Alles oder Nichts für HP

HP Labs wollen die Zukunft drucken

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Materialforschung bekommt einen hohen Stellenwert im HP der Zukunft.

„In den kommenden 30 Jahren werden wir die komplette Revolution einer Zwölf-Billionen-Dollar-Industrie sehen“, skizziert Wall den Erwartungshorizont und die Stoßrichtung. Der Wandel von der analogen zur digitalen Produktion werde weitrechende Folgen haben, für die Wirtschaft und die Gesellschaft.

Der klassische Prozess ist Rohstoffeinkauf, Verschickung der Rohstoffe an einen billigen Produktionsstandort, Transport der Fertigprodukte in Lager der Absatzmärkte und Verteilung an Handel und die Käufer. Allein fünf Prozent des weltweiten Ölverbrauchs verschluckt der Transport von Rohstoffen und fertigen Gütern. Menschen siedeln sich rund um große Werke an. Unternehmen werden mit Steuersubventionen angelockt, sie sind gute Steuerzahler. Oder auch nicht, wie der Fall Apple zeigt.

In der digitalen Wirtschaft der Zukunft könnte das vorbei sein. Dann stehen industrielle 3D-Drucker in den Absatzmärkten und produzieren nur nach Bedarf. Kostenstrukturen würden auf den Kopf gestellt. Am Computer erstellte Arbeitsanweisungen für 3D-Drucker könnten Spritzgussformen für hunderttausende Euro überflüssig machen. Konstruktionsmängel würden dann einfach mit ein paar Klicks beseitigt, Riesige Lagerhäuser bräuchte niemand mehr. Kapitalbindung wäre ein Problem von gestern.

„Hier bitte keine Fotos“: Nur in kleinen Gruppen dürfen die Besucher den Raum irgendwo im Untergeschoss der HP Labs betreten. Schutzbrillen werden ausgegeben. In einem mannshohen Glaskasten läuft ein Schlitten von links nach rechts, ein blendend grelles Licht blitzt auf, und wenige Sekunden später schiebt eine kleine Schaufel irgendetwas in einen Auffangbehälter. Es ist ein mehrgliedriges Kettenglied wie bei einem Uhrenarmband aus Metall, voll beweglich. Gedruckt in nur einem Durchgang.

„Wir haben die Geschwindigkeit im Vergleich zu früheren Modellen mittlerweile verzehnfacht“, sagt Wall. Die nächste Herausforderung ist die Erstellung von Materialien, sozusagen von flüssigem Holz oder Metall, mit dem Regale, Stühle oder Zahnräder gedruckt werden können. Hier schließt sich für HP der Kreis: Verkaufe erst die Drucker und dann die Tinte. Damit hat HP schließlich beim traditionellen Druck schon einmal ein Milliardenunternehmen mit Gewinnmargen jenseits der 50 Prozent geschaffen.

Doch da ist ein Vertrauensproblem: Gerade erst machte HP mit einem Software-Update Schlagzeilen, das bei einigen Business-Modellen der Drucker die Verwendung von fremder, oft erheblicher preiswerterer, Tinte verhindert. Es muss HP-Tinte gekauft werden. Druckertinte ist immerhin nach Berechnungen von Verbraucherverbänden die teuerste Flüssigkeit der Welt, pro Liter weit teurer als der teuerste Champagner oder Parfüm. Nach massiven Protesten ermöglicht HP jetzt die Entfernung der Software, behält sich aber vor, weiterhin Maßnahmen zum „Schutz unseres geistigen Eigentums“ zu ergreifen.

Für einen Unternehmer, der im harten Wettbewerb Waren produzieren muss, ist es eine der fundamentalsten Aufgaben, seine Rohstoffe günstig einzukaufen. Will der sich wirklich in eine Abhängigkeit begeben, in der nur noch ein Anbieter die Preise bestimmt? „Wir wollen viele Anbieter von 3D-Druckrohstoffen“, versichern die HP-Experten. Sie müssten sich nur „zertifizieren lassen“, damit alles funktioniert und die Drucker nicht ruiniert werden. Das ist ein Drahtseilakt und Problem, das Dion Weisler lösen muss, damit sein großer Traum von HP als Revolutionär des größten zu verteilenden Marktes in der bisherigen Geschichte der Menschheit eine Chance auf Realisierung hat.

Bis dahin hält es eher mit den Autoren des Handbuchs des alten HP-25-Taschenrechners auf dem Schreibtisch von Bill Hewlett. Es schließt mit den Sätzen: „Sie werden das Gerät immer besser verstehen, je mehr sie den HP-25 nutzen, um selbst die kompliziertesten mathematischen Probleme zu lösen. Sie haben ein Gerät in der Hand, das Archimedes, Galileo oder Einstein nicht hatten. Die einzigen Grenzen des HP-25 sind die Grenzen ihrer eigenen Vorstellungskraft.“ Dieser offene Geist der Zuversicht ist es, den HP jetzt dringender braucht als jemals zuvor, um die alten, sterbenden Märkte hinter sich zu lassen. Dion Weisler weiß das. Diesmal ist es alles oder nichts für HP.

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