Interview: „Die Produkt-Akustik wird für Entwickler an Bedeutung gewinnen“

| Redakteur: Sebastian Gerstl

Poppy Szkiler, Gründerin der Non-Profit Gesellschaft Quiet Mark: "Wir haben gelernt, Lärm als unvermeidliches Nebenprodukt dieser Entwicklung zu akzeptieren. Das geht mittlerweile so weit, dass die Menschen zu vergessen beginnen, dass Stille überhaupt existiert. "
Poppy Szkiler, Gründerin der Non-Profit Gesellschaft Quiet Mark: "Wir haben gelernt, Lärm als unvermeidliches Nebenprodukt dieser Entwicklung zu akzeptieren. Das geht mittlerweile so weit, dass die Menschen zu vergessen beginnen, dass Stille überhaupt existiert. " (Bild: Quiet Mark)

Tagtäglich strömt Lärm auf uns ein, stört unsere Ruhe, macht uns teilweise krank. Dabei sind nicht nur Bauarbeiten oder Straßenverkehr gemeint: Auch Alltagsgeräte sorgen durch beständiges Summen und Piepen dafür, dass uns Stille zunehmend fremd wird. Die Organisation Quiet Mark möchte das ändern.

„Zeit für Stille“ („In Pursuit of Silence“) – das ist der Titel eines Dokumentarfilms, der ab dem 30. November in deutschen Kinos anläuft. Darin geht es um etwas, das scheinbar der Idee des modernen Films zuwider läuft. Es ist ein Plädoyer für echte Stille, für die Abwesenheit von Geräuschen - ein Gefühl, dass nach Ansicht der Macher und Vertreiber des Films uns im Alltag immer mehr abhanden kommt.

Tatsächlich ist es so, dass man bestimmte Hintergrundgeräusche schon gar nicht mehr bewusst wahrnimmt. Aber wenn man sich einmal bemüht, aktiv hinzuhören - fallen einem dann nicht doch zahlreiche Laute auf, die einen irgendwie stören? Das Rauschen des Lüfters am Laptop, ein kontinuierliches elektrisches Summen am Wecker - von dem Dröhnen des Staubsaugers aus der Nachbarswohnung einmal ganz zu schweigen? Wäre es nicht viel angenehmer und erholsamer, wenn wir auf diese kontinuierliche Lärmbelastung verzichten könnten?

Genau das ist jedenfalls die Auffassung von Quiet Mark. Die britische Organisation ist ebenfalls in dem Dokumentarfilm vertreten und unterstützt dessen Vertrieb. Mit seinem Quiet Mark Label hat es sich zur Aufgabe gemacht, Geräte und deren Hersteller auszuzeichnen, die sich für eine Reduzierung des Geräuschpegels stark machen. Damit sollen vor allem Kunden geschützt, aber auch Gerätehersteller gefördert werden, indem sie die allgemeine Lärmbelastung reduzieren. Ziel ist es, Quiet Mark zu einem internationalen Markenzeichen für mehr Ruhe zu machen.

Hinter Quiet Mark steckt die Britin Poppy Szkiler, die sich schon seit Jahren für den Kampf gegen Lärmbelastung stark macht. Wir haben uns mit der Gründerin und Geschäftsführerin über die Ziele der Organisation unterhalten - über Konsumentenschutz, Lärm im Alltag und die Rolle der Elektroindustrie in diesem Umfeld.

ELEKTRONIKPRAXIS: Wer oder was ist Quiet Mark?

Quiet Mark wurde vor fünf Jahren in England gegründet, in Reaktion auf die Beschwerden von Menschen, die bei der 24/7-Lärm-Helpline der Noise Abatement Society in Großbritannien anrufen und über die übermäßige tägliche Lärmbelastung durch Haushalts- und andere Geräte klagen.

Quiet Mark hat sich zum Ziel gesetzt, ein glaubwürdiges, unabhängiges Award-System zu etablieren, mit dessen Hilfe die Verbraucher geräuschärmere Produkte für ihr Heim und den Arbeitsplatz finden können.

Inzwischen ist die Marke in Großbritannien etabliert, und so konzentriert sich Quiet Mark jetzt darauf, das Erfolgsrezept auf andere wichtige Märkte zu übertragen – etwa die USA, Japan oder auch Deutschland. Heute ist unser Logo weltweit auf Produkten vieler bekannter Marken zu finden – Miele, Bosch, Siemens, Samsung, Dyson, Whirlpool, AEG, Grohe, um nur einige zu nennen.

Jeder weiß, was Lärmbelastung bedeutet. Dennoch scheint es sich dabei um ein Problem zu handeln, gegen das relativ wenig unternommen wird.

In den letzten 50 Jahren haben Technologien und Maschinen in unserer Welt eine immer dominantere Rolle gewonnen, und wir haben gelernt, Lärm als unvermeidliches Nebenprodukt dieser Entwicklung zu akzeptieren. Das geht mittlerweile so weit, dass die Menschen zu vergessen beginnen, dass Stille überhaupt existiert. Viele empfinden einen Mangel an Geräuschen sogar schon als unangenehm, weil wir alle daran gewöhnt sind, ständig etwas zu hören.

Dabei haben wir nur wirklich Kontrolle über die Akustik unserer Umgebung – sogar in unsere Wohnungen oder Gärten dringen Störgeräusche von Nachbarn, Flugzeugen und Geräten, die piepen und klingeln. Und obwohl viele Menschen merken, wie unangenehme Geräusche oder Lärm den Stresspegel erhöhen können, ist den meisten nicht bewusst, dass die „Hintergrundgeräusche“, denen wir täglich ausgesetzt sind, laufend Auswirkung auf unsere Gesundheit haben.

Quiet Mark will dafür sorgen, dass Produkte zur Verfügung stehen, die die exzessive Lärmbelastung verringern – selbst in Kategorien, in denen man leisere Alternativen nicht erwarten würde: Etwa Kessel, Toilettenspülungen, Bodenbeläge, Elektrowerkzeuge für den Außenbereich, Musikinstrumente. Damit verbindet Quiet Mark die Hoffnung, dass die Menschen wiedererkennen, wie schön und nützlich „Ruhepausen“ sein können – und dass sie wieder selbst entscheiden können, wie viele Geräusche sie in ihr Leben lassen möchten.

Findet jetzt ein Umdenken in der Industrie hinsichtlich des Lärmaspekts ihrer Geräte statt?

Manche Hersteller haben den Geräuschpegel in den Blick genommen und konnten ihn auch beträchtlich reduzieren – aber eben nur manche. Zwar messen alle Hersteller die Lautstärke und wissen bei der Entwicklung neuer Produkte genau, wie hoch sie ist, doch dann wird immer anderen Leistungsaspekten Vorrang eingeräumt. Bei der Akustik geht man allzu oft Kompromisse ein, um andere Vorzüge realisieren zu können.

Den Lautstärkepegel erheblich zu senken ist weder billig noch einfach. Und da die Budgets immer knapper werden, bleibt den Herstellern oft kein Spielraum mehr, um einem Produkt eine bessere Akustik zu verleihen. Angesichts der zunehmenden Konkurrenz, die es immer schwieriger macht, Produkte voneinander zu unterscheiden, suchen die Marken jedoch nach neuen Wegen, um sich von der Masse abzusetzen.

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