Mikrocontroller-Boom im Land der Mitte Goldene Zeiten für MCU-Hersteller in China

Autor / Redakteur: * Henrik Bork / Kristin Rinortner

Der Bedarf an MCUs wächst in China vier Mal so schnell wie auf dem Weltmarkt. Das freut Hersteller wie NXP, Infineon, Renesas, STMicroelectronics oder Texas Instruments, die auch auf dem chinesischen Markt dominant sind. Doch die chinesischen Hersteller holen auf.

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MCU-Nachfrage steigt: Dem Boom der Mikrocontroller in China steht mit großer Wahrscheinlichkeit eine weitere „goldene Dekade” mit Wachstumsraten von acht Prozent pro Jahr bevor.
MCU-Nachfrage steigt: Dem Boom der Mikrocontroller in China steht mit großer Wahrscheinlichkeit eine weitere „goldene Dekade” mit Wachstumsraten von acht Prozent pro Jahr bevor.
(Bild: Alexander Kelner auf Pixabay)

Wegen eines anhaltenden Booms in den Bereichen IoT und E-Mobilität wächst in China die Nachfrage nach MCUs. Und das vier Mal so schnell wie auf dem Weltmarkt, hat das „Qianzhan Industry Research Institute” in Shenzhen errechnet. In den vergangenen fünf Jahren betrug das durchschnittliche Marktwachstum (CAGR) 7,2 Prozent.

Und das war erst der Anfang. Mit dem neuen Nachdruck, mit dem Pekings politische Führung Zukunftstechnologien fördert, steht dem Boom der Mikrocontroller in China mit großer Wahrscheinlichkeit eine weitere „goldene Dekade” bevor.

Das Qianzhan-Institut sagt für den Zeitraum von 2021 bis 2026 eine jährliche Wachstumsrate von acht Prozent voraus. Damit würde sich der chinesische MCU-Markt von 26,8 Milliarden Yuan (rund 3,5 Mrd. Euro) fast verdoppeln, auf 51,3 Mrd. Yuan (rund 6,7 Mrd. Euro).

Besonders schnell wächst der Bedarf an MCUs in den Sparten Autoelektronik sowie in den Sparten industrielle und medizinische Steuerungen. Das sind besonders gute Nachrichten für die größten internationalen Microcontroller-Hersteller wie NXP, Infineon, Renesas, STMicroelectronics oder Texas Instruments, die gerade in diesen Segmenten noch immer dominant sind, auch auf dem chinesischen Markt.

Chance automobiler MCU-Markt

Es wäre dennoch falsch, die schnell wachsende chinesische Konkurrenz auch in diesen Segmenten zu ignorieren. Die jüngsten Engpässe in der Chip-Versorgung haben chinesischen Herstellern neue Chancen eröffnet, weil sich die Autohersteller zu einer Diversifizierung ihrer Lieferketten gezwungen sehen. Chinesische Chip-Fabrikanten strengen sich gerade an, diese Chance zu nutzen und sich den automobilen MCU-Markt zu erschließen, das zeigen chinesische Medienberichte und Statistiken.

Chinesische MCU-Produzenten wie AutoChips, ChipON, Sine Micro, Chipways und BYD Semiconductor haben mit kleineren Serienfertigungen von MCUs begonnen und haben erste Lieferaufträge für OEM in China bekommen. Noch verkaufen sie vorwiegend „einfachere“ Mikrocontroller – also solche für Fensterheber, Licht- und Kühlungssysteme oder Ähnliches.

Vom einfachen MCU zu komplexen Aufgabenstellungen

Für komplexere Aufgaben (Powertrain, Smart Cockpit oder ADAS) sind Bestellungen bei chinesischen MCU-Herstellern derzeit noch „selten“, heißt es in einer Analyse des Fachmediums Dianzi Gongcheng Zhuanji. Doch auch da machen chinesische Unternehmen große Anstrengungen, und erste Serienproduktionen großen Volumens werden für 2022 erwartet.

„Der Mangel MCU-Chips für die Autoindustrie wird durch „heimische Substitution gelindert werden,“ schreibt das Fachportal der Elektronikindustrie über das Jahr 2022. Es verfällt dabei in einem sonst recht sachlichen Bericht ganz kurz in den momentan in der Volksrepublik „politisch korrekten“ Ton, wo sich ein Großteil der industriepolitischen Propaganda der Kommunistischen Partei Chinas um das Thema dreht, wie man chinesischen Firmen mehr Marktanteile verschaffen kann, und den ausländischen Multis endlich mehr Marktanteile abjagen kann.

Das betrifft vor allem den Bereich Halbleiter, wo man gerade von den USA und ihrem Huawei-Boykott gedemütigt worden ist.

Smarte Sensorik bis 2024 verdoppelt

Im Bereich Internet of Things (IoT) ergibt sich das gleiche Bild der gegenwärtigen Dominanz ausländischer Hersteller kombiniert mit einer Aufholjagd chinesischer Produzenten. Auch dies ist ein Wachstumsmarkt, der sich in China allein bis 2024 fast verdoppeln wird, glaubt man entsprechenden Prognosen.

Ein Beispiel sind die „smarten Sensoren“, also IoT-Sensorik mit den dazugehörigen MCU. Die chinesischen Unternehmen Goodix, Chipsea, GigaDevice und Awinic Tech sind hier unterwegs.

Ein weiteres Segment des MCU-Marktes in China, das derzeit einen besonders starken Wachstumstrend zeigt, sind Mikrocontroller für industrielle Kontrollgeräte und Automation. Noch ist dieser Bereich fast ausschließlich die Domäne von internationalen Firmen wie TI, ST, ADI oder Renesas.

Als einzige chinesische Firma konnte sich hier bislang nur Huada Semiconductor einen gewissen Namen machen. Zu den chinesischen Verfolgern, die nun hoffen, das in den kommenden Jahren ändern zu können, zählen die Unternehmen Vango, Hangshun und Geehy.

MCUs für Haushaltsgeräte und Konsum-Elektronik

Blickt man auf das größte Segment des chinesischen MCU-Anwendungs-Marktes, das für Haushaltsgeräte und Verbraucherelektronik, sind nicht nur die Wachstumsprognosen am stärksten, sondern auch die „heimische Substitution“ schon am weitesten fortgeschritten.

Dieses Marktsegment soll sich in China von derzeit rund 11,6 Milliarden US-Dollar (rund 9,8 Mrd. Euro) auf 36,8 Mrd. US-Dollar (rund 31,2 Mrd. Euro) im Jahr 2024 gut verdreifachen, heißt es in einer Prognose von IDC. Hier aber haben sich chinesische Unternehmen wie Sino Wealth Electronic und AMEC bereits einen beachtlichen Anteil an ihrem Heimatmarkt erkämpft.

Wenn nun chinesische Großkonzerne für Haushaltsgeräte wie Midea, Gree oder Haier immer mehr auf den IoT-Trend aufspringen, dürften davon vor allem chinesische MCU-Hersteller profitieren.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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