Technik und Gesellschaft

Die digitale Revolution frisst ihre Kinder

| Autor / Redakteur: Prof. Dr. Gerald Lembke* / Franz Graser

Professor Dr. Gerald Lembke ist Präsident und Gründungsmitglied des „Bundesverband Medien und Marketing" (BVMM). Seit 2007 lehrt er hauptamtlich die Themen Digitale Medien und Medienmanagement an der Berufsakademie Mannheim (Studienleiter seit 2009). Seit 2012 ist er Studiendekan Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg.
Professor Dr. Gerald Lembke ist Präsident und Gründungsmitglied des „Bundesverband Medien und Marketing" (BVMM). Seit 2007 lehrt er hauptamtlich die Themen Digitale Medien und Medienmanagement an der Berufsakademie Mannheim (Studienleiter seit 2009). Seit 2012 ist er Studiendekan Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. (Bild: Gerald Lembke)

Sogenannte Smartphone-Zombies riskieren durch den stieren Blick auf ihren digitalen Begleiter ihr Leben und ihre Gesundheit. Der Wirtschaftswissenschaftler und Medienexperte Professor Dr. Gerald Lembke fordert deshalb eine Kultur, die die digitale Realität und soziale Werte in Einklang bringt.

Die digitalen Zeichen stehen auf mobil. Danke Smartphones und Tablets wird die digitale Mediennutzung nicht nur mobil, sondern verändert das gesamte Konsumentenverhalten. Schnelles oberflächliches Wisch-Lesen verdrängt konzentriertes, zielorientiertes und vertieftes Verständnis von Inhalten und Botschaften.

Die Folge: Inhalte und Botschaften werden immer mehr auf den Schnellkonsum der Mobilnutzer gestaltet und layoutet. So soll der Ungeduld und den Millionen Surfalternativen des Mobilnutzers entgegengekommen werden – und wofür? Für Werbekonsum und Umsatzsteigerung, Ablenkung auf dem Bahngleis und Spielen bis die Finger glühen.

Interessanterweise gilt dies eben nicht nur für Kinder und Jugendliche, die nach den aktuellen Studien bis zu sieben Stunden täglich vor dem Bildschirm sitzen. Das exzessive Verhalten ist vor allem bei Erwachsenen zu beobachten. Wischen, Stupsen, Schieben, Ziehen auf kleinen Plastikscheibchen erfordert derart viel Konzentration im Alltag, dass wir in eine Ablenkungsgesellschaft abzudriften drohen und das Soziale um uns herum immer häufiger und immer länger ausblenden. Das Digitale verdrängt das Soziale, unbewusst und schleichend.

Die Funktionsvielfalt und der Digitalstrudel machen vor nichts mehr halt. Die langfristige Konsequenz: Anstatt eine digitale Medienkultur mitzugestalten, unterliegen Menschen dem Konsumstrudel und riskieren zunehmend die Qualität und Gesundheit ihres einmaligen Lebens.

Die jüngst erschienene DEKRA-Untersuchung bestätigt diesen Trend ungebremster Mobilnutzung in den Innenstädten. Die DEKRA-Unfallforscher waren in Amsterdam, Berlin, Brüssel, Paris, Rom und Stockholm unterwegs und beobachteten dort an stark Fußgänger-frequentierten Stellen die Smartphone-Nutzung der Passanten.

Das Ergebnis: 23, 5 Prozent der Stockholmer Fußgänger nutzten ihre mobilen Digitalgeräte am häufigsten, gleich gefolgt von Berliner Passanten (14,9). Am Ende der Liste finden sich die Amsterdamer Bürger (8,2 Prozent). In Rom waren es 10,6 Prozent, in Brüssel 14,1 Prozent und in Paris 14,5 Prozent.

Über alle Städte und Altersgruppen hinweg tippten knapp acht Prozent der Fußgänger beim Überqueren der Straße Texte ins Smartphone. Weitere 2,6 Prozent telefonierten und rund 1,4 Prozent übten sich im Multitasking-Triathlon: Sie liefen, telefonierten und tippten zugleich. Die Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren nutzte das Smartphone in der Innenstadt am häufigsten (22 Prozent).

Die meisten dieser Fußgänger verunglücken innerorts, in Deutschland sind das etwa 70 Prozent. Falsches Verhalten der Fußgänger macht dabei etwa zehn Prozent aus, häufigste Ursache: das Nichtbeachten des Fahrzeugverkehrs – verursacht zunehmend durch Smartphone-Nutzung. Wir denken, dass es sich dabei nur um wenige Süchtige handelt und wir selber nicht betroffen wären. Doch das Fehlverhalten hat in den vergangenen Jahren signifikant zugenommen.

Das wäre nun der richtige Anlass, die digitale Medienkultur zu gestalten und über deren Werte zu streiten. Doch wie könnte das genau aussehen? Wie benötigen ein „Digitales Manifest“, das die Werte einer Gesellschaft und der Menschen durchrüttelt mit dem Ziel, eine Wertekultur zu etablieren, die weder rein analog noch rein digital ist.

Eine digitalorientierte Wertekultur bestimmt die Haltung der Menschen zu Digital, die außerhalb von Politik und IT-Branche längst nicht so euphorisch ist, wie angenommen – nehmen wir die Wischmonster auf den Straßen einmal aus.

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... ist es nicht so, dass in jeder evolutionären Entwicklung nur das Bestangepasste überleben...  lesen
posted am 11.08.2016 um 14:36 von Unregistriert

Schade das Wien nicht in der Studie dabei ist. Liegt wahrscheinlich zwischen Berlin und...  lesen
posted am 11.08.2016 um 13:05 von Unregistriert

Was nützt ein Manifest, das niemand lesen wird? Typisches Bürokratenvorgehen: wir machen ein...  lesen
posted am 11.08.2016 um 12:20 von Unregistriert

Das sind schon skurrile Szenen, die man derzeit in den Innenstädten beobachten kann. Heerscharen...  lesen
posted am 11.08.2016 um 11:08 von Olaf Barheine


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