„Im KI-Zeitalter ist die Zeit der Alleingänge endgültig vorbei“

| Autor / Redakteur: Sabine Bendiek * / Sebastian Gerstl

Sabine Bendiek, Geschäftsführerin von Microsoft Deutschland: „Unser Ziel muss es sein, die deutsche Industrie zukunftssicher zu machen. Deshalb müssen wir jetzt den Fuß von der Bremse nehmen.“
Sabine Bendiek, Geschäftsführerin von Microsoft Deutschland: „Unser Ziel muss es sein, die deutsche Industrie zukunftssicher zu machen. Deshalb müssen wir jetzt den Fuß von der Bremse nehmen.“ (Bild: Microsoft)

Die deutsche Regierung fährt die geplanten Fördermittel für Künstliche Intelligenz deutlich zurück. Ein falsches Signal, findet Sabine Bendiek, Geschäftsführerin von Microsoft Deutschland. Gerade in der aktuellen Konjunktur müsse die deutsche Wirtschaft deutlich an Tempo zulegen. Das erfordert aber auch mehr Kooperation zwischen den hiesigen Unternehmen.

Der Reflex scheint unvermeidlich. Kaum ziehen am Konjunkturhimmel ein paar dunkle Wolken auf, schnallt die Regierung den Gürtel enger und kassiert gerade erst gemachte Investitionszusagen. Doch dabei spart sie jetzt an ihrem wichtigsten Zukunftsprojekt: Mit ihrer im November 2018 vorgelegten KI-Strategie wollte die große Koalition Deutschland zu einem weltweit führenden Standort bei künstlicher Intelligenz machen und dafür bis 2025 drei Milliarden Euro investieren.

Doch im aktuellen Haushaltsentwurf wurde diese Summe jetzt auf ein Drittel eingedampft und für 2019 sind nur 50 Millionen Euro als direkte Förderung vorgesehen. Dabei waren selbst die ursprünglichen drei Milliarden Euro knapp kalkuliert. Zum Vergleich: In China will allein die Stadt Tianjin fast 13 Milliarden Euro in KI-Förderung investieren.

Die geplante Mittelkürzung wurde ausgerechnet zum Forschungsgipfel 2019 publik, der sich in diesem Jahr ganz dem Thema KI verschrieben hatte. Prompt hagelte es dort reichlich Kritik. Kanzleramtschef Helge Braun konterte mit dem Versprechen: „Wenn wir mal was finden, was wir nicht mehr brauchen – das stecken wir dann in KI“. Geld sei im Übrigen auch nicht alles. Viel wichtiger sei doch, dass auch Deutsche mal „mit Lust und guter Laune“ an etwas herangingen, zitiert ihn das Handelsblatt.

Das klingt allerdings fast schon zynisch und ist ein Signal in die völlig falsche Richtung. Denn das globale KI-Rennen gewinnen wir nicht mit noch so gut gelaunter Sparsamkeit, sondern mit Initiative und Investitionen.

Die Konjunkturdelle wird zur Bewährungsprobe für die Digitalisierung

Allein im produzierenden Gewerbe könnte der Einsatz von KI die Bruttowertschöpfung um rund ein Drittel steigern. Dieses Potential müssen wir nutzen indem wir jetzt massiv und zielgerichtet in die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft investieren. Schließlich haben wir nach Jahren des Zögerns gerade erst zur digitalen Aufholjagd angesetzt. Wie weit wir damit schon gekommen sind, wird sich zeigen, wenn jetzt das Wirtschaftsklima abkühlt. Die drohende Konjunkturdelle wird zur Bewährungsprobe für die Digitalisierung in Deutschland.

Leider gibt es jetzt schon einige Hinweise darauf, dass wir sie nicht mit Bravour bestehen werden: Die deutsche Wirtschaft liegt im Innovationsindikator des BDI nur noch auf dem neunten Platz und gerade mittelständische Unternehmen fallen im globalen Innovationswettbewerb immer weiter zurück. Im ‚IMD World Competitiveness Ranking‘ ist Deutschland seit 2014 vom sechsten auf den 15. Platz abgerutscht, in punkto ‚digitale Leistungsfähigkeit‘ rangieren wir sogar nur auf Rang 18.

Bei den 63 im IMD World Competitiveness Ranking gelisteten Nationen belegte Deutschland 2018 nur noch Rang 15. 2014 lag man noch auf dem sechsten Platz.
Bei den 63 im IMD World Competitiveness Ranking gelisteten Nationen belegte Deutschland 2018 nur noch Rang 15. 2014 lag man noch auf dem sechsten Platz. (Bild: IMD)

Aber was genau ist der Grund? Der Publizist und Autor Wolf Lotter moniert in einem Essay in der Brand Eins: „Das Land, das einst mit Autos, Chemie, Ingenieurskünsten zum Fortschrittsweltmeister wurde, ist beim Digitalen nie übers Kopieren hinausgekommen. Das gilt sogar in der für die sakrosankte deutsche Industrie so wichtigen Digitalisierung der Produktion: Industrie 4.0 heißt das Programm dazu, was eigentlich alles sagt. Seriös ist nur das Alte, Bekannte, Gewohnte.“ Das ist ein hartes Urteil und in seiner Absolutheit sicher nicht gerecht. Es gibt zahlreiche zukunftsweisende digitale Leuchtturmprojekte der deutschen Industrie und viele davon werden auch in diesem Jahr wieder auf der Hannover Messe zu sehen sein. Aber er stimmt wahrscheinlich auch, dass so manches deutsche Unternehmen, insbesondere im Mittelstand, noch immer in der alten Industrielogik gefangen ist, die Lotter seit Jahren vehement kritisiert. Gemäß dieser Logik setzen viele Firmen bei ihren Digitalisierungsvorhaben nach wie vor primär auf Effizienzgewinne, und verschenken das Potential digitaler Produkte und Geschäftsmodelle für die Sicherung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit, für die Erschließung neuer Märkte, kurz für echte Innovation.

Was also ist zu tun? Eine der größten Hürden hierzulande ist der Fachkräftemangel. Zwei Drittel der Unternehmen beklagen mangelnde KI-Kompetenzen. Dabei fehlen nicht nur IT- und Tech-Spezialisten. Viele Firmen suchen händeringend nach Change-Managern, die die digitale Transformation im Unternehmen vorantreiben. Wir müssen also dringend und auf allen Ebenen massiv in die digitale Qualifizierung investieren und gleichzeitig besser darin werden, Talente aus dem Ausland anzuziehen. Grundsätzlich müsse sich Deutschland mehr öffnen, fordert der BDI. Tatsächlich liegt Deutschland neuen ‘Offenheits-Indikator‘ des BDI nur auf Platz 21 von 35 untersuchten Staaten – auch deshalb, weil es immer noch am Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft mangelt, um vorhandenes Knowhow in konkrete Produkte und marktfähige Anwendungen umzusetzen. Dietmar Harhoff, der Vorsitzende der Expertenkommission Forschung und Innovation stellte kürzlich in der FAZ die Frage, ob wir uns die alte Vorstellung, dass sich erst nach Jahrzehnten der Grundlagenforschung konkrete Anwendungen in Wirtschaft und Gesellschaft ergeben, weiterhin leisten können.

Innovation ist der Beweis, dass die Zukunft existiert

Nein, das können wir nicht. Unser Ziel muss es sein, die deutsche Industrie zukunftssicher zu machen. Deshalb müssen wir jetzt den Fuß von der Bremse nehmen und sowohl das Tempo der technologischen Umsetzung als auch die KI-Kompetenz in jedem einzelnen Unternehmen deutlich steigern, vor allem auch im Mittelstand. Und wir müssen uns noch mehr öffnen: für neue Formen der Zusammenarbeit innerhalb und außerhalb von Unternehmen, für neue Partnerschaften auch über Branchengrenzen hinweg, für neue Technologien und Methoden, für ein neues digitales Denken und eine neue Kultur des Vertrauens und der Offenheit.

Denn, um noch einmal Lotter zu zitieren, „Innovation ist der berechtigte Anlass für die Hoffnung, dass es besser wird. Der Beweis, dass die Zukunft existiert. Dass es einen Fortschritt gibt, eine Perspektive.“ Das ist eine Perspektive, wie Microsoft sie auch zuletzt gemeinsam mit Unternehmen wie Osram, Siemens oder Zeiss auf der Hannover Messe eröffnete: Zeigen, wie aus guten Kunden starke Partner werden, wie wir Zusammenarbeit ganz neu denken, wie wir zusammen digitale Technologien in neue Geschäftsmodelle übersetzen, welche Chancen Plattformen und das Teilen von Daten bieten - und wie im Schulterschluss von Industrie und Technologie jenseits von „Copy & Paste“ etwas wirklich Neues entstehen kann.

Dafür brauchen wir nicht nur die enge Partnerschaft von Industrie und Technologie, sondern auch eine Politik, die die richtigen Prioritäten setzt, die zu ihrem Wort steht und verlässliche Rahmenbedingungen schafft. Kurz wir brauchen eine breite Allianz des digitalen Fortschritts. Denn im KI-Zeitalter ist die Zeit der Alleingänge endgültig vorbei. Auch das sollte ein Signal sein, das von Hannover ausgeht.

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* Sabine Bendiek ist Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland in München.

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