PTC-LiveWorx-Konferenz „Im Internet der Dinge entscheidet der menschliche Faktor“

Redakteur: Franz Graser

Am Rande der LiveWorx in Boston hatte EP-Redakteur Franz Graser Gelegenheit, sich mit Richard Soley, dem Vorsitzenden des Industrial Internet Consortium (IIC), auszutauschen. Das Gespräch zeigte unter anderem, dass das IoT höhere Erträge für Milchfarmer möglich macht – und dieser Erfolg nicht nur mit Technik zu tun hat.

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Richard Mark Soley ist Vorsitzender des Industrial Internet Consortiums (IIC). Das Konsortium treibt die Zusammenarbeit von internationalen Unternehmen bei der Standardisierung im IoT voran.
Richard Mark Soley ist Vorsitzender des Industrial Internet Consortiums (IIC). Das Konsortium treibt die Zusammenarbeit von internationalen Unternehmen bei der Standardisierung im IoT voran.
(Bild: OMG/Richard Soley)

Gibt es eine Konkurrenzsituation zwischen dem IIC und den deutschen Aktivitäten zu Industrie 4.0?

Das Industrie-4.0-Konsortium ist ja gerade im Entstehen und formt sich unter der Führerschaft des BMWI (Bundeswirtschaftsministerium), des BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung), des VDMA, des VDI und Bitkom. Wir arbeiten sehr eng mit diesen Organisationen zusammen. Wir befinden uns bereits im Dialog, um sicherzustellen, dass sich die Aktivitäten auch weiterhin gegenseitig ergänzen. Vielleicht werden wir auch Gelegenheit zu einer direkteren Zusammenarbeit finden.

Wenn man sich die einzelnen Partner bei Industrie 4.0 ansieht und dabei die öffentlichen Einrichtungen und Verbände wie den VDMA außen vor lässt, dann sind da praktisch schon die Hälfte unserer IIC-Mitglieder vertreten, so etwa Bosch, Siemens, HP und IBM. Es sind also Initiativen, die sich ergänzen und keine Konkurrenzveranstaltungen, in keiner Weise! Der Hauptunterschied ist allerdings: Das Industrie-4.0-Konsortium konzentriert sich stark auf die deutsche Industrie, unser Fokus ist dagegen international.

Ist es überhaupt sinnvoll, eine nationale Organisation für Industrie 4.0 zu haben? Sind Ihnen ähnliche Organisationen aus Großbritannien, China oder anderswo bekannt?

Ja, natürlich. Und das ist auch vernünftig so. Sehen Sie, die deutsche Regierung muss soweit wie möglich sicherstellen, dass industrielle Produktion in Deutschland bleibt. Und die amerikanische Regierung sollte das Gleiche für die USA tun. Das ist aber nicht mein Ziel. Das ist ein Ziel der amerikanischen Regierung. Es ist Ziel der japanischen Regierung, dasselbe für Japan zu tun - und die chinesische Regierung macht das auch. Es gibt auch eine ähnliche Organisation in Singapur. Und alle legen das Augenmerk auf technische Fragen und auf mögliche Folgen für die Beschäftigungslage.

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Wie würden Sie die methodischen Unterschiede zwischen dem IIC und den deutschen Initiativen für Industrie 4.0 beschreiben?

Das IIC fokussiert sich wie ein Laser auf eine Sache: Die Zusammenarbeit rund um das, was wir Testbetten nennen, zu fördern. Das sind Projekte, die Unternehmen, Anwender, Hersteller, Softwarehäuser, Forschungseinrichtungen und Universitäten zusammenbringen, um Prototypen zu entwickeln. Das sind Prototypen und Demonstrationsprojekte. Von diesem Punkt aus suchen wir nach Änderungen für die Geschäftsfelder und nach durchschlagenden neuen Produkten und Dienstleistungen.

Das geht es nicht in erster Linie um Standardisierungen. Es geht darum, die Zusammenarbeit zu etablieren. Führende Mitglieder des IIC wie zum Beispiel PTC beteiligen sich bei der Entwicklung der Testbetten und suchen nach Partnern von anderen großen oder kleinen Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Universitäten und so weiter.

Die Industrie-4.0-Gruppe hat sich dagegen bisher darauf verlegt, in die Zukunft zu schauen. Das von der Gruppe veröffentlichte Papier zu Smart Services ist dafür ein gutes Beispiel. Diese Gruppe wird von (dem ehemaligen SAP-Chef, d. R.) Henning Kagermann und Frank Riemensperger geführt. Wir haben dagegen noch nicht versucht, die Zukunft vorherzusehen. Wir versuchen lediglich herauszufinden, was funktioniert und was nicht.

Ich werde auf dieser Seite des Atlantiks immer wieder gefragt: Warum entwickelt ihr keine Standards? Ich antworte dann: Welche Standards? Es gibt bereits Standards für Middleware, wie Sie wissen. Die Frage ist daher, herauszufinden, welche Standards wir brauchen. Und das tun wir, indem wir Prototypen entwickeln und schauen, was funktioniert. Ich nenne das den Nike-Effekt: Just do it.

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Würden Sie sagen, die Deutschen sind eher dogmatisch und Sie eher pragmatisch?

Ich werde ständig zu meiner Meinung über die deutsche Kultur befragt. Und darauf möchte ich jetzt auch nicht eingehen. Ich kenne pragmatische Deutsche und dogmatische Deutsche. Ich denke nicht, dass das eine nationale Eigenschaft ist. Die Leute unterscheiden sich. Ingenieure sind typischerweise dogmatischer als andere, aber wir kennen auch eine große Menge pragmatischer Ingenieure.

Für uns vom IIC würde ich sagen, dass wir sehr pragmatisch arbeiten. Wir sehen einfach, was passiert. Ich würde auch nicht sagen, dass es sich hier um einen Wettstreit zwischen Nationen handelt. Es liegt in unserem Interesse als internationale Organisation, dass Deutschland industrielle Fertigung in Deutschland behält und die USA die Fertigung in den USA behält. Ich möchte hier auch nur noch mal beiläufig erwähnen, dass es auch noch ein weiteres Industrieland gibt, das im Osten liegt, nämlich die Volksrepublik China.

Manche Techniken, die jetzt im Zusammenhang mit dem Internet der Dinge propagiert wurden, ähneln denen, die in der allgemeinen IT vor ein paar Jahren en vogue waren. Zum Beispiel SOA (service-orientierte Architektur).

In der horizontalen Ebene gibt es auch nichts Neues. Wenn es um die Anwendung von Geräten geht, egal ob das Sensoren oder Aktuatoren sind oder auch Analysesoftware - es ist nichts Neues. Die Object Management Group (OMG), der ich ebenfalls vorstehe, erfand die sogenannte Middleware im Jahr 1989. Ich war damals erst sechs Jahre alt, aber ich erinnere mich noch gut daran (Lacht). Und daran hat sich nichts geändert. Middleware ist Middleware. Und natürlich hat sich auch die service-orientierte Architektur kaum verändert, die auch nicht so anders ist als die 10 Jahre ältere objektorientierte Architektur.

Wir benutzen diese Techniken jedenfalls, um Systeme zu bauen. Interessant wird es erst, wenn man oberhalb dieser Middleware-Ebene baut. Wie teilt man zum Beispiel Sensordaten von Flugzeugtriebwerken verschiedener Hersteller? Von CFM und Rolls-Royce und Pratt & Whitney, General Electric und anderen? Wie sendet man Nachrichten an Aktuatoren in Automobilen oder in Fertigungsanlagen, etwa PLCs und anderen Dingen, die von unterschiedlichen Herstellern kommen?

Diese semantische Ebene ist viel schwieriger. Darauf fokussiert sich die OMG. Auf die Ebene der Ontologien und auf das, was wir Semantik nennen. Aber natürlich haben Sie recht. Die Infrastruktur gibt es schon lange und sie hat sich auch nicht groß verändert.

Wirklich interessant ist im Hinblick auf die Infrastruktur der enorme Wandel der Ökonomie: Rechenleistung kostet nichts. Die Anbindung ans Internet kostet praktisch nichts - relativ gesehen. Und sogar Analysetechniken auf einer breiten globalen Basis sind kostenfrei, weil es Lösungen wie Hadoop gibt. Das hat sich geändert. Man hat all diese Techniken, die sich gegenseitig ergänzen, zu unglaublich niedrigen Preisen. Das erlaubt es, diese vorhandene Infrastruktur zu nutzen, um Systeme auf neue Art zu bauen.

Grundsätzlich lautet das Schema: Nimm Informationen von einer großen Zahl an Sensoren, es können durchaus auch Millionen von Sensoren sein. Dann führe eine prädiktive (vorhersagende) Analyse der Daten in Echtzeit aus. Und dann wende das ebenfalls in Echtzeit auf die Interaktion mit Geräten an. Oder übermittle die Information in einem lesbaren Format an Menschen, die Entscheidungen treffen müssen, wie etwa den Handel mit einem bestimmten Finanzprodukt einzustellen oder ein Flugzeug am Boden zu belassen. Dieses Muster wird natürlich von einer Infrastruktur unterstützt, die es schon lange gibt. Aber die Ebene darüber ist wirklich kritisch.

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Welche Art der Standardisierung ist nun notwendig?

Ich habe ja vorher gesagt: Just do it. Lassen Sie mich das ergänzen zu: Just do it together. Was wir machen, ist: Wir bringen die Partner zur Zusammenarbeit. Wir brauchen semantische Standards, aber welche nun genau? Wir versuchen das herauszufinden, indem wir einen Prototypen bauen. Wir könnten uns ja auch zurücklehnen und sagen: Wir wissen schon alles, was man über PLCs oder Fertigung wissen muss und dann einfach die Standards definieren.

Das wäre aber eine blöde Idee, denn wenn man sich die ganzen PLCs ansieht, dann integrieren sie sich zum zum Teil nicht mit der Informationstechnologie, die vom selben Hersteller stammt. Wir versuchen eben herauszufinden, welche Standards fehlen, und dann entwickeln wir sie. Es geht also nicht darum zu sagen: "Just do it - und dann sind wir fertig", sondern darum: "Just do it und lasst uns aus dem lernen, was funktioniert und was nicht funktioniert."

Wir müssen herausfinden, wo die Bereiche liegen, die ein Geschäft umkrempeln können. Welche durchschlagenden neuen Services und Produkte sind verfügbar? Denn es gibt neue Services, vor allem mit IoT-Hintergrund. Und welche Standards machen ein Projekt einfacher? Und dann standardisiert man. Ein konkretes Beispiel: Unser erstes Testbett zum Thema Tracking und Nachverfolgen, das wir angekündigt haben, wurde von Bosch und Tech Mahindra auf den Weg gebracht. Bosch ist übrigens eine deutsche Firma (lacht). Deshalb macht es mich verrückt, wenn einige Leute sagen, das IIC sei eine amerikanische Veranstaltung. Ich bin Amerikaner aber mit mir arbeiten Deutsche, Ukrainer, Japaner, Koreaner. Es ist eine internationale Organisation. Und unser erstes angekündigtes Testbett kam von Bosch und Tech Mahindra, mit Unterstützung von Cisco.

Sie bauten das Prototyp-System, um die Leute, die Teile und die Dinge im Lager nachzuverfolgen, um die Sicherheit, die Qualität, die Leistung und die Effizienz zu verbessern. Dadurch haben sie schon eine Menge gelernt, zum Beispiel, dass sie Standards für die Beschreibung der Sensoren brauchen, die in den Umhüllungen und den Werkzeugen stecken. Diese Standard-Anstrengungen legen sie der OMG vor, und die ganze Arbeit wird offengelegt. Wir werden noch mehrere Projekte dieser Art in den kommenden Wochen ankündigen. Ganz konkret haben wir gelernt, welche Geräte integriert werden müssen und wie die Semantik dieser Geräte aussieht.

Was ist die wichtigste Herausforderung für die vielzitierte strahlende Zukunft im Internet der Dinge?

Die beiden wichtigsten Herausforderungen sind Standards und Sicherheit. Bei den Standards muss man aber wissen, welche man braucht, bevor man sie entwickelt. Und die Sicherheit wird jedesmal angesprochen. Wir profitieren ja davon, dass die Internettechnik billig, ja praktisch kostenlos ist. Aber man muss sich dessen bewusst sein, dass das Internet, so wie es heute existiert, nicht unbedingt eine sehr sichere Infrastruktur ist.

Wir müssen das mit der Sicherheit also hinkriegen, und zwar richtig. Deshalb gibt es bei allen unseren Prototypen und Testbetten eine Gruppe für Sicherheitsfragen, die derzeit von Intel und Fujitsu geleitet wird. Fujitsu ist auch keine US-Company. Mir gefällt die Tatsache, dass der Vertreter von Fujitsu Franzose ist, für ein japanisches Unternehmen arbeitet und in den USA lebt. Diese Gruppe prüft jedes Testbett und testet es im Hinblick auf die Sicherheitsaspekte. Wir nehmen das also ernst.

Manchmal wird das IoT ja so vermarktet, als brauche man nur eine bestimmte Middleware oder ein bestimmtes Tool zu kaufen, und alles wird gut.

Es handelt sich aber nicht um ein Tool. Der ganze Zweck des IoT ist es, Dienste und Lieferketten miteinander zu verbndinden.

Es kommt aber vor, dass durch Unternehmen vermittelt wird, man könne sich den Erfolg im IoT einfach durch Softwareprodukte kaufen.

Ich tue das bestimmt nicht, und PTC macht es ganz gewiss auch nicht. Ich denke auch nicht, dass einer der führenden IIC-Mitglieder so etwas sagt. Man kann das nicht einfach kaufen und installieren. Es geht um einen kulturellen Wandel, den man mit den Mitgliedern der eigenen Service- und Lieferkette gestalten muss. Natürlich geht es auch um Technik. Aber es ist noch viel mehr.

Ja, es gibt schlüsselfertige Lösungen im IoT-Bereich. Ich war kürzlich bei einer IoT-Veranstaltung in San José in Costa Rica. Und die beste Präsentation hielt Alejandro Urbina. Er sprach über eine Milchfarm, die er betreibt, die Lecheria Santos. Er holt aus seinen Kühen 40 Prozent mehr Milch heraus als seine unmittelbaren Nachbarn. 40 Prozent! Und das, indem er alles überwacht, was sich auf der Farm tut. Er hat Sensoren in die Ohren der Kühe implantieren lassen. Er bekommt mit, wenn sie schlafen und wenn sie wach sind, wenn sie gemolken werden können und wenn sie trächtig sind. Er weiß es, wenn sie krank sind. Die Lösung hat er schlüsselfertig von einer niederländischen Firma gekauft. Alles ist über die Cloud zugänglich, er hat mir sogar Bilder seiner Kühe über die Kameras gezeigt, die in den Ställen installieret sind. Gut, es ist nicht IoT im globalen Maßstab, aber es ist nichtsdestotrotz IoT.

Die Kühe wiegen im Schnitt 600 Kilo und sie fressen pro Tag 60 Kilo. Und ein Gramm Unterschied kann sich auf die Gesundheit der Kühe auswirken. Ein Gramm! Und alle müssen, abhängig von ihrem Gesundheitszustand, ganz individuell gefüttert werden.

Das war auch ein kultureller Wandel. Er musste seine Arbeiter ganz neu schulen. Es ging eben nicht darum, einfach mal ein bisschen Software zu implementieren. Der Mann hat eine Ausbildung vom MIT, er war Herausgeber der größten Zeitung Costa Ricas. Und jetzt ist er Milchfarmer.

Fassen wir also zusammen: Es geht im IoT nicht ausschließlich um Technik. Der Faktor Mensch ist nach wie vor ausschlaggebend.

Korrekt. Es ist von absoluter Wichtigkeit, dass man die Kultur ändert und nicht nur die Technik.

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