Leistungselektronik für Elektroautos IGBT-Chips: Chinas Produktion wächst schnell

Autor / Redakteur: Henrik Bork / Michael Eckstein

Bisher hat China bei wichtigen Chips für die Autoindustrie auf Kooperationen mit erfahrenen ausländischen Partnern gesetzt. Dieser Ansatz wird vermehrt zum Auslaufmodell. Das ist keine gute Nachricht für IGBT-Marktführer Infineon.

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Wind of change: Unter anderem bei IGBT-basierten Leistungsmodulen ist Infineon Marktführer – auch in China. Doch das Reich der Mitte will auch bei diesen Hochleistungschips unabhängiger werden von ausländischen Anbietern.
Wind of change: Unter anderem bei IGBT-basierten Leistungsmodulen ist Infineon Marktführer – auch in China. Doch das Reich der Mitte will auch bei diesen Hochleistungschips unabhängiger werden von ausländischen Anbietern.
(Bild: Infineon)

Dem Ziel der nationalen „Selbstversorgung“ mit IGBT-Chips ist China einen weiteren Schritt nähergekommen. Ein von zwei Staatsbetrieben gegründetes Gemeinschaftsunternehmen in Wuhan hat Anfang Juli mit der Serienproduktion eines IGBT-Chips für die Automobilindustrie begonnen, berichtet das chinesische Fachmedium Dianzi Gongcheng Zhuanji.

Bei dem neuen Unternehmen handelt es sich um die „Zhixin Semiconductor Module Packaging Factory”, einem Joint-Venture des staatlichen Autoherstellers Dongfeng Motor und des staatlichen Chip-Herstellers CRRC. Die ersten in Serie gefertigten IGBT-Halbleiter sind dort am 7. Juli vom Band gelaufen, heißt es in dem Bericht.

Der Autohersteller habe damit einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung auf sein Ziel zurückgelegt, „die entscheidenden Schlüssel-Ressourcen für Elektrofahrzeuge unabhängig zu kontrollieren”, zitierte die Fachpublikation Zhu Yanfeng, den Vorstandsvorsitzenden und Parteisekretär von Dongfeng Motor.

China baut gezielt heimische Chip-Produktion für Autos aus

Mit „unabhängig“ ist in diesem Kontext auch „unabhängig vom Ausland“ gemeint, denn seit Beginn des Handels- und Technologie-Konfliktes zwischen Washington und Peking und ganz besonders seit Beginn der Versorgungsprobleme mit Halbleitern baut China gezielt die eigene, heimische Fertigung von Autochips aus. Die nun begonnene Serienfertigung in Wuhan ist dafür das jüngste Beispiel.

Die neue Chip-Fabrik werde nach ihrer kompletten Fertigstellung einen Jahreskapazität von 1,2 Millionen IGBT-Chips erreichen, hieß es in chinesischen Medienberichten. Das soll spätestens 2025 der Fall sein, wenn Dongfeng im Rahmen seiner Kampagne „Östlicher Aufwind“ eine Million Elektrofahrzeuge produzieren will. In der nun begonnenen ersten Phase soll zuerst eine Produktionskapazität von 300.000 Chips pro Jahr erreicht werden.

Joint-Ventures mit ausländischen Herstellern ein Auslaufmodell?

Kooperationen zwischen Autokonzernen und Chip-Herstellern zur Produktion automobiler Halbleiter sind nicht neu. Vor allem Joint-Ventures mit führenden ausländischen Herstellern waren in China bis vor kurzem sehr populär, etwa das im März 2018 etablierte Gemeinschaftsunternehmen „SAIC Infineon Semiconductor“. Was sich in jüngster Zeit aber auffällig häuft, sind chinesisch-chinesische Kooperationen zur Chip-Fabrikation, besonders für Autochips.

Innerhalb kurzer Zeit haben in diesem Jahr schon mehrere chinesische Unternehmen mit der Fertigung von Halbleitern für die Autoindustrie begonnen. Am 21. Juni gab „Hangzhou Silan“ bekannt, 758 Millionen Yuan (rund 100 Millionen Euro) in eine neue Fabrik für Autochips zu investieren, berichtet das Fachmedium Bandaoti Hangye Guancha. IGBT-Chips sollen das Hauptprodukt werden.

Mehrere Serienproduktionen für IGBT-Chips angelaufen

Am 23. Juni konnte das Unternehmen „Sun King Technology“ seine erste IGBT-Produktionslinie in Betrieb nehmen und mit Produktionstests beginnen, heißt es im selben Bericht. Diese neue Anlage soll nach ihrer endgültigen Fertigstellung ein Jahreskapazität von zwei Millionen IGBT-Chips erreichen.

Am 24. Juni begann die Serienproduktion von 12-Inch-IGBT-Chips in einem Joint-Venture von „Starpower Semiconductor“ und „Hua Hong“. Innerhalb kürzester Zeit gibt es also nun eine ganze Reihe neuer Mitbewerber auf dem rasch wachsenden Markt für Autochips in China. „In etwas mehr als einem Monat sind neben Zhixin Semiconductor mehrere weitere heimische Hersteller von IGBT-Chips und -modulen entstanden,“ fasst Bandaoti zusammen und spricht von einer „kollektiven, explosiven Entwicklung”.

„Heimische Substitution“ ist das zentrale Thema

Seit der damalige US-Präsident Donald Trump dem chinesischen Tech-Konzern Huawei den Zugang zu fortschrittlichen Halbleitern verwehrt hat, ist die „heimische Substitution“ das dominierende Schlagwort in Chinas Halbleiter-Industrie. Man will so schnell wie möglich eigene Kapazitäten aufbauen, um von Sanktionen aus dem Ausland unabhängig zu werden.

Derzeit werden noch rund 80% der in der Autoindustrie verbauten Chips in China importiert, unter anderem aus Deutschland, der Heimat des globalen Marktführers Infineon. Doch schon „innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre wird die Lage bei heimischen, chinesischen Autochips unabhängiger und kontrollierbarer sein,“ zitiert das Finanz-Zeitung Zhongjin Tou einen Brancheninsider.

E-Mobilität beflügelt Markt für IGBT-Chips

Der momentan durch staatliche Förderung und allmählich steigende Akzeptanz bei den Autofahrern rasch wachsende Markt für E-Autos beflügelt auch die Nachfrage nach IGBT-Chips, die insbesondere für die Steuerung der Elektro-Antriebe, aber auch für viele andere Funktionen der Elektrofahrzeuge von zentraler Bedeutung sind. Für den Markt von IGBT-Chips wird weltweit für die kommenden Jahre ein jährliches Wachstum (CAGR) von 32% prognostiziert.

In China, wo sich die E-Mobilität momentan besonders rasch entwickelt, gerät daher nun auch der Markt für IGBT-Chips besonders stark in Bewegung. „Ganz gleich ob es sich um den Start bei neuen Fabrikbauten, um neue Serien-Fertigungen oder um Fusionen & Übernahmen handelt, die chinesischen Chiphersteller sind gerade auf den Produktmarkt für IGBT-Chips fokussiert, was die Popularität dieses Marktes reflektiert,“ schreibt Bandaoti Hangye Guancha.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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