Embedded & E-Mobilität In Krisen werden Führungskräfte besonders benötigt und gefordert

Redakteur: Johann Wiesböck

Annette Kempf hat die Coronakrise genutzt, um mit ihrem Unternehmen neue Lösungen für die E-Mobilität zu entwickeln. Dabei konnte sie zwar auf viel Erfahrung in diesem Sektor zurückgreifen, musste aber auch Risiken eingehen.

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Annette Kempf, CEO Eclipseina: „Ich gehe davon aus, dass es in den nächsten Monaten Nachholeffekte geben wird, wodurch das Wirtschaftswachstum stark anziehen wird.“
Annette Kempf, CEO Eclipseina: „Ich gehe davon aus, dass es in den nächsten Monaten Nachholeffekte geben wird, wodurch das Wirtschaftswachstum stark anziehen wird.“
(Bild: Foto: Petra Homeier · http://www.petra-homeier.de/)

Annette Kempf ist Dipl. Ing. Elektrotechnik und seit 2013 geschäftsführende Gesellschafterin der Eclipseina GmbH. Zuvor war sie Abteilungsleiterin für Elektromobilität und Industrieapplikationen bei Schaeffler. Dort beschäftigte sie sich im Softwarebereich mit den Themen Anforderungsentwicklung, Funktions- und Softwareentwicklung, Toolkette und Entwicklungsprozesse für Embedded-Software-Projekte. Ehrenamtlich leitet Annette Kempf den Arbeitskreis der Frauen im Ingenieurberuf in Regensburg beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI).

Ihr Unternehmen Eclipseina ist spezialisiert auf Embedded-Systeme und bietet neben der EC-LIB, einer Embedded-C-Festkomma-Arithmetik-Bibliothek, dem Elektronik-Baukasten EC-CHARGE für Ladesäulen und des Weiterbildungsbereichs Embedded Academy auch Beratung sowie Entwicklungsdienstleistungen an. Wir sprachen mit Annette Kempf, wie sie mit ihrem Unternehmen die Krise er- und durchlebt hat.

ELEKTRONIKPRAXIS: 2020 war schwierig und 2021 startete mit Lockdown – eine große Herausforderung. Jede Krise bringt aber auch Chancen mit sich. Wie sieht Ihr Aufbruch 2021 aus?

Annette Kempf: Wir bei Eclipseina haben die schwierige Zeit genutzt, um neue, nachhaltige Lösungen für die E-Mobilität zu entwickeln. Basierend auf unserer bisherigen Expertise im Bereich der Softwareentwicklung sowie unserem tiefgehenden Wissen zur E-Mobilität haben wir neue Produkte entwickelt, mit denen wir im Jahr 2021 in eine umweltfreundlichere Zukunft starten.

Um welche Produkte handelt es sich hierbei?

Mit unseren Ladelösungen wollen wir einen bedeutenden Beitrag zum Umweltschutz und dem nachhaltigen Umgang mit vorhandenen Ressourcen leisten. Das wichtigste Produkt in unserer Produktpalette zu Lösungen rund um das elektrische Laden ist dabei EC-CHARGE, ein individuell anpassbares Nachrüstset für bereits bestehende Ladesäulen.

Was genau wird dabei nachgerüstet?

Unser Produkt rüstet die Ladesäulen vor allem in Hinblick auf ihre Steuerung und die Kommunikation zum Fahrzeug nach. Für das Gleichstromladen zum Beispiel ist eine Kommunikation nach ISO15118 zwischen dem Elektrofahrzeug und der Ladesäule notwendig, ebenso wie eine entsprechende Anbindung an das Backend.

Auch ist die Kompatibilität zur älteren Ladekommunikation nach DIN70121 zu berücksichtigen, da bereits eingesetzte Fahrzeuge noch keine ISO-konforme Kommunikation kennen. Diese Kommunikationsstandards werden bisher nicht von allen Ladesäulen unterstützt. Für eine Aufrüstung ihrer Ladekommunikation ist die dazu benötigte Elektronik und Software auf das jeweils bestehende technische System der Ladesäule anzupassen.

Genau das ist die Idee hinter unserem Produkt. Es ist eine modular aufgebaute Lösung, die effizient auf existierende Ladesäulensysteme zugeschnitten werden kann. So können wir die verschiedensten Systeme mit EC-CHARGE auf den aktuellen Kommunikationsstandard upgraden.

Darüber hinaus sind an eine Ladesäule aktuelle Sensoren für eine eichkonforme Strommessung, ISO-Wächter und häufig RFID-Sensoren oder Displays anzubinden. Um diese Hardware ansteuern zu können, wurden CAN-, Ethernet-, USB-, Mini-HDMI-, RS232- und RS485-Schnittstellen, sowie ein Bluetooth-Empfänger in unserer Elektronik und die dazugehörigen Softwaretreiber vorgesehen. EC-CHARGE bildet die Schnittstelle zwischen diesen vielen unterschiedlichen Komponenten und steuert so die Ladesäulenfunktionalität.

Was zeichnet Ihren Ansatz gegenüber anderen Lösungen aus?

Die Stärke unserer Lösung ist ihre kundenspezifische Anpassbarkeit. Durch ihre Modularisierung ist sie zur Aufrüstung unterschiedlichster bereits vorhandener Ladesäulen-Systeme geeignet. So können wir nicht nur kundenspezifisch Sensoren anbinden, sondern bieten auch die jeweils dazu passenden parametrierbaren Softwarepakete an. Hier sind wir deshalb so flexibel, weil wir eine durchdachte statische und dynamische Softwarearchitektur aufgebaut haben.

Zudem wurde durch ein Parametrierkonzept der Grundstein für ein effizientes Variantenhandling gesetzt, das sich mit jedem neuen Projekt weiter beweist. Als Hardwareplattform haben wir uns für die NXP i.MX6 und i.MX8 Mikrocontroller-Familien entschieden, das heißt auch hier wurde auf Skalierbarkeit geachtet. Es ist sogar möglich, Softwarepakete der Kunden zu implementieren und integrieren und damit alles in einer Einheit umzusetzen.

Welche Unterstützung würden Sie sich wünschen?

Die Förderprojekte der Bundes- und Landesregierungen zielen auf die Installation neuer Ladesäulen und Ladepunkte ab. Es ist durchaus möglich, dass bestehende Ladesäulen deshalb nicht nachgerüstet, sondern verschrottet werden, was sich nur aufgrund der Fördermaßnahmen rechnet. Wir würden uns wünschen, dass eine Nachrüstung gleichermaßen gefördert wird.

Wie wirkt sich Corona auf die Elektromobilität aus?

Natürlich kann ich das noch nicht an Zahlen oder an anderen gesicherten Informationen festmachen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass die derzeitige Notwendigkeit zur Veränderung die Gesellschaft auch weiterhin prägen wird, da die Menschen gezwungen sind umzudenken. Der öffentliche Nahverkehr wird sicherlich noch lange unter dem Einfluss von Corona stehen, sodass mehr Kurzstrecken mit dem Auto zurückgelegt werden, für die zuvor der öffentliche Nahverkehr genutzt wurde. Genau dafür eignen sich Elektrofahrzeuge natürlich ideal. Der Trend zur Elektromobilität könnte also durch die Corona-Krise verstärkt werden.

Was haben Sie in der Krise gelernt, was anderen Unternehmen helfen könnte?

Ich stand im Frühjahr vor einer sehr schweren Entscheidung. Kurz vor Ausbruch der Krise hatte ich zwei Absolventen eingestellt, die gerade erst in das Berufsleben eingestiegen waren und sich noch in der Probezeit befanden. Ich war gezwungen abzuwägen, ob ich sie aufgrund der schwierigen Situation entlassen muss, oder aber ob ich die finanzielle Belastung und das damit einhergehende Risiko noch in Kauf nehmen und die beiden im Unternehmen behalten kann.

Ich bin dieses Risiko eingegangen und es hat sich definitiv gelohnt: Gemeinsam haben wir während der Krise inhaltlich unglaublich große Schritte nach vorne gemacht und sehr vieles vorangebracht. Daher mein Tipp: In Krisen sollte man zusammenhalten und diese Ausnahmesituationen dazu nutzen, Pläne umzusetzen, für die sonst nie ausreichend Zeit war.

Welche persönlichen Erkenntnisse haben Sie in den vergangenen Monaten gewonnen?

In Krisenzeiten werden Unternehmer und Führungskräfte noch viel stärker benötigt und gefordert, als im eingespielten Normalbetrieb. Offen zu bleiben und neue Chancen zu erkennen ist dabei wichtiger als je zuvor. Wir haben in diesem Krisenjahr beispielsweise einen neuen Kunden in einem Fachbereich gewonnen, den wir bisher noch gar nicht betrachtet hatten. Erst durch Corona entstand bei dem Kunden ein Bedarf, den er alleine nicht decken konnte. Dadurch war er auf unsere Leistungen angewiesen. Die wichtigste Erkenntnis ist daher: Wenn man nur will, dann geht es immer irgendwie weiter.

Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten Monaten?

Ich gehe davon aus, dass es in den nächsten Monaten Nachholeffekte geben wird, wodurch das Wirtschaftswachstum stark anziehen wird. Wer gut vorbereitet ist und im letzten Jahr mit aller Kraft nach vorne gearbeitet hat, wird von diesem Aufbruch profitieren und 2021 durchstarten können.

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