Ingenieure, an die Hochschulen! – „Da bekommt die Lehre einen ganz anderen Drive“

| Redakteur: Dr. Anna-Lena Gutberlet

Nach einer aktuelle VDI-Studie herrscht großer Handlungsbedarf an deutschen Hochschulen. Studierende und Berufseinsteiger fühlen sich mehrheitlich nicht ausreichend auf die digitale Arbeitswelt vorbereitet. 56 Prozent der Studierenden sind sogar der Meinung, dass ihre Professoren das Hemmnis an den Hochschulen sind.
Nach einer aktuelle VDI-Studie herrscht großer Handlungsbedarf an deutschen Hochschulen. Studierende und Berufseinsteiger fühlen sich mehrheitlich nicht ausreichend auf die digitale Arbeitswelt vorbereitet. 56 Prozent der Studierenden sind sogar der Meinung, dass ihre Professoren das Hemmnis an den Hochschulen sind. (Bild: Gerd Altmann/Pixabay / CC0)

Nach einer Studie des VDI fühlt sich der Ingenieurnachwuchs nicht gut auf die Praxis vorbereitet. 56 Prozent der Studierenden finden sogar, dass ihre Professoren das Hemmnis sind. ELEKTRONIKPRAXIS sprach dazu mit Christian Siemers, Professor für Automatisierungstechnik an der TU Clausthal.

Das Ergebnis der aktuellen VDI-Studie „Ingenieurausbildung für die Digitale Transformation“ zeigt einen großen Handlungsbedarf an deutschen Hochschulen auf, da Studierende und Berufseinsteiger sich nicht ausreichend auf die digitale Arbeitswelt vorbereitet fühlen. 56 Prozent der Studierenden sind sogar der Meinung, dass ihre Professoren das Hemmnis an den Hochschulen sind. Wir befragten Prof. Christian Siemers, Professor für Automatisierungstechnik an der TU Clausthal, nach seiner Einschätzung zu dem Thema.

Herr Siemers, 56 Prozent der für die Studie befragten Informatik-Studenten gaben an, dass sie sich nicht gut auf die Digitale Transformation vorbereitet fühlen. Zweifelt der Nachwuchs an den eigenen Qualifikationen oder sehen auch Sie einen dringenden Handlungsbedarf?

Prof. Siemers: Aus meiner Sicht ist es so, dass es wirklich Lücken bei den Studierenden gibt. Und das muss auch fast so sein. Denn ein bodenständiger Studiengang, wie Informatik oder Maschinenbau, ist breit angelegt. Wir versuchen eine riesige Menge an Informationen in die Köpfe der Studenten zu „pressen“. In der Praxis, beispielsweise bei der interdisziplinären Zusammenarbeit in der Industrie, fehlt dann aber oft ein „Kochrezept“, um ein spezifisches Problem zu lösen.

Was können die Universitäten und Hochschulen tun, um die Studenten ausreichend auf die Arbeitswelt vorzubereiten?

Prof. Siemers: Soft Skills sind schon lange ein Thema. Um sich diese anzueignen, sind aus meiner Sicht keine speziellen Studiengänge nötig, die zwischen den Fachwelten liegen, sondern eher disziplinübergreifende Schwerpunkte in den Fachstudiengängen. Wir starten hierzu ein Pilotprojekt: Die TU Clausthal wird zusammen mit der Hochschule Ostfalia in Wolfenbüttel zum Wintersemester 2019/2020 den Bachelor-Studiengang „Digitalisierung“ einführen.

Als Kern dient ein kompaktes Informatik-Studium das um verschiedene Schwerpunktfächer, wie Industrie 4.0, Gebäudeautomatisierung, Mobilität oder Kreislaufwirtschaft ergänzt wird. Dort werden die maschinenbaulichen Fächer als Spezialisierung eingebaut während der Fokus auf der Digitalisierung liegt. Der Bachelor ist breit aufgestellt, im Master – der noch in Planung ist – können sich die Studenten dann spezialisieren.

Es wird auch ein über mehrere Semester dauerndes Praktikum (mit circa vier Wochenstunden) geben, bei dem Studierende verschiedener Jahrgänge zusammen Aufgaben bearbeiten müssen. Dabei wird ganz viel von Konzeption, Projektmanagement und der Zusammenarbeit der Studenten abhängen.

Das klingt nach einem sehr vielversprechenden Ansatz. Wie lang hat die Umsetzung gedauert?

Prof. Siemers: Normalerweise dauert es circa zwei Jahre – von der Idee, über die Akkreditierung bis zur Umsetzung –, bis ein neuer Studiengang angeboten werden kann. Wir haben es in nicht einmal einem Jahr geschafft – zugegeben, wir haben eine Sondergenehmigung und können die Akkreditierung nachholen.

Laut Prof. Christian Siemers sollten mehr Ingenieure aus der Industrie an den Hochschulen unterrichten.
Laut Prof. Christian Siemers sollten mehr Ingenieure aus der Industrie an den Hochschulen unterrichten. (Bild: Prof. Dr. Christian Siemers)

An dem Projekt sind sicherlich einige motivierte Professoren beteiligt. Das steht im Widerspruch zum Ergebnis der VDI-Studie. Was ist Ihre Einschätzung dazu?

Prof. Siemers: Natürlich gibt es Kollegen, die nur wenig an ihrem Lehrprogramm verändern, über Jahre hinweg. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die überwiegende Mehrheit ständig ihre Vorlesungen überarbeiten und das Angebot erweitern. So pauschal kann ich das daher nicht nachvollziehen.

Wie können die Professoren motiviert werden, mitzuziehen?

Prof. Siemers: Es ist schwierig, die Professoren zusätzlich zu motivieren, denn die meisten sind motiviert. Viel Arbeitskraft geht in die tägliche Organisation, und hier helfen natürlich zusätzliche Mitarbeiter. Wer aber kein Interesse hat, den kann man kaum zu mehr Arbeit motivieren.

Sollten mehr Ingenieure aus der Industrie an den Hochschulen unterrichten?

Prof. Siemers: Ja, unbedingt – da bekommt die Lehre einen ganz anderen Drive. Denn die Praxis ist ganz anders als die reine Lehre an Hochschulen. Bevor ich Professor wurde, habe ich einige Jahre in der Industrie gearbeitet. Das war enorm wichtig für mich, aber ich bin schon über 25 Jahre aus der Praxis heraus. Ich denke, es ist zwar nützlich, aber es reicht nicht, dass wir Professoren im Rahmen eines Forschungsfreisemesters ein halbes Jahr zurück in die Industrie gehen.

Ich habe früher selbst schon Lehraufträge übernommen. Das Hindernis ist allerdings, dass die Universität Geld zur Verfügung stellen muss, und das ist meist knapp. Dafür muss zuerst ein gut begründeter Antrag gestellt werden. Und die Lehraufträge bekommt man meist nur für bestehende Wahlpflichtfächer, weniger für neue Fächer. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Der andere mögliche Weg geht von der Industrie aus: Hier stellen die Unternehmen ihre Experten für die Lehraufträge, welche weiter von der Firma bezahlt werden. Deren Motivation ist es, die richtigen Nachwuchskräfte zu bekommen. Und wie komme ich an Nachwuchsingenieure? Durch gezielte Kontakte an die Hochschulen.

Generell gibt es das Problem, dass die Lehre sehr zeitaufwendig ist und die Lehrbeauftragen dafür nur gering entlohnt werden. Als Lehrbeauftragter braucht man den entsprechenden Willen, beispielsweise, weil man später an eine Hochschule wechseln will oder weil man vom Arbeitgeber dazu motiviert wird.

Ist der erste Schritt, die Studenten auf die digitale Transformation vorzubereiten die Digitalisierung des Unterrichts? Trägt der Einsatz digitaler Medien zur Verbesserung der Hochschullehre bei?

Prof. Siemers: Das ist eine gute Frage. Wir verwenden digitale Medien zur Skript-Verteilung und wir arbeiten mit Video-Vorlesung. Ich bin ein Fan von Blended Learning, das heißt die Vorteile von Präsenzveranstaltung werden mit E-Learning kombiniert. Ich sehe digitale Medien als unterstützendes Werkzeug zur Lehre, aber nicht als Ersatz.

Wird die Digitalisierung die Hochschullandschaft grundlegend verändern? Und wenn ja, wie und in welchem zeitlichen Rahmen?

Prof. Siemers: Die Digitale Transformation kommt ja mit großen Schritten auf uns zu. In den nächsten vier bis fünf Jahren wird und muss sich eine Menge ändern. Es kann aber auch schneller gehen. Einer der ganz großen Punkte wird hier die Weiterbildung an den Hochschulen sein. Wir machen hier erste wertvolle Erfahrungen, und ich glaube, dass diesem Punkt noch eine sehr große Bedeutung in Deutschland zukommen wird.

Inwieweit können / müssen die Studierenden mit eingebunden werden?

Prof. Siemers: Eigentlich müssen wir die Alumnis einbinden, diejenigen, die ihren Abschluss vor zwei bis drei Jahren gemacht haben. Das geht aber fast nur über persönliche Kontakte. Wir haben da einen Trick: den Weiterbildungsstudiengang „Systems Engineering“. Er hat zwar nur einstellige Einschreibungszahlen pro Semester, aber da er bezahlt werden muss trägt er sich. Hier finden Sie genau die Studierenden, von denen ich gesprochen habe. Das interessante daran sind die Probleme, mit denen sie in ihren ersten Jahren in der Industrie zu tun hatten. Diese Erfahrung wollen wir auch in den Bachelor des neuen Studiengangs Digitalisierung einfließen lassen.

Wie steht Deutschland im Vergleich zum Rest der Welt da?

Prof. Siemers: Dazu kann ich keine qualifizierte Antwort geben. Vom Gefühl her würde ich sagen: Es kochen alle nur mit Wasser. Es kostet überall Geld, es ist überall schwierig, in der akademischen Selbstverwaltung treffen Sie immer auf Schwierigkeiten, Blockaden und ähnliches. Es kann natürlich sein, dass es woanders besser ist. Aber alle haben Angst davor, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu verlieren. Und sich zu behaupten, geht über Bildung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Kommentar zu diesem Artikel abgeben
Als promovierter Bauingenieur, welcher die gesamte bisherige Berufslaufbahn (15 Jahre) im...  lesen
posted am 09.07.2019 um 21:13 von Unregistriert

Das Thema ist alles andere als neu. Ich hatte zu Beginn meines Studiums in den 90er Jahren bereits...  lesen
posted am 29.05.2019 um 09:43 von Ralf

Tensoren und Tensorfelder sind an allen mir bekannten deutschen Technischen Universitäten Themen,...  lesen
posted am 01.05.2019 um 23:19 von Unregistriert

Ich befinde mich derzeit noch im Master Studiengang Maschinenbau. Leider muss ich sagen, im 2....  lesen
posted am 29.04.2019 um 09:33 von Unregistriert

Endlich mal jemand der den Standort Deutschland nicht herunterredet. Besonders das Alle kochen...  lesen
posted am 26.04.2019 um 16:02 von Unregistriert


Mitdiskutieren
copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45880572 / Studium & Young Engineers)