Harter Brexit: Wie Distributoren im Ernstfall Kunden unterstützen

| Autor: Margit Kuther

Brexit: Firmen können sich darauf vorbereiten.
Brexit: Firmen können sich darauf vorbereiten. (Bild: gemeinfrei/TeroVesalainen / CC0)

Am 29. März droht der ungeregelte Austritt Großbritanniens aus der EU. Für die Supply Chain bedeutet dies Handelshemmnisse, nicht nur in Europa. Was tun? Die ELEKTRONIKPRAXIS fragte Distributoren mit Sitz in der EU, aber auch in UK und den USA, wie sie sich und ihre Kunden auf den Brexit vorbereiten.

Ein Brexit-Deal oder gar eine Einigung mit der EU ist in weiter Ferne – nicht aber der folgenreiche 29. März 2019, der Tag, an dem Großbritannien bei einem No Deal die EU ohne Vertrag verließe. Gerüchteweise wird zwar über eine Verschiebung des Austritts nachgedacht, bestätigt wurde das bislang aber nicht und auch ein zweites Referendum wird von der Labour-Partei gefordert. Das alles zeigt nur die große Unsicherheit aller Beteiligten, wie es weitergehen soll.

Die Elektronikpraxis hat bei 30 Distributoren nachgefragt, wie sie sich auf den Brexit vorbereiten und welche Maßnahmen sie ihren Kunden empfehlen, um sich für ein No-Deal-Szenario zu wappnen.

Geantwortet haben die deutschen Distributoren Rutronik und Atlantik Elektronik, desweiteren Distrelec, das zur Dätwyler Holding (Schweiz) gehört. Aus UK-Sicht informiert das britische Unternehmen RS Components und aus dem Blickwinkel US-amerikanischer Unternehmen kommentieren Arrow und Mouser die Unternehmensstrategien in puncto Brexit.

Rutronik erwartet Lieferverzögerungen und Einschränkungen in der Zollabwicklung

Andreas Mangler, Director Strategic Marketing & Communications, sieht Rutronik mit einem eigens gebildeten Team bestmöglich für den 29. März 2019 gewappnet: Das spezielle Brexit-Team von Rutronik „beschäftigt sich mit unterschiedlichen Brexit-Szenarien und analysiert, inwiefern unsere Prozesse davon betroffen sein werden. Danach richten wir unsere strategischen Entscheidungen aus.“

Wie das Gros der Distributoren erwartet auch Rutronik Lieferverzögerungen und Einschränkungen in der Zollabwicklung. „Deshalb haben wir“, so Mangler weiter, „unseren Kunden frühzeitig empfohlen, dies bei ihrer Bestellplanung und Disposition zu berücksichtigen. Rutronik versucht zudem durch verschiedene Maßnahmen die Folgen für die Kunden bestmöglich abzufedern. Ob und wie weit das gelingen wird, können wir Stand heute nicht vorhersagen. Deshalb raten wir unseren Kunden, ebenfalls Vorsorge zu treffen.“

Atlantik Elektronik setzt auf seine britische Tochter BCD-Atlantik

Ottmar Flach, Geschäftsführer der Atlantik Elektronik, setzt auf ständigen Kontakt mit den britischen Kunden und Lieferanten, um „alle Szenarien problemlos zu managen. Wenn gewünscht, bauen wir Pufferlager in unserer Niederlassung in UK auf. Atlantik Elektronik setzt unter anderem darauf, „eventuelle Engpässe mit unserer britischen Tochterfirma BCD-Atlantik mit Sitz in Basingstoke (UK) umgehen zu können“.

„Wir regeln unseren Einkauf über BCD-Atlantik und versuchen auf andere Fabriken auf dem Festland auszuweichen. Darüber hinaus erhöhen wir die Vorräte auf den Britischen Inseln, damit wir in der ersten Zeit unsere britischen Kunden sicher beliefern können und bauen Pufferlager in unserer Niederlassung in UK auf.“ Auch Kunden empfieht Flach, „den Reservebestand zu erhöhen.“

Distrelec bietet Alternativen für britische Produkte

Michael Jakal, Geschäftsführer von Distrelec, sieht selbst einem No-Brexit am 29. März vergleichsweise gelassen entgegen: „denn das Produktmanagement und der Einkauf hatten bereits im Herbst vergangenen Jahres alle Distrelec-Lieferanten von der Britischen Insel unter dem Gesichtspunkt der Verfügbarkeits-Gewährleistung unter die Lupe genommen. Es wurde die Gesamtbedeutung des jeweiligen Herstellers und die Relevanz von Teilsortimenten betrachtet.“

„Im nächsten Schritt haben wir dann den Lagerbestand von Artikeln, die unmittelbar oder mittelbar britischen Ursprungs sind, deutlich erhöht.“ Distrelec verfügt folglich, wie das Gros der Distributoren, über einen Puffer, „falls der Nachschub während einer gewissen Zeit nicht mehr so rund läuft, wie wir es bislang gewohnt sind“, kommentiert Michael Jakal.

Einen Vorteil in puncto Brexit sieht Jakal im breit gefächerten Sortimentsportfolio von Distrelec: „Uns fällt es leicht, passende Ersatztypen anzubieten, falls britische Produkte vorübergehend nicht verfügbar sein sollten. Unsere technischen Berater im Haus sind schnell mit einer Lösung zur Hand, falls es Engpässe geben sollte.“

Keiner weiß, wohin die Reise Großbritanniens in puncto Brexit geht. Insoweit ist es schwer, für alle Eventualitäten vorzusorgen. Auch die Kunden wissen dies und deshalb geht Distrelec davon aus, „dass unsere Kunden, die auf spezielle Bauelemente aus britischer Fertigung angewiesen sind, bereits Hamsterkäufe getätigt haben. Eine bessere Empfehlung kann im Moment wohl niemand geben“, so Michael Jakal. „Wir können unsere Kunden auch insoweit beruhigen, dass unsere Logistikzentren alle im EU-Raum und in der Schweiz gelegen sind. Verzögerungen gibt es nicht.“

RS Components investiert 30 Millionen Pfund in zusätzliche Lagerbestände

„Gleich nach dem Ergebnis des Referendums hat die Electrocomponents-Gruppe (so der Firmenname von RS Components in UK) einen Lenkungsausschuss gebildet, um die wichtigsten Geschäftsrisiken zu bewerten und in der Planung zu berücksichtigen, die mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU einhergehen“, so Frank Behrens, PR & Advertising Manager Central Europe bei RS Components. Dabei wurden verschiedene Austrittsszenarien in Großbritannien berücksichtigt.

Zudem hat Electrocomponents eine externe Risikobewertung für die Unternehmensgruppe durchführen lassen. „Ihr Ziel war es die Bereitschaft des Unternehmens zu überprüfen und, so weit erforderlich, Maßnahmen zu ergreifen, um identifizierte Risiken zu minimieren“, so Frank Behrens. „Wir haben auch Maßnahmen ergriffen um sicherzustellen, dass wir bestmöglich auf einen Austritt Großbritanniens aus der EU ohne endgültiges Rücktrittsabkommen vorbereitet sind. So wurden rund 30 Millionen Pfund in zusätzliche Lagerbestände über das gesamte Netzwerk in Großbritannien und Kontinentaleuropa hinweg investiert, um den Service-Level im Falle einer potenziellen Beeinträchtigung beim Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union zu gewährleisten“, so Frank Behrens.

Arrow arbeitet eng mit Herstellern, Kunden und Logistikpartnern zusammen

Auch bei Arrow, einem globalen Anbieter von Technologie-Lösungen mit Standorten in fast allen europäischen Ländern steht der Brexit ganz oben auf der Agenda. „Arrow hat bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt ein Team gebildet, um Themen und Fragestellungen zum Brexit quer über alle Geschäftsbereiche hinweg zu diskutieren und Lösungen zu erarbeiten“, kommentiert Martin Bielesch, President EMEA Components bei Arrow Electronics. „Wir beobachten sowohl den Fortschritt der Verhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU als auch die Stellungnahmen verschiedener Regierungen zur Vorbereitung auf den Brexit.“

Arrow bereitet sich auf verschiedene Szenarien vor, darunter den sogenannten No-Deal-Brexit, eine Neuverhandlung des vorgeschlagenen Abkommens und eine mögliche Neuwahl. Zudem ist Arrow mit seinen Kunden fortlaufend hierzu im Gespräch.

„Wir diskutieren mit unseren Kunden deren Brexit-Pläne für die möglichen Szenarien und ihre individuellen Anforderungen. Zu den möglichen Maßnahmen und Empfehlungen zählen unter anderem die Betrachtung des aktuellen Auftragsbestands und der vorhandenen Bestandslösungen sowie eine Bewertung der Bestandsrisiken angesichts der Allokation bei bestimmten Produktgruppen“, so Martin Bielesch.

2018 hat Arrow bereits bei zahlreichen Herstellern zusätzliche Bestellungen platziert. „Wir werden die Lagerbestände kontinuierlich überprüfen und Versände schneller vornehmen, sofern es notwendig sein sollte“, so Martin Bielesch. Darüber hinaus arbeitet Arrow mit seinen Logistikpartnern zusammen, um mögliche Unterbrechungen dort, wo die Waren die Grenze passieren, zu minimieren und Zollverzögerungen zu vermeiden.

Weitere Aktivitäten umfassen Systemaktualisierungen, um etwaige Änderungen hinsichtlich der WTO-Tarife und Währungsaspekte zu berücksichtigen. „Unser übergeordnetes Ziel ist es, dass unser Business reibungslos und mit so wenig Änderungen wie möglich weitergeht, um die Anforderungen unserer Kunden zu erfüllen“, fasst Martin Bielesch zusammen.

Mouser will, egal wohin in Europa, die 2- bis 3-tägige Lieferung beibehalten

Auch Mouser setzt auf eine Brexit Task Force, deren Aufgabe es ist, alle möglichen Szenarien zu untersuchen und Risikoanalysen durchzuführen, um den besten Ansatz für jedes mögliche Ergebnis zu ermitteln. „Im Moment glauben wir, dass wir als US-amerikanisches Unternehmen, das direkt aus den USA in die EU und nach Großbritannien liefert, weitgehend davon unberührt bleiben werden“, meint Graham Maggs, VP Marketing, EMEA, bei Mouser Electronics. „Da Mouser derzeit in über 220 Ländern und Regionen weltweit unter einer Vielzahl von Handelszöllen, Beschränkungen und Bedingungen – einschließlich der WTO – handelt, glauben wir, dass wir, wie auch immer das Ergebnis am 29. März aussehen wird, diese oder eine ähnliche Situation schon einmal erlebt haben.“

In puncto Maßnahmen, die von seiten der Kunden zu ergreifen sind, ist Mouser sicher, dass „große multinationale Unternehmen, die grenzüberschreitend mit Komponenten und Dienstleistungen handeln, die an vielen Standorten in der EU (derzeit einschließlich Großbritannien) bezogen werden, bereits Strategien entwickelt, angekündigt und sogar umgesetzt haben. Wir haben dies etwa bei großen Automobil- und Luftfahrtunternehmen gesehen“, so Graham Maggs.

„Kleinere Unternehmen verfügen möglicherweise nicht über eine so komplexe logistische Produktionslinie, so dass das Problem möglicherweise nicht so schwierig ist – obwohl zusätzliche Handelszölle unerwünscht sind“, fährt Graham Maggs fort.

„Als US-amerikanisches Unternehmen sehen wir es nicht als die Rolle von Mouser an, EU-Kunden (derzeit auch aus Großbritannien) zu beraten, wie ihre Position aussehen sollte. Wir versprechen jedoch, alle notwendigen Schritte zu unternehmen, um sicherzustellen, dass unsere Kunden – wo immer sie sich auch in Europa befinden – die gleiche zwei bis dreitägige Lieferung mit den neuesten Technologieteilen von Mouser erhalten, die sie für die Erstellung ihrer neuen Designs benötigen“, fasst Graham Maggs zusammen.

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