95 Jahre Rundfunk in Deutschland

| Autor: Thomas Kuther

Vom Dachboden des Voxhauses in Berlin aus begann am 29.10.1923 in Deutschland der Rundfunk seine regelmäßigen Sendungen auszustrahlen. Das einstündige Programm konnte an diesem ersten Tag nur von wenigen Hörern verfolgt werden.
Vom Dachboden des Voxhauses in Berlin aus begann am 29.10.1923 in Deutschland der Rundfunk seine regelmäßigen Sendungen auszustrahlen. Das einstündige Programm konnte an diesem ersten Tag nur von wenigen Hörern verfolgt werden. (Bild: Deutsches Rundfunk Archiv (DRA))

Am 29. Oktober 1923 wurde auf 749,5 kHz die erste öffentliche Unterhaltungssendung aus dem Vox-Haus am Potsdamer Platz in Berlin ausgestrahlt. Der Name des Senders: Funk-Stunde Berlin.

Die ersten Worte stammen von Friedrich Georg Knöpfke, dem Direktor der Funk-Stunde: „Achtung! Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus auf Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungsrundfunkdienst mit Verbreitung von Musikaufführungen auf drahtlos-telefonischem Wege beginnt. Die Benutzung ist genehmigungspflichtig!“

Vergessen Sie bitte nicht, die Antenne zu erden!

Die Lizenz zum Hören des Programms kostete damals – inflationsbedingt – 60 Goldmark (780 Mrd. Papiermark). Erster offizieller Rundfunkteilnehmer war der Berliner Zigarettenhändler Wilhelm Kollhoff. Es folgte ein etwa einstündiges Programm mit Live-Musik und dann die legendäre Absage: „Vergessen Sie bitte nicht, die Antenne zu erden!“

Rundfunk-Gebühr sinkt auf 24 Goldmark

Bis zum Jahresende waren mehr als 1000 Berliner bereit, diese enorme Summen für das Privileg auszugeben, die ersten deutschen Rundfunkprogramme zu hören. In den darauffolgenden Jahren stabilisierte sich die Währung wieder, dadurch sank auch die Rundfunk-Gebühr auf 24 Goldmark (312 Mrd. Papiermark). Ende 1927 gab es bereits zwei Mio. Radio-Abonnenten.

Die amüsante Seite des Radios setzt erst am Abend ein

Die britische Presse wunderte sich über die Hörgewohnheiten der Deutschen: „Die amüsante Seite des Radios setzt erst am Abend ein, etwa gegen 19.30 oder 20.30 Uhr. Dennoch, so verwunderlich es auch sein mag, findet der Deutsche die Abendsendungen oft langweilig und hält, obwohl er das nicht offen zugeben würde, die erzieherischen Sendungen während des Tags und frühen Abends für weit unterhaltsamer.“ (The Times vom 30.5.1928)

Erbauliches und Belehrendes wird drahtlos und regelmäßig zu Gehör gebracht

Deutschland war, nach den USA (1921) und Großbritannien (1922), das dritte Land, in dem „Erbauliches und Belehrendes“ drahtlos und regelmäßig „zu Gehör“ gebracht wurde. Am 14. Oktober 1923 äußerte sich Hans Bredow, seit April 1921 Staatssekretär für das Telegrafen-, Fernsprech- und Funkwesen, im ersten Heft der Programmzeitschrift „Der Deutsche Rundfunk“ über die Notwendigkeit und die Ausgestaltung des Rundfunks, der einem „freudlosen Volk“ „Anregung und Freude“ bringen, es durch künstlerisch und geistig hochstehende Vorträge aller Art unterhalten soll.

Was Rundfunk ist und wie Rundfunkdarbietungen klingen

Einen Tag später erfolgte seitens des Reichspostministeriums die erste Rundfunk-Pressevorführung. Zum ersten Mal wurde einem größeren Kreis gezeigt, was Rundfunk ist und wie Rundfunkdarbietungen klingen. Mit einfacher Musik und mit schlichten Gesangsvorträgen begann schließlich am 29. Oktober 1923 der Rundfunk sein regelmäßiges Programm. Damit war der Rundfunk in Deutschland für die Allgemeinheit freigegeben. Die erste Funkausstellung eröffnete Reichspräsident Friedrich Ebert am 4. Dezember 1924 im „Haus der Funkindustrie“ im Berliner Ortsteil Witzleben. 1925 entstand in unmittelbarer Nachbarschaft aus montagefertigen Eisenteilen der Funkturm. Zum Zentrum des Funks wurde dieser Ort vier Jahre später, als an der nahen Masurenallee das „Haus des Rundfunks“ gebaut wurde.

Rundfunk soll der geistigen Verarmung der Bevölkerung entgegen wirken

Die Einführung des Rundfunks in Deutschland fällt in eine Zeit, in der sich die wirtschaftlichen Folgen des Versailler Vertrages mit seiner unvorstellbaren Geldentwertung und einer täglich sich steigernden Arbeitslosigkeit bemerkbar machte. In dieser Lage vertrat Bredow die Ansicht, der Rundfunk könne mit seinen Sendungen der geistigen Verarmung der Bevölkerung entgegen wirken, könne für Erholung, Unterhaltung und Zerstreuung sorgen sowie die Arbeitsfreude steigern.

Live auf Sendung wegen fehlender Aufzeichnungsmöglichkeiten

Das Programm war, wegen noch fehlender Aufzeichnungsmöglichkeiten wurde direkt gesendet, von der jeweiligen örtlichen Kulturszene geprägt. Aus einer Stunde Programm am ersten Sendetag in Berlin waren Mitte 1925 schon 10 Stunden und am Ende der 1920er Jahre 14 Stunden geworden. Und mit dem steigenden Angebot wurde das Radio in allen Bevölkerungsschichten mit jedem Jahr populärer.

Das Radio-Fieber greift um sich

Wie sehr das so genannte „Radio-Fieber“ damals um sich griff, zeigt die rasch ansteigende Zahl der Teilnehmer. Ausgehend von mageren 467 zahlenden Teilnehmern Anfang Dezember 1923 – die Zahl der Schwarzhörer dürfte um ein Vielfaches höher gelegen sein – waren ein Jahr nach Programmbeginn im Herbst 1924 bereits eine halbe Million Rundfunkteilnehmer bei der Post gemeldet. Die Zahl stieg auf über eine Million im Januar 1926 und auf mehr als zwei Millionen Anfang 1928. Am Ende der Weimarer Republik waren 1932, trotz Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit, mehr als vier Millionen Rundfunkteilnehmer registriert.

Radiobastler bauen ihre Radios selbst

Gerade in den ersten Jahren wurden viele Radios von Radiobastlern selbst gebaut. Für die damals gültigen Empfangsprinzipien standen Begriffe wie Detektor, Einkreiser, Audion, Rückkopplung oder Neutrodyne. Der einfachste Empfangsapparat aus dieser Anfangszeit war der Detektor-Empfänger, der wegen seiner Billigkeit und Reinheit der Lautwiedergabe sehr beliebt war. Die Reichweite eines solchen Apparates war je nach der Stärke der Sendestation und der Größe der Antenne verschieden.

Sender können über 100 Kilometer überbrücken

Im Umkreis von 5 km konnte bereits mit einer Innenantenne ein guter, lautstarker Empfang erzielt, mit einer Frei- und Hochantenne gar Entfernungen von 30 bis 40 km überbrückt werden. Bei besonders günstigen Witterungsverhältnissen und gut angelegten Hochantennen waren auch Sender bis zu 100 km und mehr zu empfangen. Mit Verbesserung der Apparate erreichten gute Empfänger mit Verstärkerröhren am Tage Empfangsreichweiten von 50 bis 200 km, abends und nachts war ein Deutschland-weiter-Empfang möglich, in klaren Winternächten sogar ein Europa-weiter-Empfang, wenn auch mit geringerer Tonqualität und Lautstärkenschwankungen. Batterien hatten die Detektoren nicht nötig, betriebsbereit waren sie durch die vom Sender abgestrahlte Energie.

Ablösung des Detektor-Empfängers durch den Röhrenempfänger

Die Ablösung des Detektor-Empfängers durch den Röhrenempfänger brachte nicht nur eine bessere Empfangsqualität, sie hob auch die Einsamkeit beim Radiohören auf, indem, zumindest im familiären Bereich, ein gemeinschaftliches Hören über mehrere anschließbare Kopfhörer möglich wurde. Mobil wurden die Hörer erst, als die Kopfhörer durch die Lautsprecher abgelöst wurden, zunächst mit Trichter-Lautsprecher, die dem Grammophon entlehnt waren, und später mit in den Geräten eingebauten Lautsprechern.

Lautsprecher ermöglichen Public Listening im Freien

Für den Gemeinschaftsempfang im öffentlichen Raum standen 1932 erstmals zwei Radioapparate der Firmen Siemens und Mende zur Verfügung. Beide Geräte verfügten über keinen eingebauten Lautsprecher, konnten aber mit externen Lautsprechern nachgerüstet werden. Damit hatte das Radio endgültig die Enge des Wohnzimmers verlassen. „Public Listening“ im Freien war möglich geworden. Insgesamt gesehen waren die 1920er Jahre eine Zeit des Experimentierens. Vieles, was heute praktiziert wird, hat seine Anfänge in diesen Jahren.

(Quelle: Deutsches Rundfunk Archiv, Bayerischer Rundfunk)

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Danke, das Zitat ist sehr aufschlussreich: 250 W ist verglichen mit später gebauten MW-Sendern im...  lesen
posted am 13.11.2018 um 10:45 von Unregistriert

http://www.welt-der-alten-radios.de/geschichte-voxhaus-17.html  lesen
posted am 12.11.2018 um 13:10 von Unregistriert

Guter Artikel, wie gross war die Sendeleistung des Senders im VOX-Haus und welche Technik wurde...  lesen
posted am 12.11.2018 um 10:27 von Unregistriert


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