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Gewinnrückgang bei Siemens sorgt für tiefgreifende Maßnahmen

| Autor / Redakteur: mit Material der dpa / Sebastian Gerstl

Um Siemens sei ihm in der Coronakrise nicht bang, hatte Konzernchef Joe Kaeser vor wenigen Wochen in einem Interview geäußert. Die kürzlich veröffentlichten Geschäftszahlen scheinen ein anderes Bild zu zeichnen: Weitere Firmensparten sollen abgespalten, der geplante Aktienrückkauf gestoppt werden.

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Der Technologiekonzern Siemens hat inmitten turbulenter Zeiten seine neuen Geschäftszahlen vorgelegt. Die Coronakrise und die wirtschaftlichen Entwicklungen der Vormonate hinterlassen tiefe Spuren: Die moderate Gewinnerwartung wurde einkassiert, statt dessen stellt sich das Unternehmen auf einen Verlust ein. Auch das Portfolio wird weiter ausgemistet.
Der Technologiekonzern Siemens hat inmitten turbulenter Zeiten seine neuen Geschäftszahlen vorgelegt. Die Coronakrise und die wirtschaftlichen Entwicklungen der Vormonate hinterlassen tiefe Spuren: Die moderate Gewinnerwartung wurde einkassiert, statt dessen stellt sich das Unternehmen auf einen Verlust ein. Auch das Portfolio wird weiter ausgemistet.
(Bild: Soeren Stache / dpa)

Bei Siemens waren die Zeiten schon vor der Corona-Krise spannend: Der anstehende Chefwechsel, die Abspaltung des Energiegeschäfts und die Auseinandersetzung mit Klimaschützern beschäftigten den Konzern. Jetzt ist eine Pandemie hinzugekommen, die die Weltwirtschaft erschüttert. Dennoch gehört der Konzern, der am Freitag die Zahlen für sein zweites Geschäftsquartal von Januar bis März vorlegt, zu den wenigen, die ihre Prognose in der Krise noch nicht gekippt hatten. In einem Interview mit der Passauer Neuen Presse zeigte sich der noch amtierende Konzernchef Joe Kaeser trotz Coronakrise recht zuversichtlich: Das Unternehmen sei äußerst liquide, die Auftragsbücher gut gefüllt und das Portfolio breit aufgestellt, so dass Siemens die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie gut überstehen dürfte.

Dennoch hinterlässt die Krise, zusammen mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Monate zuvor, sichtlich Spuren am Konzern, wie der jüngste Geschäftsbericht offenbart. Nach einem schwierigen zweiten Geschäftsquartal mit einem deutlichen Gewinneinbruch hat nun auch Siemens seine Prognose für das laufende Jahr einkassiert. Statt einer moderaten Steigerung geht das Unternehmen wegen der Corona-Pandemie nun von einem moderaten Umsatzrückgang aus, wie Siemens am Freitag in München bei der Vorlage der Quartalszahlen berichtete. Für das Ergebnis gibt der Konzern noch keine neue Prognose.

In naher Zukunft keine Besserung in Aussicht

Für das laufende Quartal ist noch nicht mit Besserung zu rechnen. „Wir erwarten, im dritten Quartal unseres Geschäftsjahres die Talsohle zu erreichen“, sagt Konzernchef Joe Kaeser nun. Dennoch gibt sich der noch amtierende Geschäftsführer kämpferisch: „Wir haben trotz komplizierter Umfeldbedingungen ein robustes Quartal abgeliefert.“ Auch für die weiteren Herausforderungen sieht sich der Konzern gerüstet: Man verfüge über eine „sehr solide Liquiditätsposition“, sagte Finanzvorstand Ralf P. Thomas. Zudem habe man ein „sehr widerstandsfähiges und diversifiziertes Geschäftsportfolio“. Hinzu komme ein „sehr komfortables Auftragspolster“ von 69 Milliarden Euro – ohne Siemens Energy gerechnet, dass im Herbst diesen Jahres ausgegründet werden soll.

Während der Umsatz stabil blieb, brach der Gewinn ein. Unter dem Strich verdiente Siemens von Januar bis März 697 Millionen Euro, ein Rückgang von fast zwei Drittel im Vergleich zum starken Vorjahresquartal. Dabei machten sich unter anderem Verluste aus dem Energiegeschäft bemerkbar. Am Plan, Siemens Energy im September an die Börse zu bringen, hält der Konzern allerdings weiter fest.

Aktienrückkaufprogramm wird unterbrochen

Andere Pläne müssen dagegen vorerst verworfen werden. Wegen der immer noch anvisierten Abspaltung von Siemens Energy habe man etwa beschlossen, sein für drei Milliarden Euro angesetzten Aktienrückkaufprogramm auszusetzen. Dies habe aber rein regulatorische Gründe und nichts mit der Coronakrise zu tun, betonte ein Sprecher. Nach der Abspaltung soll der Aktienrückkauf fortgesetzt werden. Bislang hat Siemens im Rahmen des Programms 2,4 Milliarden Euro zurückgekauft.

Auch Antriebstochter Flender soll abgespalten werden

Dennoch wurde nun beschlossen, das Portfolio weiter auszumisten und zusätzliche Tochterunternehmen als Ausgründungen an die Börse zu bringen. Nach der 2018 vollzogenen Abspaltung der Medizintechniksparte Siemens Healthineers und dem bevorstehenden Börsengang von Siemens Energy trifft es nun die Antriebssparte: Der Technologiekonzern plant, das 2005 eingekaufte Tochterunternehmen Flender als weiteres Spin-Off auszugründen und an der Börse zu notieren. Noch 2008 hatte Siemens den Antriebstechnikbereich als besondere Erfolgsstory gefeiert.

Die Produkte des Unternehmens werden in Windkraftanlagen sowie zahlreichen anderen Industriebereichen eingesetzt. Mit der Ausgründung habe Siemens zusätzlich vor, den Bereich Wind Energy Generation in Flender zu integrieren. Beide Töchter werden derzeit als sogenannte „Portfolio Companies“ geführt. Das neue Unternehmen komme nach Aussage eines Siemens-Sprechers auf einen Pro-forma-Umsatz von rund zwei Milliarden Euro. Die Aktionäre sollen auf der Hauptversammlung 2021 darüber entscheiden.

Auch ein Börsengang von Mobility steht weiter im Raum

Bei all den geplanten Maßnahmen möchte sich Siemens nun bei der „strategischen Überprüfung seiner Zugsparte Mobility“ mehr Zeit gönnen. Die Ergebnisse will Siemens nun erst zum vierten Geschäftsquartal (per Ende September) veröffentlichen, erklärte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende und designierte Nachfolger von Joe Kaser, Roland Busch am Freitag in München. Ursprünglich war dies zum zweiten Quartal geplant. Dabei sieht Busch Siemens nicht unter Zeitdruck. Das Geschäft trotze der Coronakrise. Dabei bezeichnete er die Sparte als „integralen Bestandteil“ von Siemens.

„Die Konsolidierung am Markt beobachten wir sehr aufmerksam", sagte Busch mit Blick auf die Fusionspläne von Alstom mit Bombardier. Siemens werde das Portfolio „selektiv verstärken, immer wenn sich Gelegenheiten ergeben". Siemens hatte das Zuggeschäft eigentlich mit dem französischen Konkurrenten Alstom fusionieren und an die Börse bringen wollen, scheiterte aber an der europäischen Wettbewerbsbehörde. Seitdem wird immer auch mal wieder über einen Börsengang von Mobility spekuliert.

Bei all den angekündigten Maßnahmen war ein möglicher Stellenabbau, wie Kaeser vor Wochen schon gesagt hatte, auch diesmal kein Thema. Das kann man allerdings auch relativ betrachten. Schließlich müssen weniger Anteile zurückgekauft werden, wenn diese Anteile in anderen Firmen ausgegründet werden. Und sind diese Bereiche dann ausgegründet, ist es streng genommen auch nicht mehr Siemens, das einen Stellenabbau zu verantworten hätte.

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