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Intel strauchelt: 7nm-Technologie hinter Zeitplan, Hardware-Chef geht

| Autor: Sebastian Gerstl

Intel droht im Prozessorengeschäft den Anschluss zu verlieren: Während Konkurrent AMD bereits Prozessoren in 7nm-Technologie liefert, werden CPUs in Intels hauseigenem 7nm-Prozess wohl erst 2022 erscheinen. Nun verlässt Intels Hardware-Chef das Unternehmen.

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Intels 7nm-Chipfertigung liegt mindestens 6 Monate hinter dem Zeitplan zurück, teilweise soll die Fehlerrate in der Produktion bei 50% liegen. Intel könnte nun möglicherweise die Fertigung von High-End-Produkten an externe Foundries vergeben.
Intels 7nm-Chipfertigung liegt mindestens 6 Monate hinter dem Zeitplan zurück, teilweise soll die Fehlerrate in der Produktion bei 50% liegen. Intel könnte nun möglicherweise die Fertigung von High-End-Produkten an externe Foundries vergeben.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Intel gilt eigentlich als führend im Prozessorgeschäft. Doch seit sich das Unternehmen vor vier Jahren offiziell von seinem Tick-Tock-Modell der Prozessorenentwicklung verabschiedet hat, scheint der Chiphersteller bei seinen Fertigungsprozessen immer mehr ins Hintertreffen zu geraten.

7nm-Prozessoren wohl erst ab 2022

Obwohl sich Intel vergangene Woche über einen Zuwachs im Servergeschäft freuen konnte, musste CEO Robert Swan auf einer Invesorenversammlung einräumen, dass das der Zeitplan bei der 7nm-Chipfertigung mindestens um sechs Monate zurück liegt. Der Grund ist ein Fehler im Produktionsverfahren, der zu einem überhöhten Anteil unbrauchbarer Chips führte - einzelnen Medienberichten zufolge liegt die Ausschussrate bei etwa 50%.

Das Problem sei zwar mittlerweile behoben, doch statt wie ursprünglich geplant im Sommer 2021 werden erste Desktop-PC-Prozessoren auf Basis der 7nm-Fertigungstechnologie wohl erst frühestens 2022, möglicherweise auch erst Anfang 2023 auf dem Markt erscheinen. Eine Nachricht, über die sich Intels Hauptkonkurrent am Desktop-Markt, AMD, natürlich freut: Das Unternehmen liefert bereits seit 2019 GPUs und mittlerweile auch CPUs aus, die in TSMCs 7nm-Technologie gefertigt wurden. TSMC selbst produziert sogar, wie auch Samsung, bereits Chips im 5nm-Verfahren.

Auch Intels Ponte Vecchio-Chip, der mit Nvidia-GPUs auf dem Rechenzentrumsmarkt konkurrieren soll, liegt in der Entwicklung deutlich zurück. Er wird nicht vor Ende 2021, wahrscheinlich eher Anfang 2022 auf den Markt kommen. Intels erster 7nm-Rechenzentrumsprozessor wird wohl erst in der ersten Hälfte des Jahres 2023 ausgeliefert.

Intel-CEO Robert Swan ließ derweil durchblicken, dass das Unternehmen mit dem Gedanken spielen könnte, seine High-End-Produkte nicht mehr in eigener Fertigungstechnologie zu produzieren. „Wir werden ziemlich pragmatisch sein, wenn es darum geht, ob und wann wir drinnen oder draußen etwas herstellen sollten, und wir werden sicherstellen, dass wir die Möglichkeit haben, drinnen zu bauen, drinnen und draußen zu mischen und zu kombinieren oder, wenn nötig, ganz nach draußen zu gehen“, sagte der Intel-Chef in einem Investor-Relations-Gespräch.

Es ist ein gewaltiger Rückschlag, der noch vor 5 Jahren undenkbar schien: 2015 hatte Intel damit geworben, auf dem Prozessorenmarkt mindestens eine Generation führend vor allen anderen Mitbewerbern im Markt zu liegen.

Personelle Konsequenzen und Umbau in der Führungsriege

Das Unternehmen zieht derweil aus dem Fiasko personelle Konsequenzen und krempelt angesichts der erneuten Verzögerung bei der nächsten Chip-Generation das Management um. Der bisherige Hardware-Chef Murthy Renduchintala wird bereits Anfang August das Unternehmen verlassen. Sein Verantwortungsbereich soll unter mehreren Managern aufgeteilt werden, die direkt Konzernchef Robert Swan unterstehen, wie der Chipriese in der Nacht auf Dienstag mitteilte.

Personelle Konsequenz aus dem Prozessor-Debakel: Hardware-Chef Murthy Renduchintala wird Intel bereits im August verlassen.
Personelle Konsequenz aus dem Prozessor-Debakel: Hardware-Chef Murthy Renduchintala wird Intel bereits im August verlassen.
(Bild: Intel)

Bevor er zu Intel wechselte, war Renduchintala bei Qualcomm, Skyworks und Philips Consumer tätig. Seine Aufgabe sollte sein, die Entwicklung des Fertigungsprozesses wieder zu beschleunigten, nachdem Intel bei 10nm ins Stocken geraten war. Bemerkenswerterweise besaß keine der Firmen, bei denen Renduchintala vor Intel war, über eigene IC-Verarbeitungskapazitäten.

Die Schlüsselaufgabe der Technologieentwicklung übernimmt die bisherige Produktionschefin Dr. Ann Kelleher. Kelleher ist seit 1996 bei Intel in der Verfahrenstechnik tätig. Kelleher arbeitete unter anderem an Intels 65nm-Prozess in der Leixlip-Fab des Unternehmens. Sie wird nun für die weitere 7nm- und 5nm-Entwicklung verantwortlich sein.

Dr. Mike Mayberry, der die Technologieentwicklung geleitet hat, soll den Übergang beraten und unterstützen, ehe auch er Ende 2020 aufgrund seiner Pensionierung aus dem Unternehmen ausscheidet. Mayberry kann auf eine 36-jährige Erfolgsgeschichte der Innovation bei Intel zurückblicken, in der er Schlüsselbeiträge in der Technologieentwicklung und als Leiter der Intel Labs geleistet hat.

Intels Foundry-Guru Mark Bohr, der 40 Jahre lang die Entwicklungsgeschicke des Unternehmens mit geprägt und zeitweise geleitet hatte, war bereits im März 2019 in den Ruhestand gegangen und damit aus dem Unternehmen ausgeschieden. Bohr hatte sich für die Einführung von Meilensteinen wie der k-gate- oder FinFET-Technologien verantwortlich gezeigt. Ihm wurden aber auch die immensen Verzögerungen bei Intels 10nm-Fertigungstechnologie zu Lasten gelegt, möglicherweise aus überambitionierten Spezifikationsplänen heraus.

Eine Hiobsbotschaft nach der nächsten

Allein im vergangenen Jahr jagte bei Intel eine schlechte Nachricht die nächste. Erst geriet der Start der hauseigenen 10nm-Technologie zum Debakel: Statt wie ursprünglich geplant 2016 liefen die ersten Prozessoren erst im Juni 2019 in Serie vom Band. Anfang diesen Jahres liefen zahlreiche Intel-Entwickler zum Konkurrenten AMD über. Erst kürzlich wurde zudem bekannt, dass neue Intel-Prozessoren immer noch, sogar auf mehr als eine Weise, mit den Folgen der Spectre-Sicherheitslücke zu kämpfen haben.

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