Halbleitermarkt: Wachstum, aber Europa verliert Marktanteile

| Autor: Margit Kuther

Halbleiter: Ursache für das enorme Wachstum des weltweiten Halbleitermarkts ist die hohe Nachfrage nach Speichermodulen.
Halbleiter: Ursache für das enorme Wachstum des weltweiten Halbleitermarkts ist die hohe Nachfrage nach Speichermodulen. (Bild: ZVEI)

Der deutsche Halbleitermark wächst 2017 wie die gesamte EMEA-Region deutlich stärker als noch vor einem Jahr vom ZVEI prognostiziert. Trotzdem hinken die Verkäufe dem globalen Markt hinterher.

Europa hat ein Problem: Im Hochtechnologiesektor verlieren unsere Unternehmen den Anschluss, so der Zentralverbands der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI). Der Grund: Der Verkauf von Halbleitern – ein Indikator für Hochtechnologie-Entwicklungen – legt weltweit schneller zu als in Europa. Die Folge: Der europäische Marktanteil sinkt. Das ist umso erstaunlicher, als das Umsatzwachstum im aktuellen Jahr auch in Europa weit über den Erwartungen lag.

Dabei können sich die Zahlen sehen lassen: Allein der deutsche Halbleitermarkt wird in 2017 um 15,3 Prozent auf fast 13 Milliarden Euro wachsen, so Stephan zur Verth, Vorsitzender der Fachgruppe Halbleiter-Bauelemente im ZVEI-Fachverband Electronic Components and Systems im Dezember 2017. „Mit einem nahezu gleichgroßen Wachstum auf Dollarbasis von 16 Prozent legte der deutsche Halbleitermarkt 2017 etwas schwächer zu als der weltweite Halbleitermarkt mit plus 19 Prozent.“ Für 2018 rechnet zur Verth eher konservativ mit einem Inlands-Wachstum von vier Prozent.

In der Region Europa/Naher Osten/Afrika (EMEA) wieß der Halbleitermarkt 2017 einen Zuwachs von voraussichtlich 16 Prozent auf 38 Milliarden Dollar aus. 2018 könne dieser Halbleitermarkt um 3,5 Prozent auf gut 39 Milliarden Dollar zulegen, gibt sich zur Verth optimistisch.

Speicher bleibt Wachstumstreiber Nummer eins

Wie weit Prognosen und eintretende Realität auseinander liegen können, zeigt ein Vergleich der Zahlen für den weltweiten Halbleitermarkt: Vor rund einem Jahr hatte der ZVEI ein Wachstum von 3,3 Prozent vorausgesagt – wohlgemerkt inklusive des umsatzträchtigen Speichermarktes. Die realen Zahlen liegen um Größenordnungen darüber: Wie sich jetzt abzeichnet, steigt der Umsatz bis Ende des Jahres um satte 19 Prozent und durchbricht erstmals die 400-Mrd.-Marke.

Das zeigt: „Trotz akribischer Detailarbeit bei den Auswertungen lässt sich die tatsächliche Marktdynamik nur schwer vorhersagen“, erklärt zur Verth. Einen großen Anteil an der Abweichung hätten die enormen Preissteigerungen bei den Speicherchips.

Für 2018 rechnet zur Verth trotzdem verhalten mit einer weiteren Umsatzsteigerung von fünf Prozent auf 423 Milliarden Dollar. „Ursache für das enorme Wachstum des weltweiten Halbleitermarkts im aktuellen Jahr ist die hohe Nachfrage nach Speichern. Ohne Speicher beträgt der Zuwachs sechs Prozent und liegt somit höher als die durchschnittliche Wachstumsrate", erläutert zur Verth. Als Folge der hohen Rate im laufenden Jahr liege das seit 2010 gemittelte jährliche Wachstum bei vier Prozent.

Der zunehmende Einbau innovativer Funktionen aus dem Highend-Segment in Fahrzeuge des Einstiegs- und Mittelklassesegments sorgt für ein starkes Wachstum des Halbleitereinsatzes im Automotive-Bereich. Diese beiden Fahrzeugklassen bilden mehr als 80 Prozent des Fahrzeug-Gesamtmarkts. Besonders Fahrerassistenzsysteme (ADAS) und Hybride sowie Elektromobile verzeichnen laut zur Verth eine stark zunehmende Nachfrage. Hauptumsatzträger bleiben aber auch in den nächsten Jahren die Bereiche Chassis & Safety, Infotainment sowie Body & Convinience mit insgesamt fast 60 Prozent Anteil. Konkret hat der ZVEI ermittelt, dass im Highend-Segment der Wert der in einem Fahrzeug eingesetzten Halbleiter von 539 Dollar in 2015 auf 630 Dollar in 2021 steigen wird.

In der Einstiegsklasse nimmt der Anteil demnach von 143 auf 238 Dollar zu, in der Mittelklasse von 330 auf 435 Dollar. Interessant: Allein die vielen sehr umfangreichen Rückrufaktionen im Automobilsektor, etwa wegen fehlerhafter Airbags oder hakender Schlüssel, führen zu spürbaren Umsatzanstiegen für die Halbleiterproduzenten. „Sie machen rund ein Prozent des weltweiten Gesamtumsatzes aus“, erläutert zur Verth.

Europäischer Marktanteil durch Merger gefährdet

Japan stellt mit einem Anteil von neun Prozent die umsatzschwächste Region des gesamten Halbleitermarkts dar. „Der Marktanteil unserer Region EMEA scheint sich bei zehn Prozent zu stabilisieren“, so zur Verth. Die zweitstärkste Region Nord- und Südamerika hat mit 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr leicht Marktanteil gewonnen. Mit über 60 Prozent Weltmarktanteil ist Asien/Pazifik auch im Jahr 2017 die umsatzstärkste Region. Davon entfällt allein auf China mit 32 Prozentpunkten gut die Hälfte.

Welche Auswirkungen einzelne Mega-Merger von Halbleiterkonzernen auf die Umsatzanteile ganzer Regionen haben können, zeigt die anvisierte Übernahme des niederländischen Funkchip-Spezialisten NXP durch das amerikanische Unternehmen Qualcomm – die selbst im Visier des derzeit noch in Singapur ansässigen Konzerns Broadcom sind .

Sollten die EU-Wettbewerbshüter dem Deal mit einem Transaktionsvolumen von voraussichtlich über 40 Mrd. Dollar letztlich zustimmen, würde allein dadurch der EU-Anteil am globalen Gesamtumsatz mit Halbleitern von 10 auf 7 Prozent fallen! Und der amerikanische um diesen Anteil steigen.

Für 2018 erwartet der ZVEI insgesamt weniger Großübernahmen. Das hatte sich bereits für 2017 abgezeichnet. Aber: Sollte der Broadcom die Übernahme des Konkurrenten Qualcomm gelingen, würde allein der aktuell kolportierte Kaufpreis von 130 Mrd. Dollar – was rund einem Drittel des weltweiten Gesamtumsatzes im Halbleitermarkt entspricht – die Marktverhältnisse deutlich verschieben.

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