Ist eine europäische Mikroelektronik-Plattform der Schlüssel zum Erfolg?

| Autor / Redakteur: Dr. Anna-Lena Gutberlet / Dr. Anna-Lena Gutberlet

Prof. Hubert Lakner, Vorsitzender des Lenkungskreises der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD): „Nach den durchgeführten Investitionen können wir mit der FMD Lösungen mit hohem technologischen Reifegrad für eine große Breite der Industrie entlang der gesamten Innovationskette anbieten – für große Unternehmen, aber auch vor allem für mittlere und kleine Unternehmen sowie für Start-ups.“
Prof. Hubert Lakner, Vorsitzender des Lenkungskreises der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD): „Nach den durchgeführten Investitionen können wir mit der FMD Lösungen mit hohem technologischen Reifegrad für eine große Breite der Industrie entlang der gesamten Innovationskette anbieten – für große Unternehmen, aber auch vor allem für mittlere und kleine Unternehmen sowie für Start-ups.“ (Bild: Fraunhofer Mikroelektronik / Uwe Steinert)

Die aktuellen Maßnahmen der Bundespolitik bezüglich der Förderung der Mikroelektronik gehen in die richtige Richtung – aber sind diese intensiv genug? Prof. Hubert Lakner, Vorsitzender des Lenkungskreises der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD), im Interview über die politische Situation in Deutschland.

Die Fraunhofer-Gesellschaft und die Leibniz-Gemeinschaft bauen derzeit gemeinsam die Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD) auf, in der mehr als 2000 Forschende an verschiedenen Standorten zusammenarbeiten werden. Sie haben das Ziel, die Entwicklung, vor allem aber auch die Herstellung und Vermarktung von mikroelektronischen Produkten und Smart Systems in Deutschland zu fördern, um eine Abwanderung der Kompetenzen in andere Regionen zu verhindern. Der dafür benötigte Aufbau der Forschungsinfrastruktur der beteiligten Institute wird mit rund 350 Millionen Euro von dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt.

Doch ist das im Vergleich mit dem Rest der Welt genug? Wir sprachen mit Prof. Hubert Lakner, Vorsitzender des Lenkungskreises der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD), über die politische Situation in Deutschland.

Ergänzendes zum Thema
 
Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD)

Die Politik in Deutschland ist nicht untätig; das sieht man an der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland. Aber im Vergleich zu China oder den USA fallen die Fördersummen eher gering aus. Ist Deutschland trotzdem wettbewerbsfähig oder muss die Politik etwas ändern?

Ich denke, wir haben einen guten Anfang gemacht. Die gute Nachricht ist, dass sich die Politik derzeit über den Status der Mikroelektronik als innovative Schlüsseltechnologie einig ist: 80 % der Innovationen im Auto kommen durch Mikroelektronik zustande. Auch in anderen wichtigen Bereichen, beispielsweise der dezentralen Medizinversorgung, eröffnet die Mikroelektronik neue Möglichkeiten. Ich glaube, das hat man erkannt.
Im Moment haben wir ein sehr positives Grundklima in der Politik. Und nicht immer waren sich das Bundeskanzleramt, das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) einig. Eine Zeit lang war die Haltung des Wirtschaftsministeriums, der Markt müsse alles regeln. Aber der Markt im Ausland wird verzerrt.
Ich war vor zwei Jahren in Taiwan bei der größten Halbleiterfirma TSMC. Diese Firma ist in einem sogenannten Science Park angesiedelt und dieser wird wie bei uns ein Freihafen betrieben. Das heißt, alle Einkäufe – von Roh- und Ausgangsstoffen über Wafer und Maschinen bis hin zu Anlagen – können zoll- und steuerfrei im- und alle Endprodukte zoll- und steuerfrei exportiert werden. Der Strom kostet fast nichts, das Gelände stellt der Staat zur Verfügung. Derartige Subventionen können einen Preis- und somit Wettbewerbsvorteil von bis zu 50 % bei Chips bedeuten! Die Frage ist, ob man sich in so eine Art Wettbewerb einlassen kann. Auch China subventioniert den Aufbau einer eigenen Chipindustrie massiv. Es zeigt sich, dass China nicht versucht, die Sägewerke oder die Betonfabriken an sich zu ziehen, sondern wirklich die Schlüsseltechnologien.
Das heißt, wir müssen dafür sorgen, dass wir eine Art Technologiesouveränität beibehalten, und – gerade im Zuge der Elektronisierung unserer klassischen Wirtschaftszweige – nicht in strategische Abhängigkeit geraten. Ich denke das ist die Aufgabe der Politik.
Da muss man auch die Wertschöpfungsketten betrachten: Wo möchten sich Deutschland und Europa platzieren? Das beginnt unten bei den Materialien gefolgt vom Bauelement, dem Chip, dem System und der Software. Die oberste Lage ist dann der Internetdienst – der verkauft keine Autos mehr, sondern bietet nur Mobilität an. Und das – so denke ich – hat man in Europa noch nicht so ganz verstanden: Dass auch unsere bisher erfolgreichen Industrien ihre Geschäftsmodelle umbauen müssen. Denn man verdient umso mehr, je weiter oben man in der Wertschöpfungskette angesiedelt ist. Und zur Spitze dieser Wertschöpfungskette müssen wir wieder hin. Die aktuellen Maßnahmen der Bundespolitik gehen da schon in die richtige Richtung – die Frage ist, ob sie auch intensiv genug sind.

Und wahrscheinlich auch nicht schnell genug...?

Schnelligkeit ist ein ganz entscheidender Punkt. Wir warten schon sehr lange auf grünes Licht aus Brüssel für das „Important Project of Common European Interest“ (IPCEI). Das Bundeswirtschaftsministerium will die deutsche Halbleiter-Industrie mit 1 Mrd. Euro fördern, aber das muss in Brüssel erst notifiziert werden. Darauf hoffen wir jetzt alle. Denn wenn wir die einzigen sind, die fair spielen, dann stehen wir am Schluss zwar sauber da, aber mit leeren Händen.
Auf die Entscheidung warten wir jetzt schon sehr lange. Bei gewissen Technologien wartet die Welt aber nicht. Da gibt es ein Zeitfenster und wer es verpasst, der wird bei diesem Thema nicht mehr mitspielen. Wir müssen aufpassen, dass wir bei wichtigen Themen die Entscheidungen schnell treffen; Zeit ist hier ein ganz wichtiges Element!
Ein weiterer Punkt ist die Landesförderung. Ich bin mit meinem Institut in Sachsen ansässig. Die Landesregierung Sachsen fördert die Mikroelektronik sehr gut, da kann man sich nicht beklagen. Zu erwähnen wäre das Leistungszentrum „Funktionsintegration für die Mikro-/Nanoelektronik“ oder die Universelle Sensorplattform – USeP.

Für den Erfolg sind nicht nur Zeit und Geld entscheidend, sondern auch Fachkräfte. Wie ist Deutschland hier im Vergleich zu den USA und China aufgestellt?

Inzwischen fällt es uns immer schwerer, offene Stellen zu besetzen. Wir spüren einen Rückgang der Jahrgangsstärken und den allgemeinen demographischen Wandel.
Gerade für KI-Experten werden im Ausland zurzeit exorbitante Summen bezahlt. Wer sich ein bisschen mit dem Thema auskennt, verdient im Vergleich zu den Gehältern im öffentlichen Dienst ein Vielfaches. Wir müssen aufpassen und gegensteuern, dass nicht die komplette KI-Forschung privat in Closed Shops stattfindet. Man hört immer wieder, dass alleine Google und Amazon mehrere Tausend Leute auf das Thema angesetzt haben. Und vor allem darf man China nicht unterschätzen. Dort lebt eine große Zahl an Menschen und die sind nicht dümmer als wir.

Zum Thema demographischer Wandel: Wird sich die chinesische Ein-Kind-Politik auf China auswirken?

Ja, aber dann sind es immer noch ein paar Millionen. Sie können dort aus einem größeren Reservoir schöpfen. Und inzwischen werden ja auch Experten für all diese Dinge aus dem Ausland nach China geholt, das sollte man nicht vergessen. In China kann man, was die Finanzierung der Arbeit angeht, unter optimalen Bedingungen arbeiten – ob man dort leben möchte, ist wieder ein anderes Thema.

Für mehr Schlagkraft aus Europa: Mitte Juni 2018 unterzeichneten der Fraunhofer-Verbund Mikroelektronik und das französische Forschungsinstitut Leti eine Kooperationsvereinbarung zur gemeinsamen Stärkung der Mikroelektronik. Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung Dr. Georg Schütte, Vorsitzender des Fraunhofer-Verbunds Mikroelektronik Prof. Hubert Lakner, Deputy Director CEA Technology Jean-Frédéric Clerc, Generaldirektor im französischen Ministerium für Hochschulen, Forschung und Innovation Alain Beretz (v.l.n.r.).
Für mehr Schlagkraft aus Europa: Mitte Juni 2018 unterzeichneten der Fraunhofer-Verbund Mikroelektronik und das französische Forschungsinstitut Leti eine Kooperationsvereinbarung zur gemeinsamen Stärkung der Mikroelektronik. Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung Dr. Georg Schütte, Vorsitzender des Fraunhofer-Verbunds Mikroelektronik Prof. Hubert Lakner, Deputy Director CEA Technology Jean-Frédéric Clerc, Generaldirektor im französischen Ministerium für Hochschulen, Forschung und Innovation Alain Beretz (v.l.n.r.). (Bild: BMBF / Reiner Zensen)

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang das Statement: „Es gibt nur wenige Standorte in Europa, an denen man noch erfolgreich sein kann“?

Da bin ich Europäer. Die bedeutendsten Zentren für die Mikroelektronik-Forschung sind für mich in Frankreich, Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Österreich, um nur ein paar zu nennen. Auch wenn man sieht, wie Infineon in Villach investiert, Bosch in Dresden oder X-FAB in Erfurt. Ich würde sagen, wir müssen es schaffen, auf europäischem Niveau – also auf höchstem Niveau – mit den bedeutendsten Forschungseinrichtungen und Ländern zu kooperieren.

Also ist der Schlüssel für den Erfolg so etwas wie eine europäische Fab?

Ja, das wäre mein Traum: eine europäische Plattform – auch wenn da nicht alle Mitgliedstaaten mitmachen werden. Wir arbeiten bereits mit Forschenden aus Frankreich (Grenoble), Belgien (Leuven), Österreich und Finnland zusammen. Ich glaube, nur wenn wir die Forschung auf eine europäische Ebene heben, haben wir eine Chance, auch mal wieder den einen oder anderen Standard zu setzen.
Eine Gefahr sehe ich beim aktuellen Populismus. Ich weiß nicht, wie die Mitgliedstaaten oder die kleinsten Regionen, die jetzt nach Unabhängigkeit streben, im globalen Wettbewerb überleben wollen. Europa kann den großen Handelsauseinandersetzungen, die uns langsam dämmern, etwas entgegensetzen. Doch was wollen da Kleinstaaten tun? Die wären im Rauschen nicht mehr sichtbar. An sich bin ich jedoch optimistisch. Denn wir werden immer mehr mikroelektronische Produkte um uns haben: in der Kleidung, in Hearables oder in intelligenten Brillen. Ich glaube, das ist erst der Anfang. Es bleibt spannend. Und es wird noch spannender.

Vielen Dank für das Gespräch.

„Die FMD soll das Modell sein, mit dem wir in die Zukunft gehen.“

„Die FMD soll das Modell sein, mit dem wir in die Zukunft gehen.“

09.11.18 - Die deutsche Mikroelektronik-Forschung rückt zusammen, um den Technologiestandort Deutschland in der Mikro- und Nanoelektronik zu stärken. Jörg Amelung, Leiter der Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland (FMD), im Interview über das Konzept, die Ziele und die Zukunft der FMD. lesen

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