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Im Schatten des Coronavirus – Nachbericht zur Embedded World 2020

| Redakteur: Sebastian Gerstl

Über 30.000 Besucher wurden erwartet, am Ende meldeten die Veranstalter 13.800 – die Sorge vor dem Coronavirus SARS-CoV-2 hielt Aussteller wie Publikum davon ab, die Embedded World 2020 zu besuchen. War es das wert?

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Ein typisches Bild aus Halle 4A: Der Osteingang der Embedded World 2020 war an allen Messetagen weitgehend durch große Leere geprägt. An der Qualität der Gespräche, wie auch der demonstrierten Lösungen und Systeme, war allerdings nichts auszusetzen.
Ein typisches Bild aus Halle 4A: Der Osteingang der Embedded World 2020 war an allen Messetagen weitgehend durch große Leere geprägt. An der Qualität der Gespräche, wie auch der demonstrierten Lösungen und Systeme, war allerdings nichts auszusetzen.
(Bild: Sebastian Gerstl / VCG)

„Wir haben noch nie eine Messe unter solch komplexen, globalen Voraussetzungen durchgeführt,“ hatte Dr. Roland Fleck, CEO der NürnbergMesse, in einem Statement am Vortag der Embedded World eingeräumt. Und in der Tat war die NürnbergMesse nicht um ihre schwierige Lage zu beneiden: Aus Sorge um eine weitere Verbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 hatten zahlreiche Unternehmen ihre Präsenz auf der Embedded World abgesagt. Kein einziger der 15 größten Prozessor- und Mikrocontroller-Hersteller war präsent, die größten Distributoren und EMS-Anbieter waren nach und nach abgesprungen, und in der Folge hatten auch zahlreiche kleine und mittelgroße Unternehmen nach und nach angekündigt, nicht auf der Embedded-Leitmesse als Aussteller anwesend zu sein.

Der Ausbruch zahlreicher COVID-19-Fälle nur wenige Tage vor der Messe machte eine bereits komplizierte Lage noch schwieriger: Noch am Vortag der Eröffnung, teilweise sogar frühmorgens unmittelbar vor Messebeginn, beschlossen einige Unternehmen kurzfristig sich von der Messe zurückzuziehen, obwohl ihr Messestand bereits aufgebaut worden war.

Freie Flächen, gedrückte Stimmung

Entsprechend bot die Embedded World in diesem Jahr ein ungewohnt luftiges Bild. Der sonst dicht gedrängte Eingangsbereich der Messe Nürnberg war schon kurz nach Eröffnung der Messetage nahezu menschenleer, einige Hallen wie 4A, 3A oder 2 wirkten im Vergleich zu dem sonst üblichen Andrang regelrecht verwaist. Zwar hatte die Messe Nürnberg sich eifrig Mühe gegeben, die plötzlich freigewordenen Flächen noch irgendwie zu füllen – kleinere Unternehmen, die durch den Absprung eines großen Distributors ihren Messeauftritt verloren hatten, bekamen kurzfristig kleinere Messestände zugewiesen, und noch nie hatte eine Embedded World so viele ausgiebige Ruhezonen zu bieten. Trotzdem verlieh der Anblick einiger verlassener, mit Absperrband umzogener Stände und oft nicht nur gefühlt menschenleerer Hallen bisweilen ein Gefühl, das manche Aussteller oder Besucher nach einigen Aussagen eher an eine Geisterstadt als eine betriebsame Fachmesse erinnerte.

Dabei hatten sich gerade viele deutsche Unternehmer und ihr Standpersonal schon lange vor der Embedded World sehr über den Zeitpunkt der Messe – mitten in den Faschingsferien bzw. der Karnevalszeit – geärgert. Doch so startete die Messe, unter dem Einfluss besonderer externer Umstände, unter keinem guten Stern, was die Zufriedenheit der Anwesenden weiter drückte. Die unglücklich verlaufene, intransparente Krisenkommunikation der NürnbergMesse im unmittelbaren Vorfeld der Veranstaltung trug auch merklich zur Verstimmung bei. Viele gerade unter den kleineren Ausstellern hätten sich daher gewünscht, die Embedded World wäre wie auch der Mobile World Congress zuvor abgesagt worden – oder hätten zumindest den Versuch begrüßt, die Messe wie im Fall der Light & Building zu verschieben.

Im Vorfeld wie auch im weiteren Verlauf der Embedded World hatten zahlreiche Anwesende in den Sozialen Medien wie auch in den Kommentaren zu unseren Messebeiträgen ihrem Frust Luft verschafft. „Es ist schlichtweg ein Trauerspiel,“ schrieb etwa Andreas Bayer, Geschäftsführer der DSP Systeme GmbH, in einem Leserbeitrag, und beschrieb, dass einige der Messehallen einem geräumigen Wellnesspark denn einem geschäftigen Messetreiben ähnelten. Wie er schickten auch andere Aussteller bereits nach dem ersten Messetag zahlreiche Angestellte wieder nach Hause, da wenig Aussicht auf eine große Zahl an Gesprächen bestand.

Auch zahlreiche internationale Aussteller waren mit der Situation unzufrieden. „Ein jeder der behauptet, dass sein Stand ähnlich gut besucht sei wie in den Vorjahren, hatte zuvor entweder eine unglaublich schlechte Messepräsenz oder lügt,“ urteilte ein aus den USA angereister Produktmanager. Ein aus Skandinavien angereister CEO witzelte, dass er wenigstens ein schönes neues deutsches Wort auf der Embedded World 2020 gelernt hätte: „Schönreden.“ Wer gehofft hatte, Verträge entlang der kompletten Lieferkette für sein Embedded System abzuschließen, wurde besonders durch die Absage der großen OEMs und Distributions- bzw. EMS-Anbieter getroffen.

Von den noch am Sonntag vor der Messe angekündigten 20.000 Besuchern war jedenfalls in den Messehallen wenig zu spüren. 13.800 Besucher meldete die NürnbergMesse schließlich am Donnerstagabend; nach Ansicht mehrerer Aussteller dürfte die Zahl wahrscheinlich noch niedriger liegen.

Hochwertige Gespräche in deutlich entspannterer Atmosphäre

Dennoch: Als Leitmesse für Embedded-Systeme wurde die Embedded World ihrem Ruf wenigstens teilweise gerecht. Wer an Software-, Messtechnik-, SPS- oder kompletten Automationslösungen aus einer Hand interessiert war kam sicherlich auf seine Kosten. Hier hatten nur wenige namhafte Anbieter abgesagt.

Die Qualität der vorgestellten Produkte, Lösungen und Fachgesprächen war jedenfalls von gewohnt hohem Niveau. Dabei hatte die geringere Besucherdichte und die damit verbundene ruhigere Geräuschkulisse einen angenehmen Nebeneffekt: Die Atmosphäre war für gepflegte, tiefgreifende Unterhaltungen deutlich angenehmer und lud geradezu zu gemütlichem Netzwerken ein. Diverse Aussteller äußerten sich unseren Redakteuren gegenüber als sehr dankbar über die begleitende Vorberichterstattung. Viele Gesprächspartner betonten, dass sie sich durch die klare Kommunikation von Absagen und Anwesenheiten deutlich besser auf die Messe vorbereiten konnten. Viele fanden auf diese Weise trotz geplatzter Termine spontan zu alternativen Gesprächs- und vor allem Geschäftspartnern.

Selbst Kollegen der internationalen Fachpresse haben sich bei unseren Redakteuren vor Ort für unsere ausführliche und zeitnahe Berichterstattung bedankt. Auch über das Lob in den Leserkommentaren freuen wir uns sehr. Ein Lob, das wir an dieser Stelle auch an unsere Leser zurückgeben möchten. Denn Ihre zahlreichen Hinweise haben uns unsere Arbeit wesentlich erleichtert.

Sicher, mancher Aussteller musste aufgrund der geringeren Laufkundschaft eine deutlich niedrigere Zahl an geschäftlichen Leads verzeichnen. Einige von ihnen empfanden den Verlauf der Embedded World 2020 gar als Desaster. Dennoch fanden sich auch zahlreiche Aussteller, die sich nicht über die Menge oder Qualität der Kontakte beklagten. Gerade Anbieter von Nischenlösungen hatten hier sicherlich durch die Absage von Distributoren oder eines direkten Wettbewerbskonkurrenten profitiert.

Was jedenfalls die Qualität der Gesprächsthemen betrifft, können auch die anwesenden ELEKTRONIKPRAXIS-Redaktion diese Meinung nur bekräftigen. Schließlich hatten sich die Firmenvertreter schon monatelang ausgiebig auf die Fachmesse vorbereitet, und der Fokus auf handfeste, konkrete und professionelle Lösungen blieb erhalten.

Gute Krisenkommunikation ist unbezahlbar

Wie es ein internationaler Aussteller formulierte: Für die Embedded World 2020 kam geradezu ein „perfect storm" an ungünstigen Entwicklungen zusammen. Es sei zwar verständlich, dass die Veranstalter an der Messe festhalten wollten. Und eine Gesundheitslage wie die Aktuelle ist sicherlich kaum planbar. Doch der gesamte Umgang mit einer sich immer weiter zuspitzenden Situation hätte kaum unglücklicher sein können.

Andere Aussteller pflichten bei. Das Datum des Termins – mitten in der Karnevalszeit – war bereits unliebsam für viele deutsche Aussteller. Spätestens nach der Absage des Mobile World Congress hätte man aber offener mit der allgemeinen Sorge um den Coronavirus umgehen sollen, statt sich hinter Behörden und Hygienerichtlinien zu verstecken. Der plötzliche Ausbruchsherd in Italien über das Wochenende unmittelbar zuvor war zwar zu diesem frühen Zeitpunkt nicht vorhersehbar. Dennoch gingen die Veranstalter ungeschickt mit der Situation um: Besucher wie auch Aussteller klagten zu Recht, dass Absagen nicht auf der Veranstaltungs-Website kommuniziert, sondern klammheimlich aus dem Ausstellerverzeichnis gestrichen wurden. Dass die Veranstalter in der Folge auch mehrere Tage nach den ersten Absagen schwiegen, oder nur teils schon seit Wochen vorbereitete Pressestatements veröffentlichten, nahmen Unternehmer wie potentielle Besucher als arrogant wahr.

In der Kommunikationswissenschaft heißt es „Man kann nicht nicht kommunizieren“: Selbst durch Schweigen drückt man etwas aus. Es mag gut sein, dass die NürnbergMesse vor hatte, angesichts der Verbreitung des Coronavirus Ruhe auszustrahlen und den Leuten die Sorge zu nehmen. Falls das der Fall war ging die Idee nicht auf: Das intransparente Streichen von Ausstellern aus dem Ausstellerverzeichnis, mehrtägiges Schweigen angesichts zunehmender Nachfragen potentieller Besucher auch über die Sozialen Medien und das konsequente Festhalten an den ursprünglich erwarteten Besucherzahlen wurde nicht nur als nicht hilfreich, sondern auch als arrogant wahrgenommen. Selbst bei denen, die gekommen sind, hinterließ dies einen bitteren Nachgeschmack.

Die Embedded World wird weiterhin eine Zukunft haben. Als eine Leitmesse, an der zahlreiche Anbieter und Entwickler in diesem Feld an einem Ort zusammenkommen und sich austauschen können, ist sie immer noch unvergleichbar. Aber die Veranstalter werden sich große Mühe geben müssen, bei Besuchern wie auch kleinen bis mittelgroßen Anbietern wieder Vertrauen zurückzugewinnen. Auch ohne Coronavirus wird es zur Herausforderung werden, wieder zu den Besucherzahlen aus den Vorjahren zurückzukehren.

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