Nach Deutschland zurück

Ist Reshoring ferner Traum oder bald reale Notwendigkeit?

| Autor / Redakteur: Michael Gasch* / Johann Wiesböck

China: Nur 10 % der Abwässer werden behandelt, der Rest fließt ungeklärt in die Flüsse
China: Nur 10 % der Abwässer werden behandelt, der Rest fließt ungeklärt in die Flüsse (Bild: VBM-Archiv)

In den 80er-Jahren begann mit der Globalisierung der Wirtschaft eine Verlagerungswelle. In den 90ern kam das Wort Outsourcing in den Sprachgebrauch. Aber jetzt zeichnet sich eine gegenläufige Entwicklung ab. Denn China gibt Anlass, über Reshoring nachzudenken.

Besonders in den USA wird seit vergangenem Jahr verstärkt über Rückverlagerungen berichtet. Allerdings ist man sich über die Begrifflichkeit (ob Reshoring oder Nextshoring) noch nicht im Klaren und genauso wenig, ob sich diese Entwicklung als Luftschloss erweist oder eine reale Möglichkeit darstellt.

Fest steht, dass China die Werkbank der Welt wurde. Seit der Öffnung des Landes 1978 wurde ein konsequenter Weg verfolgt, die rückständige Wirtschaft zu modernisieren und auszubauen. Billige Arbeitskräfte, eine niedrig bewertete Währung und die Aussicht auf einen riesigen Markt veranlassten westliche Unternehmen, in Scharen zu kommen, um dort zu produzieren.

Für den Westen standen Anfang der 90er-Jahre die Personalkosten so sehr im Fokus, dass andere Faktoren ausgeblendet wurden. Es reichte auch nicht, zu „nur etwas billigeren Standorten“ (wie Mexiko für die USA oder die neuen EU-Staaten für Europa) zu wechseln, es musste ganz billig (Asien) sein. Da kam die Öffnung Chinas gerade recht.

Nun ist es nicht so, dass die Chinesen als Menschenfreunde unsere Inflationsraten reduzieren wollten. Chinesen sind – vielleicht sogar etwas mehr als andere Völker – sehr erfolgsorientiert. Selbständig zu sein und den erworbenen Reichtum zu zeigen, sind erklärte Lebensziele.

Und um reich zu werden machten sich Millionen von Wanderarbeitern auf den Weg in die Städte – ohne dort jedoch irgendwelche Rechte zu haben. Inzwischen haben 300 Millionen Chinesen einen Lebensstandard, der dem von Europäern vergleichbar ist (das entspricht fast der Gesamtbevölkerung der USA), aber über 128 Millionen (entsprechend ~10 % der chinesischen Gesamtbevölkerung) müssen mit weniger als einen US-$ pro Tag auskommen.

Das Heer von Arbeitern zog unterschiedlichste Industriezweige an. Seit 1990 wurden knapp 900 Mrd. US-$ in den Aufbau modernster Fabriken investiert. Besonders attraktiv war und ist China für die Elektronik. Mit der wachsenden Zahl von Firmen folgten die Zulieferer. In den freigegebenen Regionen – zuerst um Guangzhou, später auch in anderen Provinzen an der Ostküste – entwickelten sich spezialisierte Netzwerke.

Aber auch die zunächst so günstigen Standorte verteuerten sich. Die wachsende Nachfrage nach Arbeitskräften ließ logischerweise die Löhne steigen. Von Taiwan 1988 ausgehend wurden neue Standorte in anderen Landesteilen entwickelt, bis auch diese „zu teuer“ wurden. Inzwischen ist die „Karawane“ in der Provinz Guizhou angekommen, und das wird nicht der Schlusspunkt sein.

Ergänzendes zum Thema
 
China – Comeback einer Wirtschaftsmacht

Chinas Industriepolitik lockte mit Vergünstigungen, wenn neben Kapital auch Knowhow ins Land kam. Das war immer der Fall, selbst wenn es sich „nur“ um westliche Produktionsmethoden handelte. Das Ergebnis ist ein in nur einer Generation (seit 1990) um das Dreißigfache gewachsenes BIP.

Es etablierte sich eine effektive und wettbewerbsfähige Lieferbasis und China sammelte gewaltige Devisenreserven an. Aber im gleichen Zeitraum ergaben sich wesentliche Veränderungen: die Zahl der arbeitsfähigen Bevölkerung schrumpfte aufgrund der Ein-Kind-Politik, Löhne und Arbeitsbedingungen kamen in die Kritik, das Wirtschaftswachstum wurde zu sehr von den Industrieländern ab-hängig und schließlich will China weg vom „Billigimage“. Diese Fakten erfordern erhebliche Veränderungen, die dafür erforderlichen Schritte sind jedoch nicht kurzfristig möglich und stehen oft mit dem Image einer kommunistischen Führung nicht in Einklang.

Die Finanzkrise und die weltweite Abkühlung des Wirtschaftswachstums einerseits sowie der Wechsel in der Parteispitze 2013 andererseits eröffneten einen Weg. Damit ergaben sich günstige Voraussetzungen: der Umbau konnte begründet werden, ohne dass es auf die Parteiführung zurückfiel.

Kommentar zu diesem Artikel abgeben
Ein exzellenter Bericht! Vielen Dank, Herr Gasch!  lesen
posted am 10.11.2017 um 13:20 von Unregistriert


Mitdiskutieren
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 42931837 / Unternehmen & Strategien)