Subventionswettlauf in der Chip-Industrie Ist China bald Chip-Produzent Nr. 1?

Autor / Redakteur: Henrik Bork / Michael Eckstein

Die globale Halbleiter-Produktion verlagert sich immer weiter nach Asien, und dort zunehmend in die Volksrepublik China. Auch die größten Absatzmärkte liegen dort. Können die USA und die EU überhaupt noch dagegen halten?

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Welt im Wandel: Bisherige Platzhirsche wie Intel geraten durch Konkurrenten aus Fernost zunehmen unter Druck. Noch hat China bei Highend-Chips nichts zu melden – doch die Staatenlenker des Riesenreichs wollen dies ändern.
Welt im Wandel: Bisherige Platzhirsche wie Intel geraten durch Konkurrenten aus Fernost zunehmen unter Druck. Noch hat China bei Highend-Chips nichts zu melden – doch die Staatenlenker des Riesenreichs wollen dies ändern.
(Bild: Intel Corporation)

Computerchips werden immer häufiger in China produziert. Der Trend ist klar erkennbar, und in Washington und Brüssel sucht man nach Möglichkeiten, gegenzusteuern. Doch derzeit sieht es eher so aus, als werde der Vorsprung Asiens und Chinas künftig sogar noch schneller wachsen – nicht zuletzt dank höherer Subventionen durch die Regierungen und wirksamer Cluster-Effekte .

Von 1990 bis 2020 ist der Anteil Europas an der globalen Fertigungskapazität für Halbleiter von 44 auf 9 Prozent gesunken. Der Anteil der USA sank von 37 Prozent auf 12 Prozent. Im Kontrast dazu konnte die Volksrepublik China ihren Anteil von Null auf 15 Prozent steigern. Und die Chancen stehen gut, dass das Land innerhalb der nächsten zehn Jahre zum größten Chip-Produzenten der Erde heranwächst, heißt es in einem gemeinsamen Bericht der Boston Consulting Group (BCG) und der amerikanischen Semiconductor Industry Association (SIA).

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40 Prozent der Neuinvestitionen in Asien geplant

Während im Osten immer mehr neue Fabs entstehen – 40 Prozent der derzeit geplanten Neuinvestitionen des nächsten Jahrzehnts entfallen auf China, nur jeweils sechs Prozent auf die USA oder Europa – wächst im Westen derzeit vor allem Eines: die Sorge um die Resilienz der eigenen Lieferketten.

Politiker in mehreren Ländern haben das Thema seit kurzem entdeckt und wollen handeln. Der Handelskrieg zwischen Washington und Peking, in dessen Zentrum Halbleiter stehen, aber auch die Coronakrise und die Lieferengpässe der jüngsten Vergangenheit haben die Aufmerksamkeit auf die Halbleiterindustrie gelenkt. Die Warnungen vor einer weiteren Abwanderung der Produktion nach Asien und vor allem China werden immer lauter.

EU will wieder rund 20 Prozent der ICs weltweit liefern

Ende März hat die EU-Kommission das Ziel verkündet, die Chip-Produktion in der EU des vergangenen Jahres bis 2030 zu verdoppeln. Damit soll, so der Wunsch der Bürokraten in Brüssel, der gegenwärtige Weltanteil der EU von rund zehn Prozent (EU-Zahlen) oder neun Prozent (BCG/SIA-Zahlen) in etwa verdoppelt werden. In 17 EU-Ländern gibt es erste Pläne, dafür in den kommenden zwei bis drei Jahren 145 Milliarden Euro zu investieren.

Auch der neue US-Präsident Joe Biden beschäftigt sich intensiv mit Halbleitern und hat sich für seine Regierung Ende März gerade ein Budget von 50 Milliarden US-Dollar zur Förderung der heimischen Chip-Industrie gewünscht. Applaus kommt besonders aus der US-Rüstungsindustrie, wo man den Bau moderner Waffensysteme und sogar ganzer Flugzeugträger-Gruppen ohne Importe von Chips mittlerweile wohl einstellen müsste.

Anvisierte Chip-Autarkie wecken Erinnerungen an den kalten Krieg

Auch die kommunistische Führung in China hat sich seit dem Schock der Trumpschen Chip-Boykotte in ihrem jüngsten Fünf-Jahres-Plan dem politischen Ziel der „Autarkie“ der eigenen Halbleiter-Produktion verschrieben. In der Volksrepublik will man nun endlich ein heimisches Gegengewicht zum taiwanesischen Auftragshersteller TSMC und zu den großen IDMs (Integrated Device Manufacturers) wie Intel aufbauen.

Und so hat gerade ein weltweiter Subventionswettlauf in der Halbleiter-Industrie begonnen, der immer stärker an den „Wettlauf ins All“ im Kalten Krieg der 50er und 60er Jahre erinnert.

Der technologische Vorsprung beim Design der jeweils jüngsten Chipgeneration oder bei der Herstellung wichtiger Basismaterialien für Halbleiter ist plötzlich nicht mehr beruhigend genug. Man will die Chips auch wieder selbst produzieren können, selbst wenn Pandemien oder militärische Konflikte die globalen Lieferketten unterbrechen sollten.

Lassen sich Produktionskapazitäten einfach so zurückholen?

Ob sich die seit drei Jahrzehnten kontinuierlich in Richtung Osten verschiebenden Produktionskapazitäten aber wieder zurück nach Europa und in die USA holen lassen, ist mehr als fraglich. Regierungssubventionen sind in dieser Schlüsselindustrie zwar tatsächlich ein sehr wichtiger Faktor, doch bei weitem nicht der einzige – und möglicherweise auch gar nicht mehr der entscheidende.

Zunächst zu den Faktoren, die bei einem Subventionswettlauf mit China – sofern der wirklich gewonnen werden kann – noch Hoffnung machen dürfen. Für neue Foundries sind enorme Investitionen erforderlich, geschätzte 20 Milliarden US-Dollar für die fortgeschrittensten. Das sind rund sieben Milliarden mehr als für einen Flugzeugträger.

Fabs in Fernost bis zu 50 Prozent günstiger

Regierungssubventionen sorgen seit vielen Jahren dafür, dass die Kosten für eine neue Fab in Taiwan, Südkorea oder Singapur bis zu 30 Prozent niedriger sind als in den USA oder Europa, und in China zwischen 37 und 50 Prozent niedriger, je nach Chipsorte. Wer also kräftig subventioniert, Bauland zur Verfügung stellt, billige Kredite und Steuervergünstigungen bereitstellt, könnte mit einem Blick allein auf diese Zahlen aufatmen.

Leider ist es nicht so einfach. Denn auch die wichtigsten Abnehmermärkte für Foundries sind längst nach Asien abgewandert, allen voran die Elektronikindustrie, aber auch der anteilmäßig für die Halbleiterindustrie noch relativ kleine, aber besonders schnell wachsende Markt für Autochips. 60 Prozent aller Halbleiter werden bereits in Asien verkauft, die Hälfte davon in China.

Unternehmen investieren zunehmend in Asien

In China, auf der „Werkbank der Welt“, die sich gerade rapide modernisiert, werden die Chips in so ziemlich allem verbaut, von Kühlschränken über E-Autos und CNC-Werkzeugmaschinen bis hin zu Mars-Sonden. Wenn westliche Chiphersteller derzeit an Investitionen denken, dann eher an noch mehr Investitionen in China, wie etwa der holländische Chiphersteller NXP, der kürzlich in die chinesische Firma Hawkeye Technology Co., Ltd. investiert hat, um sein Standing auf dem weltgrößten Wachstumsmarkt für automobile Radar-Systeme zu verbessern.

Ausgerechnet in München, wo mit Infineon der größte Player der europäischen Chipindustrie residiert, werden daher Zweifel an den Renaissance-Plänen der EU laut. „Wir hatten mal eine Computerindustrie in Deutschland, die ist weg – sie wanderte zum Teil in die USA, aber zu einem großen Grad nach Japan ab”, sagte Infineon-CEO Reinhard Ploss kürzlich in einem Interview mit der Financial Times. Solange man nicht ganze Industrien wie diese oder auch die Elektronikindustrie wiederbeleben könne, ist sich Ploss nicht so sicher „ob es Sinn macht, in Europa zu investierten, um die Kapazität für die Chinesen zu nutzen.”

Ist es sinnvoll, in der EU Chips für den asiatischen Markt zu produzieren?

Mit anderen Worten, es lohnt sich kaum, Fabs auf die grüne Wiese zu stellen, wenn es Nachfrage und Skaleneffekte zunehmend in Asien gibt. Denn nicht nur die Kunden der Chiphersteller sind in Asien zu finden – und zunehmend heißt das eben in der Volksrepublik China. Auch hochspezialisierte Arbeitskräfte und wichtige Zulieferer sind immer häufiger in lokalen High-Tech-Clustern in China, Taiwan oder Südkorea daheim.

Chinas Regierung, dies ist in den aktuellen Zahlen noch gar nicht berücksichtigt, gibt seit vergangenem Jahr nun so richtig Gas, was die politische Förderung und massive Subventionierung der heimischen Halbleiterindustrie angeht. Aufgerüttelt durch die Demütigung eines Donald Trump, der den stolzen Tech-Konzern Huawei und das Politbüro in Peking über Nacht durch Chip-Entzug blamiert hat, gibt es für Chinas Zentralplaner derzeit kein wichtigeres Ziel als die „Selbstversorgung“ der Nation mit Halbleitern aller Art.

Trumps Pyrrus-Sieg hat den chinesischen Drachen geweckt

Vermutlich hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie einen größeren Pyrrhus-Sieg gegeben als diese erste Runde im Handelskrieg zwischen Washington und Peking. Etwas salopper formuliert: Kurzfristig gesehen hat man die Chinesen mit Exportkontrollen für Halbleiter in Bedrängnis gebracht. Auf lange Sicht jedoch haben sich die Amerikaner damit eher selbst ins Knie geschossen – und wohl auch einem Großteil der restlichen Welt.

Die Coronakrise trägt zusätzlich dazu bei, dass die besten Karten im großen strategischen Chip-Poker immer weiter in Richtung China wandern. So wächst Chinas Wirtschaft trotz der globalen Covid-19-Pandemie schneller als andere Volkswirtschaften.

Größter Absatzmarkt für Chips wächst weiter

Die Volksrepublik, schon zuvor der größte Absatzmarkt für Computerchips weltweit, konnte ihren globalen Marktanteil im vergangenen Jahr um weitere fünf Prozent auf 152 Milliarden Dollar steigern. Die Chipverkäufe in Europa sanken im gleichen Zeitraum um sechs Prozent.

Je nach Standpunkt des Betrachters – ob in Peking oder Brüssel – sieht die Lage momentan daher gut oder schlecht aus, auf jeden Fall aber so: Das Rennen um eine resiliente, auch im Konfliktfall kontrollierbare heimische Produktionskapazität der strategisch wichtigen Halbleiter gewinnt zur Zeit der kommunistische Osten, nicht der kapitalistische Westen.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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