten.

Potenzial für Fertigungsverlagerung ist da

Dabei hat der Markt für Electronics Manufacturing Services viel Potenzial. Über 50 Mrd. Euro schwer ist der EMS-Markt in Europa. Und der Trend zur Produktionsauslagerung an Fertigungsdienstleister ist noch nicht vorbei. Der Vergleich mit den Zahlen der deutschen Elektroindustrie 2013 bis 2018 bestätigt: Während die gesamte Industrie in fünf Jahren um 17,3% zulegte, gewann die EMS-Industrie mit 27,9% über 10% mehr Marktanteil. Legt man zugrunde, dass etwa 67% der Elektronikhardware die OEM-Firmen im eigenen Haus fertigen, dann stehen weitere 76 Mrd. Euro im Raum. „Theoretisch wären EMS-Unternehmen in der Lage, das gleiche Produkt mit ihrer wesentlich schlankeren Firmenstruktur zu 15% billiger zu fertigen“, glaubt Dieter Weiss.

Aber: Das EMS Geschäft wird in den nächsten zehn Jahren ganz anders praktiziert als in den letzten zwanzig. Deutschland ist der größte Elektronikmarkt in Europa und hat mit 525 EMS/ODM-Unternehmen die meisten Produktionen in Europa. Mit der reinen Bestückung von Leiterplatten werden immer geringere Margen erwirtschaftet. Die Anforderungen der OEMs steigen permanent. Insbesondere kleine EMS-Unternehmen können dem nicht mehr gerecht werden und Produktionsaufträge fließen zu größeren Unternehmen ab.

Viele kleine Firmen mit einem geringen Produktionsanteil fertigen einen großen Produktmix mit kleinen Stückzahlen (High Mix/Low Volume). Lediglich einige global operierende Unternehmen mit Zweigfirmen in Europa fertigen große Serien (Low mix/high Volume). Durch diese Unterscheidung sehen die meisten EMS-Unternehmen die großen EMS/ODM nicht als Wettbewerb. Fatal, denn auch die großen Spieler schauen zunehmend auf die profitableren Marktsegmente, die meist im High Mix/Low Volume-Segment liegen.

Fusionen und Unternehmenskäufe haben zugenommen

Dieter G. Weiss, Inhaber in4ma: „Der Markt hat weiterhin ein großes Potenzial aber eben nicht für jeden.“
Dieter G. Weiss, Inhaber in4ma: „Der Markt hat weiterhin ein großes Potenzial aber eben nicht für jeden.“
(Bild: VCG)

„Seit letztem Jahr ist zunehmende Aktivität bei Mergers & Acqusitions (M&A) zu erkennen. Sowohl innerhalb der Branche wird nach Kaufoptionen gesucht als auch von extern sowie von Private Equity Unternehmen (PE)“, berichtete Dieter Weiss. Nicht gerechtfertigt sei das vielfach negative Image der PE-Firmen. Viele PE suchen ein längerfristiges Engagement und wollen die Unternehmen gemeinsam mit dem Unternehmer, der dazu einen gewissen Firmenanteil an den PE verkauft, in eine deutlich bessere Unternehmensposition bringen.

Diese Transaktionen können der Zukauf weiterer Unternehmen im gleichen Marktsegment sein oder die gezielte Kombination mit anderen Firmen sein, die in der Wertschöpfungskette vor- oder nachgelagert sind. Was Unternehmer über M&A-Geschäfte wissen müssen, gab Jan Pörschmann mit auf den Weg. Der Experte für technologieintensive Transaktionen erklärte, wie sich der Unternehmenswert von EMS-Anbietern bemisst und welche Besonderheit bei M&A-Transaktionen für EMS-Unternehmen haben.

Wer im Rennen bleiben will, muss seine Hausaufgaben machen. Dazu gehören die Materialwirtschaft und Auftragsabwicklung. Philip Berghoff vom Beratungsunternehmen und Softwarespezialisten Perzeptron erklärte, wie smarte und datengetriebene Prozesse in Fertigungssteuerung und Materialwirtschaft Durchlaufzeiten verkürzen und Liegezeiten von Aufträgen verringern. Positive Effekte sind geringere Kapitalbindung, mehr Produktivität und eine höhere Liefertreue.

Die eigene Performance von der Masse abheben

Bernd Enser, COO Semikron und Vorstand im ZVEI: „Wir machen das T des IoT!“
Bernd Enser, COO Semikron und Vorstand im ZVEI: „Wir machen das T des IoT!“
(Bild: VCG)

Strategien sind gefragt, um die eigene Performance von der Masse abzuheben. Anregung gibt die Technologie-Roadmap des ZVEI, die Bernd Enser, COO bei Semikron und Leiter der Technischen Kommission und Mitglied im Vorstand des ZVEI präsentierte „Unsere Branche ist Triebfeder für Innovation und gesellschaftlichen Fortschritt. Wir machen das T des IoT, motivierte Enser die Teilnehmer, Mit der Technologie Roadmap will der ZVEI Unternehmen helfen, ihre Potenziale zu identifizieren und zu bewerten. Das 330-seitige Kompendium gibt einen strukturierten Überblick über alle Facetten der Digitalisierung in der Elektroindustrie, künstliche Intelligenz, Industrie 4.0 und Cybersicherheit. Der Prozess der Produktentstehung wird darin ebenso behandelt wie politische Entwicklungen und Trends in Forschung und Bildung.

Alexander Gerfer, CTO Würth Elektronik eiSos: „Der Servicegedanke beim Verkauf von Bauteilen muss neu gedacht werden.“
Alexander Gerfer, CTO Würth Elektronik eiSos: „Der Servicegedanke beim Verkauf von Bauteilen muss neu gedacht werden.“
(Bild: VCG)

Wie ein Unternehmen Kundennähe und Digitalisierung neu interpretieren kann, präsentierte Alexander Gerfer, CTO der Würth Elektronik eiSos. Sein Standpunkt: Unternehmen werden nicht von technischen Innovationen des Wettbewerbs überrollt, sondern haben bereits zuvor die Kundenorientierung und ihre Servicekompetenzen verloren. Am Beispiel der Online-Design-In-Plattform „Redexpert“ zeigt Gerfer, wie digitale Angebote, die sich vom klassischen e-Commerce unterscheiden, Kunden einen Mehrwert bieten und sich positiv vom Wettbewerb abheben.

Veränderungen gehen weit über die Produktion hinaus

„Disruptive Künstliche Intelligenz und Big Data fangen gerade erst an und Drohnen könnten schon bald in den Fertigungen landen“, eröffnete Clemens Jargon, VP Global SMT bei Mycronic seinen Vortrag zentrale Herausforderungen und Trends in der Elektronikfertigung. „Wir sehen ein riesiges Potenzial an Kosteneinsparungen, Produktivität und Ertragsverbesserungen durch die Optimierung von SMT-Prozessen und Arbeitsabläufen, anstatt sich nur auf die Geschwindigkeit der Bauteilebestückung zu konzentrieren“, zeigte Jargon an Beispiel integrierter SMT-Lösungen, innovative Montagetechnologien und einem Fertigungsprozess, der stets unter Kontrolle ist.

Dr. Marc Achhammer, Group Director Operations Katek-Gruppe: „Digitalisierung der Produktion ist notwendig aber nicht hinreichend.“
Dr. Marc Achhammer, Group Director Operations Katek-Gruppe: „Digitalisierung der Produktion ist notwendig aber nicht hinreichend.“
(Bild: VCG)

„Digitalisierung in der Produktion ist notwendig, aber nicht hinreichend“, argumentierte Dr. Marc Achhammer. Achhammer leitet die operativen Geschäftsbereiche Operations, Produktion, R&D und IT für die Katek Gruppe, die zielstrebig und erfolgreich im Markt unterwegs ist. In seinem Vortrag wie die EMS-Branche in zehn Jahren aussehen wird und wie muss sie sich verändern, wenn sie überleben will, stand die entscheidende Frage im Raum: Was bedeuten die neuen durch die Digitalisierung getriebenen Geschäftsmodelle, Möglichkeiten und Entwicklungen für die EMS-Branche?

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Standing Ovations für Johann Weber

ELEKTRONIKPRAXIS-Chefredakteur Johann Wiesböck dankt Johann Weber mit einer eigenen Titelseite.
ELEKTRONIKPRAXIS-Chefredakteur Johann Wiesböck dankt Johann Weber mit einer eigenen Titelseite.
( Bild: VCG )

Unter großem Beifall und Anerkennung der Teilnehmer des EMS-Tages wurde Johann Weber, Vorstandsvorsitzender der Zollner Elektronik AG, für sein Engagement geehrt. Johann Weber wird sich zum Jahresende in den Ruhestand verabschieden. „Wir, die Branche, verlieren eines unserer prominentesten Gesichter und eifrigsten Akteure“, sagte Claudia Mallok in der Laudatio. Unter der Führung von Johann Weber hat sich die Zollner Elektronik AG zum größten Mechatronik-Dienstleister Europas mit 11.500 Mitarbeitern entwickelt und gehört weltweit zu den Top 15 der EMS-Branche. ELEKTRONIKPRAXIS-Chefredakteur Johann Wiesböck hatte ein ganz besonderes Geschenk vorbereitet: eine eigene Titelseite. Diese Ehre wird üblicherweise nur internen Mitarbeitern beim Abschied zuteil.

Die Veränderungen in der Schnittstelle zu Kunden und Lieferanten werden dramatisch sein. Außerdem werden andere Teile in der Wertschöpfungskette entscheiden. Beispiel: Bei 75% Materialanteil einer elektronischen Baugruppe bedeutet 1% Verbesserung beim Material dreimal so viel wie 1% Verbesserung in der Produktion. „Es ist unerlässlich, sich mit diesen Zukunftsthemen auseinanderzusetzen. Heute müssen wir uns entscheiden, wie wir damit umgehen wollen“, betonte der Katek-Manager.

Wie immer finden Sie alle Redner und Ihre Vorträge auf der Webseite des EMS-Tages

* Claudia Mallok arbeitet als freiberufliche Fachjournalistin.

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