Forderung des US-Industrieverbands SIA Halbleiterfertigung: USA muss wieder selbständiger werden

Autor: Michael Eckstein

Chips als Chefsache: Der US-Industrieverband SIA fürchtet einen Bedeutungsverlust der USA als Standort für die Halbleiterfertigung. Daher fordern die CEOs der wichtigsten US-amerikanischen Halbleiterfirmen die neue US-Administration auf, den Aufbau von Chipfabriken im eigenen Land massiv zu fördern.

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Rohstoff der Digitalisierung: Wichtige US-Industrievertreter wollen die Chipfertigung im eigenen Land stärken.
Rohstoff der Digitalisierung: Wichtige US-Industrievertreter wollen die Chipfertigung im eigenen Land stärken.
(Bild: Clipdealer)

Nicht nur Europa, auch die USA fürchten einen fortschreitenden Bedeutungsverlust als Produktionsstandort für Halbleiter. Während die USA (21% Anteil am Gesamtumsatz 2020) nach China (35%) nach wie vor am meisten Halbleiter verbaut, wie etwa der ZVEI in seinem Jahresbericht ermittelt hat, fällt der Anteil an der weltweiten Chipfertigung seit Jahren – laut Nachrichtenmagazin Bloomberg von 37% 1990 auf zuletzt nur noch 12%.

Daher haben Vertreter des wichtigsten US-amerikanischen Halbleiter-Industrieverbands SIA (Semiconductor Industry Association) – nach Umsatz repräsentiert er 98 Prozent der US-Halbleiterindustrie – US-Präsident Joe Biden in einem Brief aufgefordert, die heimische Produktion zu unterstützen und das Land davor zu bewahren, seinen Innovationsvorsprung in Punkto Chiptechniken zu verlieren. Die Administration soll demnach Investitionen in die Halbleiterindustrie hohe Priorität einräumen, um die technologische Führungsrolle der USA wiederherzustellen.

Konjunkturprogramm soll Anreize für Unternehmen schaffen

Zu den Unterzeichnern zählen die CEOs der Unternehmen Analog Devices, Cree, GlobalFoundries, Intel, Lattice Semiconductor, Marvell Semiconductor, Maxim, Micron Technology, ON Semiconductor, Qorvo, Qualcomm, Silicon Labs, Skyworks, Texas Instruments, Western Digital, Xilinx und der SIA. Auch führende Manager von Broadcom, IBM und Nvidia haben sich der Initiative angeschlossen.Das haben u.a. die Nachrichtenportale Bloomberg und EETimes berichtet.

Ein Konjunkturprogramm soll Anreize für Unternehmen bereitstellen, Fabs in den USA aufzubauen. Bereits die alte US-Administration hatte darauf gedrängt – und offenbar Erfolg: Im letzten Jahr hatte der weltweit größte Halbleiterproduzent TSMC angekündigt, ein hochmoderne Fabrik in Arizona in den USA zu bauen, die Chips mit 5-nm-Technologieknoten fertigen kann. Auch Samsung verhandelt mit dem US-Handelsministerium über den Aufbau einer Fertigung in den USA.

„Technologieführerschaft in wichtigen Bereichen in Gefahr“

Konkret fordern die Firmenlenker in dem Brief an Joe Biden, „substantielle Mittel für Anreize für die Halbleiterproduktion in Form von Zuschüssen und/oder Steuergutschriften“ in das Konjunkturpaket seiner Regierung aufzunehmen. Weiter heißt es: „Unsere Technologieführerschaft ist im Rennen um die Vorherrschaft bei den Technologien der Zukunft, einschließlich künstlicher Intelligenz, 5G/6G und Quantencomputing, in Gefahr“.

In den beiden letzten Jahrzehnten sind US-Firmen zunehmend dazu übergegangen, Chips zwar selbst zu entwickeln, die Produktion aber den spezialisierten Foundries in Fernost zu überlassen – meist Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. (TSCM) und Südkoreas Samsung Electronics Co. Ein Meilenstein in dieser Trendwende war sicherlich die Ausgründung der Halbleiterfertigung von AMD in das eigenständige, unabhängige Unternehmen Globalfoundries 2008/2009. Dieser Trend hält selbst für Highend-Chips an.

Ist die US-Chipindustrie benachteiligt worden?

Der Grund dafür ist einfach: Unter dem Strich ist dieses Outsourcing günstiger, als milliardenschwere Fabs selbst zu entwickeln, zu bauen und zu unterhalten, um dann darin seine Chips zu produzieren. Die SIA argumentiert, dass staatliche Anreize in anderen Ländern die US-Chipindustrie beim Aufbau eigener Fabriken unfair benachteiligt haben. Angeblich hätten die USA selbst in der Vergangenheit Steuererleichterungen und andere umfangreiche staatliche Unterstützung für die Industrie gescheut, was zum Abwandern der Produktionen geführt hätte.

Nun würden sich Politiker besorgt zeigen, da mit dieser Entwicklung auch ein „Brain Drain“ eingesetzt hat, also der Verlust von hochqualifizierten Talenten in diesem Bereich. Darüber hinaus seien die Bundesinvestitionen in die Halbleiterforschung stagniert, während andere Regierungen erheblich in Forschungsinitiativen investiert hätten, um ihre eigenen Halbleiterfähigkeiten zu stärken.

US-Administration will handeln

Offenbar verhallen die Forderungen der SIA nicht ungehört: In einem Pressebriefing sagte die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Jen Psaki, dass die Industrie mit Unterstützung und der Unterzeichnung einer entsprechenden Verordnung innerhalb weniger Wochen rechnen könne.

Dies erinnert stark an die derzeit in Europa geführten Diskussionen. So fordern Verbände wie der ZVEI und der VDE von Regierungen und der EU mehr Engagement für den Auf- und Ausbau von Halbleitertechnologien. Ziel müsse es sein, eine widerstandsfähige, souveräne Hightech-Industrie aufzubauen, die weniger von einzelnen Staaten beziehungsweise Lieferanten abhängig ist.

Auf beiden Seiten des Atlantiks kämpfen Produzenten aus unterschiedlichen Industriebereichen seit Monaten mit mangelndem Nachschub wichtiger Chips. Laut Psaki ist die eingeschränkte Versorgung mit Halbleitern „einer der zentralen Beweggründe für die Durchführungsverordnung, die der Präsident in den kommenden Wochen unterzeichnen wird, um eine umfassende Überprüfung der Lieferketten für kritische Güter vorzunehmen“, berichtet die EETimes. Über alle beteiligten Behörden hinweg sollen demnach Maßnahmen identifiziert werden, wie man die Situation koordiniert schnell verbessern kann.

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