Handelsstreit zwischen USA und China: Ein teures Spiel, bei dem es keine Gewinner gibt

| Redakteur: Sebastian Gerstl

Seit Mitternacht zum 6. Juli 2018 sind die angekündigten US-Zolltarife auf chinesische Produkte in Kraft: Der Handelsstreit zwischen den zwei größten Volkswirtschaften der Welt hat begonnen. Experten der Halbleiter- und Elektronikindustrie sehen in dem Konflikt ein gewaltiges Nullsummenspiel, an dessem Ende es keine Gewinner geben kann.
Seit Mitternacht zum 6. Juli 2018 sind die angekündigten US-Zolltarife auf chinesische Produkte in Kraft: Der Handelsstreit zwischen den zwei größten Volkswirtschaften der Welt hat begonnen. Experten der Halbleiter- und Elektronikindustrie sehen in dem Konflikt ein gewaltiges Nullsummenspiel, an dessem Ende es keine Gewinner geben kann. (Bild: Clipdealer)

US-Präsident Trump hat seine Drohung verwirklicht: Die angedrohten Strafzölle auf chinesische Produkte sind nun in Kraft. China konterte unmittelbar darauf mit Strafzöllen auf US-Waren. Chip- und Elektronikindustrie knirschen mit den Zähnen, haben die Maßnahmen doch massive Auswirkungen auf Bauteile und Endprodukte. Vor allem Konsumenten dürften leiden.

Seit dem heutigen Freitag, dem 6. Juli 2018, wurde aus den Drohgebärden Ernst: Um Mitternacht traten die von US-Präsident Donald Trump angekündigten Strafzölle gegen chinesische Produkte in Kraft. Von dem neuen Zolltarif in Höhe von 25% des Warenwerts sind insgesamt 818 Produkte betroffen, vor allem aus dem Hightech-Bereich. Darunter fallen auch wesentliche Bauteile für die Halbleiter- und Elektronikindustrie. Dazu zählen fertige Waren wie Festplatten oder Lithium-Ionen-Batterien, aber auch Bauteile wie LEDs, Transformatoren oder AC/DC-Wandler und -Generatoren unterschiedlicher Leistungsstärke. Der gesamte Wert der Warenkategorien beträgt 34 Milliarden Dollar (29 Milliarden Euro). Chinas Reaktion erfolgte umgehend: Wie angekündigt, veranlasste die Regierung in Peking umgehend eine Reihe von Strafzöllen auf US-Produkte in einem äquivalenten Wert, darunter etwa Sojaprodukte oder Autos. Der Handelsstreit zwischen den beiden aktuell größten Volkswirtschaften der Welt tritt damit in seine heiße Phase.

Marktanalysten und Experten der Halbleiter- und Elektronikindustrien reagierten auf diese Entwicklung mit größter Sorge. "Für den Halbleiterbereich wird der eskalierende Tarifstreit zwischen den USA und China ein für beide Seiten schädliches Nullsummenspiel sein, bei dem es keine Gewinner gibt", sagte Myson Robles-Bruce, ein Halbleiter-Wertschöpfungsforscher bei IHS, Anfang dieser Woche in einem Blogbeitrag. Ähnliche Sorgen hatte die Woche zuvor bereits der Interessensverband von Halbleiterfertigern und -zulieferern SEMI geäußert.

"Ein Zollkrieg zwischen den beiden weltweit größten Herstellern und Verbrauchern von Halbleitern wird sich wahrscheinlich über die gesamte Elektronik-Lieferkette ausbreiten, die eine Vielzahl von Märkten, Handel und Unternehmen umfasst,", schrieb Robles-Bruce im Blogbeitrag. "Sowohl amerikanische als auch chinesische Unternehmen dürften am Ende leiden."

Die USA braucht billige Produktion, China braucht High-End-ICs

Auf der einen Seite, so Robles-Bruce, dürften die neuen US-Zölle auf Produkte aus China speziell in den USA ansässige Halbleiter- und Elektronikhersteller in zweierlei Hinsicht beeinflussen: Zum einen wird zwar weltweit fast die Hälfte der Chips in den Vereinigten Staaten entwickelt. Doch ein Großteil der Produktion erfolgt in China geschickt, wo integrierte Schaltungen (ICs) montiert, getestet und verpackt werden. Einige von ihnen müssen dann in die Vereinigten Staaten zurückkehren, um in der Produktion eingesetzt zu werden. 2017 erzielte der Halbleitermarkt einen Umsatz von 57,2 Milliarden US-$ alleine aus dieser Herstellung von Elektronikgeräten. Ein Großteil dieses Umsatzes wäre nun direkt von den neuen Zolltarifen von 25% für die auf der Liste stehenden Waren aus China betroffen.

Ferner würden, speziell im Bereich Unterhaltungselektronik, findet die Endmontage zahlreicher Produkte amerikanischer Firmen in China statt und werden erst nach Fertigstellung wieder in die USA importiert. Im vergangenen Jahr belief sich der Wert der von der chinesischen Fertigung verwendeten Chips nach Angaben des IHS Markit AMFT Intelligence Service auf 192,5 Milliarden US-$. Da die Zölle die Preise für aus China in die USA importierte Elektronik sehr wahrscheinlich erhöhen werden, werden auch die Kosten für die in den USA ansässigen Halbleiterhersteller steigen. China wird bis mindestens 2021 mit einem Anteil von ca. 16% am weltweiten Umsatz weiterhin der größte Akteur auf dem globalen Markt für Unterhaltungselektronik sein, wie aus den IHS Markit-Daten hervorgeht.

Aber auch China dürfte unter den Maßnahmen im Gegenzug kräftig leiden. Denn während die USA von der billigen Produktion in Asien profitiert und seit Jahren zunehmend darauf angewiesen ist, findet der weitaus größte Teil neuer Chipentwicklungen und Designs weiterhin in den USA statt. Dies wirkt sich auch enorm auf den Halbleitermarkt aus: Nach Erhebungen von IHS Markit betrug der Umsatz aus neuen Halbleiterdesigns in den USA 214,8 Milliarden US-$ - in China waren es dagegen gerade einmal 14,4 Milliarden US-$. Zwar drängt China aktuell auf einen massiven Ausbau der Produktion von High-End-Chips im eigenen Land. Doch bis diese auf dem Weltmarkt anläuft, ist man vorläufig noch im Bezug auf hochleistungsfähige Chips auf die USA angewiesen.

Der Schaden könnte gering ausfallen. Noch!

Geht es nach Donald Trump, waren die heute in Kraft tretenden Zolltarife nur die erste Phase des Handelsstreits, den manche Marktbeobachter schon eher als "Handelskrieg" sehen: Der US-Präsident hat weitere Schritte geplant: In zwei Wochen sollen weitere Zölle auf zusätzliche Güter aus der Volksrepublik im Wert von 16 Milliarden Dollar folgen. Sollte die chinesische Regierung nicht aufgeben und weiter mit Vergeltung reagieren, drohte Trump, seien die USA bereit, chinesische Importe mit Zöllen von bis zu 200 Milliarden Dollar – und dann mit zusätzlich 300 Milliarden Dollar – zu belegen. Entsprechende Listen sind bereits vorbereitet, betroffen sind dann unter anderem auch Polymere und für die fertigende Industrie wichtige Chemiewerkstoffe.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht den Umfang der Zölle derzeit als zu klein an, als dass dies allein zu größeren Problemen für die Weltwirtschaft führen könnte - noch! Anders sieht es jedoch aus, wenn die angekündigten Folgemaßnahmen auch umgesetzt werden würden. Zudem ist auch der IWF der Ansicht, dass der Handelskonflikt die Märkte verunsichern dürfte.

Auch deutsche Produzenten sind übrigens von den Zolltarifen aus beiden Seiten direkt betroffen. Autohersteller wie Daimler oder BMW beliefern den chinesischen Markt von ihren Werken in den USA aus. So kommt etwa fast jeder fünfte BMW, der auf dem größten Automarkt der Welt in China verkauft wird, aus den USA. Daimler gab bereits eine Gewinnwarnung heraus.

So wie die Dinge derzeit stehen, schreibt Robles-Bruce, gibt es weder auf US- noch auf chinesischer Seite einen Vorteil aus dem Streit. Die USA sind treibende Kraft im Chip-Design, China besitzt dagegen eine immense Macht in der Halbleiter-Lieferkette. In diesem Sinne seien demnach beide Länder notwendig, um die Entwicklungen in der Halbleiterbranche in ihrer jetzigen Form voranzutreiben.

"Wenn die Zölle auf Elektronik, die in die Vereinigten Staaten kommen, zu hoch sind, werden die Verbraucher dort die Nachfrage senken," sagt Robles-Bruce. "Sollte dies der Fall sein, müssen die Fabriken in China die Elektronikproduktion abbauen und Arbeiter entlassen." Die Folge wäre ein Bumerang-Effekt: Die inländische Halbleiterproduktion in den USA wird eine sinkende Nachfrage verspüren, da billige Bauteile aus China fehlen. Wenn die Nachfrage sinkt, sinkt auch in den USA die Produktion - und in China sinken infolgedessen wiederum die Kapazitäten für die Halbleiterfertigung. Spüren werden es besonders die Endverbraucher, insbesondere im Bereich der Unterhaltungselektronik. Am Ende bleiben nur Verlierer.

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Europa hat seine Fäden längst aus der Hand gegeben.  lesen
posted am 09.07.2018 um 17:32 von Unregistriert

Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte :-) Vielleicht gibts einige Lieferanten in Europa...  lesen
posted am 09.07.2018 um 11:57 von Unregistriert


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