Industrielle Bildverarbeitung IBV: Die VISION ist zur Präsenz zurückgekehrt

Redakteur: Gerd Kucera

Mit einer Fülle neuer IBV-Komponenten, Aussteller und Lösungen konnte die VISION an die abgerissene Erfolgsserie wieder anknüpfen. Eine Einordnung und die aktuellen Zahlen der Branche skizziert dieser Nachbericht.

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Mehr als 5.400 Besucher und 300 Aussteller waren zur VISION 2021 präsent.
Mehr als 5.400 Besucher und 300 Aussteller waren zur VISION 2021 präsent.
(Bild: Kucera)

Nach drei Jahren Live-Pause hat sich die Bildverarbeitungsbranche wieder auf ihrer Präsenzmesse getroffen. An allen drei Tagen war der Wunsch spürbar, eventuell Versäumtes nachzuholen. Bedarf bestand vor allem am persönlichen Austausch, um anstehende Aufgaben und Lösungen zu diskutieren. Auch Preise gab es: die Auszeichnungen VISION Start-up 2021 und VISION Award 2021.

Nach gelungenem Restart in 2021 trifft sich die IBV-Branche bereits wieder in einem Jahr (4.-6.10.22): mit den Trendthemen Embedded Vision, Hyperspectral Imaging und Deep Learning. Danach findet die Leitmesse der Bildverarbeitung wieder alle zwei Jahre statt.

Pandemiebedingt sind die Messezahlen der VISION 2021 nach der Online-Veranstaltung im vorherigen Jahr als gut zu bewerten. Kamen 2018 noch 11.106 Besucher, um sich die Produkte von 472 Ausstellern aus 31 Ländern anzusehen, waren es jetzt laut der Messe Stuttgart gut 5.400 Fachbesucher und 300 Aussteller.

Ausgebremste Nachfrage und Umsatzentwicklung

Der VDMA-Fachbereich Machine Vision als ideeller Träger hob während der Messeeröffnung die positive Grundstimmung in der Branche hervor. Die Auftragsbücher der Bildverarbeitungsindustrie seien demnach bestens gefüllt und die Nachfrage nach Komponenten und Systemen sei stetig hoch. Im Rückblick auf das Jahr 2020 sank der Umsatz der europäischen Bildverarbeitungsindustrie um 4% gegenüber 2019. Für das laufende Jahr 2021 rechnet der VDMA Fachverband Robotik + Automation wieder mit einem Umsatzwachstum von 7% für die europäische Bildverarbeitungsindustrie.

Bei der Umsatzentwicklung ist jedoch der weltweit anhaltende Chipmangel ein Wermutstropfen: „Ob Kamerahersteller oder Systemintegratoren – es gibt so gut wie kein Unternehmen, das nicht darunter leidet. Dies verursacht zwar keinen Marktrückgang, dämpft jedoch die Wachstumsperspektiven“, konstatiert Mark Williamson, der Vorstandsvorsitzende der VDMA-Fachabteilung Machine Vision.

In der Fachabteilung Machine Vision sind mehr als 120 Unternehmen vertreten. Sie decken das gesamte Spektrum der Bildverarbeitung ab und liefern Komponenten und Systeme für alle Anwendungsbereiche im industriellen und nichtindustriellen Umfeld.

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Großer Nachholbedarf an persönlichem Austausch

Stark spürbar war in den beiden Messehallen der Nachholbedarf an persönlichem Austausch. Eine Blitzumfrage des europäischen Bildverarbeitungsverbands EMVA im Vorfeld bestätigte die Bedeutung von Messen für die Unternehmen. Demzufolge gaben 60% der Umfrageteilnehmer an, dass sie in den letzten 12 Monaten ohne die Gelegenheit zu persönlichen Treffen ihre Ziele zur Neukundengewinnung nur teilweise erreichen konnten. Für die so wichtigen persönlichen Geschäftskontakte bot die Fachmesse nun wieder eine Plattform, auf der sich die Teilnehmer (95% der Befragten) aufgrund des Hygienekonzepts zudem zu jeder Zeit sicher gefühlt haben, versichert der Veranstalter Messe Stuttgart.

VISION Award, VISION Start-up World und VISION Days

Für die französische Prophesee (Paris) hat sich die VISION-Teilnahme besonders gelohnt: Das Unternehmen wurde am zweiten Messetag unter den vier Nominierten mit dem traditionellen VISION Award ausgezeichnet. Ihre„Event-Based“-Sensortechnologie ist von der menschlichen Netzhaut inspiriert. Kombiniert mit KI-basierter Verarbeitung könne sie den Aufnahmeprozess einer Szene schneller und effizienter als herkömmliche Sensoren durchführen, so der Preisträger. Für Mitgründer und CEO Luca Verre sei der Gewinn des VISION Award 2021 eine besondere Freude: „In einer Branche, die seit vielen Jahren mit konventioneller, bildbasierter Verarbeitungstechnologie arbeitet, wollen wir einen neuen Beitrag leisten.“

Ausdruck der technischen Weiterentwicklung ist auch die Zahl der IBV-Start-ups, die sich auf der Sonderfläche der VISION Start-up World präsentierten. 15 Newcomer zeigten sich darüber hinaus während der Messe in den täglichen Start-up Pitch Sessions. Aus den jeweiligen Tagesssiegern kürte eine Jury am letzten Messetag GrAI Matter Labs für die Entwicklung ihres energieeffizienten Life-Ready KI Chips zum „VISION Start-up 2021“. Das Unternehmen ist optimistisch, damit einen Beitrag für die Stärkung der Produktion von KI-Chips in Europa zu leisten.

Gut besucht war auch das Vortragsforum Industrial VISION Days, organisiert durch den VDMA-Fachbereich Machine Vision. Die thematische Gliederung umfasste Kamera-Technologie, Optik und Beleuchtung, 3D, Hyperspectral Vision Processing (Embedded Vision, IPC, GPU), Software & Deep Learning sowie Standards und Anwendungen. Alle Vorträge der Industrial VISION Days sind on demand über die Website nach Registrierung zugänglich.

Stabile Nachfrage bei verzögerter Auslieferung

Material- und Lieferengpässe sind auch für viele Unternehmen der IBV-Branche ein diskutiertes Thema. In einer VDMA-Blitzumfrage Anfang September nannten 81% der Maschinenbaufirmen aus allen Fachzweigen merkliche oder gravierende Beeinträchtigungen in ihren Lieferketten. Drastisch verstärkt haben sich insbesondere die Verknappungen elektronischer und elektrotechnischer Komponenten. Weitere Umfragen in der Mitgliedschaft der Fachabteilung Machine Vision zeigten: Die Bildverarbeitungsindustrie ist davon nicht ausgenommen. Kamerahersteller wie Systemintegratoren – es gebe so gut wie kein Unternehmen, das nicht unter dem Chipmangel leide. Die Situation habe sich in den letzten drei Monaten eher verschlechtert, sagt der VDMA. Eine Verbesserung in den nächsten drei Monaten wird nicht erwartet. Die Unternehmen der Machine Vision-Branche müssen in Folge Abstriche bei ihren Produktionsplänen machen. Die Auslieferung der eigenen Produkte verzögere sich. Auch seitens der Nachfrage sind Beeinträchtigungen zu spüren, da die Kunden und deren Abnehmer wiederum vom Materialmangel betroffen sind. Neben den traditionellen Produktbereichen ist Machine Vision auch in neuen Bereichen und Anwendungen gefragt.

Zahlen und Trends der Vision-Branche

Machine Vision ist weiterhin eine Industrie mit starkem Wachstum. 2020 sank der Umsatz der europäischen Bildverarbeitungsindustrie Corona-bedingt um 4% zum Vorjahr. Hierfür ist laut VDMA insbesondere die schwächelnde Nachfrage in Europa sowie in der Automotive-, Pharma-, Metall-, Kunststoff- und Gummi- Industrie verantwortlich. Dennoch war das ein im Vergleich mit anderen Bereichen des Maschinenbaus ein sehr gutes Ergebnis. Die Wachstumsaussichten für die kommenden Jahre sind unverändert gut. Seit Jahren schon ist der Trend nach „sehenden Maschinen“ ungebrochen. Die Bildverarbeitung bleibt demzufolge als Schlüsselkomponente im weltweiten Automatisierungsgeschehen unverzichtbar.

Nicht-industrielle Branchen auf dem Vormarsch

Darüber hinaus erobert die Bildverarbeitung stetig neue Absatzmärkte und Anwendungsfelder. 2020 betrug der Anteil des Umsatzes der europäischen Bildverarbeitungsindustrie in Branchen wie Medizintechnik, Sicherheit, Landwirtschaft, intelligente Verkehrssysteme sowie Einzelhandel bereits 35%, der Umsatz legte dort um 9% zu. Embedded Vision in Kombination mit Deep Learning werde neue Wachstumsimpulse setzen, ist der VDMA überzeugt.

Wachstumstreiber Elektronikindustrie

Im Jahr 2020 stieg der Umsatz der europäischen Bildverarbeitungsindustrie mit Anwendungen in der Elektronikproduktion (ohne Halbleiter) um 20% und der Umsatz mit Anwendungen in der Halbleiterindustrie um 10%. Ein Minus von 13% erfuhr der Umsatz mit der Automobilindustrie, die bisher stärkster Kunde der Bildverarbeitungshersteller gewesen ist. Der Anteil am Gesamtumsatz machte somit laut VDMA-Analyse nur noch 16% aus. Der Umsatz mit der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie stagnierte.

VDMA Fachbereich Vision: Wachstumstreiber Asien

Europa bleibt ein wichtiger Absatzmarkt für die Unternehmen: 52% des Umsatzes der europäischen Bildverarbeitungsindustrie wurden 2020 in Europa erzielt, wenngleich 6% weniger im Vergleich zum Vorjahr. Die Exporte nach Asien stiegen um 3%. Der Umsatz in China nahm um 10% zu. Die Ausfuhren nach Amerika stiegen um 5%.

Kameras bleiben Umsatztreiber

Im Coronajahr 2020 ging der Umsatz aller Bildverarbeitungskomponenten um insgesamt 2% zurück. Davon ausgenommen waren aber Industriekameras, die nach wie vor wichtigste Bildverarbeitungskomponente, die einen Anteil von 27% am Gesamtumsatz der europäischen Bildverarbeitungsindustrie hält. Das Segment Kameras verzeichnete ein Umsatzplus von 4%. Dagegen bilanzierten Bildverarbeitungssysteme im Umsatz ein Minus von 3%.

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