Kommentar Gesucht: eine integrierte IIoT-Plattform aus Deutschland

Autor / Redakteur: Dr. Ulrich Störk & Dr. Reinhard Geissbauer* / Sebastian Human

Die USA und China dominieren den Markt der digitalen B2C-Plattformen. Eine führende globale B2B-Plattform für die Industrie existiert dagegen noch nicht. Hier könnte Deutschland mit traditioneller industrieller Stärke, Ingenieurs-Know-how und Innovationskraft eine entscheidende Rolle spielen.

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Eine zentrale B2B-Plattform für die Industrie bietet zahlreiche Möglichkeiten – Deutschland könnte bei deren Entwicklung auf fundiertes Wissen zurückgreifen.
Eine zentrale B2B-Plattform für die Industrie bietet zahlreiche Möglichkeiten – Deutschland könnte bei deren Entwicklung auf fundiertes Wissen zurückgreifen.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Deutschland ist bisher verhältnismäßig gut durch die Krise gekommen. Unerwartet gut sogar. Schon im Sommer hatte sich angedeutet, dass die Konjunkturkurve hierzulande dem erhofften „V“ gleicht, dass also dem starken Abschwung im April ein starker Aufschwung folgen könnte. Im Juni ist das Plus in den Auftragsbüchern der deutschen Wirtschaft mit fast 28 Prozent dreimal so hoch ausgefallen wie erwartet. Die Stimmung am deutschen Aktienmarkt war gut zum Jahresende. Zeit also, optimistischer in die Zukunft zu blicken – und zugleich eine Chance für die Industrie.

Deutsche Produkte und Methoden sind weiterhin gefragt

Warum steht die deutsche Wirtschaft im europäischen und weltweiten Vergleich so gut da? Die Gründe sind vielfältig. Es liegt sicher am konsequenten Krisenmanagement, aber auch am funktionierenden Instrument der Kurzarbeit. Außerdem nutzen viele Unternehmen gerade in der Krise ihren Freiraum für neue Innovationen und operative Verbesserungen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Konkurrenz gezielt zu stärken. Hinzu kommt eine besonnen agierende Regierung und generell Deutschlands finanzieller Stärke, die enorme Konjunkturpakete zur Stärkung der Wirtschaft möglich macht. Es hat aber auch viel mit „Made in Germany“ zu tun, also genau mit jenem deutschen Gütesiegel, das trotz einiger Kratzer aus der Vergangenheit weltweit immer noch für höchste Ingenieur Qualität steht. Die Nachfrage nach deutschen Produkten, Services und Methoden zieht immer stärker an, je mehr Abnehmerländer das Konjunkturtief durchschreiten.

Wir sollten den Blick also wieder von der kriselnden Gegenwart in die Zukunft richten. Industrie 4.0 – diese globale Vision einer digitalen, effizienten, und über alle Partner eines Ökosystems integriert agierende Industrie der Zukunft – stammt nicht von ungefähr aus Deutschland. Nach wie vor bildet ein ebenso hochqualifizierter wie hochspezialisierter Mittelstand das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – mit starken und innovativen Unternehmen, die mit Krisen umgehen können.

Um seine Fokusindustrien – und hier insbesondere den Maschinen- und Anlagenbau – wird Deutschland weltweit beneidet. Diese Industrielandschaft durchläuft eine digitale Transformation – mit dem Internet der Dinge als alles vernetzendem Instrument und mit Daten als neuem Rohstoff. Als Teil der Adamos-Allianz wissen wir, dass die Digitalisierung unter anderem im Maschinenbau ein überaus wichtiger Bestandteil für die Zukunftssicherheit der Industrie sein wird. Das Projekt Adamos wurde als strategische Allianz für die Zukunftsthemen Industrie 4.0 sowie Industrial Internet of Things gegründet und steht für Adaptive Manufacturing Open Solutions.

Plattformunternehmen dominieren den Weltmarkt

Das B2C-Rennen um die persönlichen Daten der Nutzer haben die Player aus dem Silicon Valley und Shenzhen längst für sich entschieden. Aber das B2B-Rennen um die Nutzung von integrierten Daten von Maschinen, Geräten und Fahrzeugen ist offen – noch. Sieben der zehn größten Konzerne der Welt sind Plattformunternehmen: Ihr Geschäftsmodell basiert auf der Plattformökonomie, die wie Amazon oder Alibaba Käufer und Verkäufer auf einem qualifizierten digitalen Marktplatz zusammenbringt, wie Facebook oder Zoom Menschen miteinander kommunizieren lässt oder wie Apple Kunden durch ein geschlossenes Ökosystem an ihre Geräte und Dienstleistungen bindet.

Viele Unternehmen in Deutschland haben in den vergangenen Jahren in eigene Plattformen investiert, um ihre Daten zu verarbeiten und gewinnbringend zu nutzen. Derzeit setzen zwei von drei Industriebetrieben hierzulande auf solche Plattformen, hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ermittelt.

Aber in der weltweiten Plattformökonomie spielt Deutschland bislang keine relevante Rolle. Dies zeigt der sogenannte Plattform-Index: Dieser Index fasst die 15 wichtigsten und erfolgreichsten Plattform-Aktien zusammen und vergleicht sie unter anderem mit dem DAX. Kein einziges deutsches Unternehmen ist dort gelistet. Das kann sich ändern – wenn es uns gelingt, mit einem Konsortium aus deutschen Unternehmen die führende Plattform für das Industrielle Internet der Dinge aufzubauen.

Auf diesem Feld wird sich zeigen, ob wir es schaffen, unsere traditionelle industrielle Stärke in ein digitales Geschäftsmodell zu überführen. Deutschland hat dazu gute Voraussetzungen: Wir wissen, was die Industrie braucht und wie sie tickt. Nutzen wir also unser Industrie-Know-how, unsere Ingenieursqualitäten, den Standortvorteil von Deutschland – nicht nur als sicheren Produktionsstandort, sondern auch als sicheren Speicherort für Produktionsdaten. Setzen wir auf unser Ökosystem aus Großunternehmen, Hidden Champions und Start-ups, Universitäten und Forschungseinrichtungen, die beständig neue Lösungen und funktionierende digitale Geschäftsmodelle hervorbringen.

Cloudanbieter aus den USA sind bislang alternativlos

Die Zeiten, in denen jedes Unternehmen sein eigenes kleines Rechenzentrum inklusive IT-Abteilung unterhält, proprietäre Anwendungen on-premise betreibt und sämtliche Daten aus Fertigung und Vertrieb in Silos speichert, neigen sich dem Ende zu. Auch Mittelständler haben mittlerweile erkannt, dass sich Private und Public Clouds lohnen können. Dokumente unternehmensweit teilen und bearbeiten, Anwendungen immer in der aktuellen Version nutzen und Daten in großen, skalierbaren Clouds speichern: Auch hierzulande nutzen wir dafür oft die Cloudangebote der sogenannten Hyperscaler Amazon, Google, IBM oder Microsoft.

Das deutsche Gegenangebot müsste sein: Datensouveränität, Datenschutz und Datensicherheit „Made in Germany“. Für zwei Drittel der vom Digitalverband Bitkom befragten Unternehmen sind Unsicherheiten bei Datenschutz und Datensicherheit entscheidende Hemmnisse für die Industrie 4.0. Prozess- und Produktionsdaten deutscher Firmen sollen eben auch in Deutschland verbleiben. Unternehmen brauchen hier Vertrauen und Sicherheit. Auch im Kampf gegen Datendiebstahl. Cybersecurity aus deutschen Landen hat sich in dieser Hinsicht zu einem Qualitätssiegel entwickelt. Jeder zweite Mittelständler konnte im vergangenen Jahr einen Cyberangriff aufdecken und erfolgreich abwehren.

Deutschland muss seinen Standortvorteil ausspielen

So wie das Cloud-Projekt Gaia X der Schritt zu einer digitalen Souveränität in der EU sein will, könnte eine deutsche IIoT-Plattform Fertigungsunternehmen die technologische Souveränität über ihre Produktionsdaten garantieren. Daten von Sensoren an Anlagen und Maschinen, aus Lagerstätten und Lieferketten, von Baustellen, Gebäuden oder autonomen Transportfahrzeugen. Daten aus dem Industriellen Internet der Dinge. Drei Aspekte wären für das Vertrauen in eine solche Plattform wichtig:

  • Datenschutz:
    Speicherung der Daten in Rechenzentren deutscher Unternehmen in Deutschland nach EU-DSGVO
  • Datensicherheit:
    Höchste Cybersecurity-Standards beim Übertragen und Speichern der Daten
  • Datensouveränität:
    Jederzeit voller Zugriff auf die Daten – durch das Unternehmen selbst oder autorisierte Datentreuhänder

Die Plattform muss natürlich skalierbar sein, hoch performant und breit verfügbar, redundant angelegt und kompatibel mit allen Kommunikationstechnologien. Darüber hinaus sollte sie die richtigen Sprachen sprechen, also: kompatibel sein mit klar definierten Interfaces zu allen etablierten und künftigen Industriestandards, Protokollen und Softwarelösungen. Sie muss es Betrieben außerdem ermöglichen, Daten unterschiedlicher Unternehmensbereiche und Produktionsstandorte zu analysieren und logisch miteinander zu verknüpfen, um einen besseren Einblick in ihre Prozesse zu gewinnen und daraus Mehrwerte zu schöpfen. Die passenden KI-gestützten Anwendungen hält eine solche Plattform auch bereit, von Tools für Predictive Maintenance, interaktivem Gerätemanagement und Remote Monitoring bis zu KI-gestützter Analysesoftware.

Betriebe, Kunden, Nutzer und Daten an einem Ort

Außerdem wird die Plattform von Beginn an als Marktplatz sowohl für anonymisierte Daten und Messwerte als auch für effiziente Algorithmen zur Nutzung der Daten zur Effizienzsteigerung angelegt sein. Eine Datenbank also, wo zum Beispiel Blechbearbeitungsunternehmen die Wartungsdaten ihrer Stanzmaschinen untereinander austauschen und damit Maschinenausfällen vorbeugen können. Oder wo ein Logistikunternehmen aus einem offenen Datenpool schöpfen und Lieferwege optimieren kann. Oder Fertigungsunternehmen einfach und sicher Produktions- und Komponentendaten mit ihren Partnern, Zulieferern und Kunden teilen können.

Wir sind überzeugt: Deutsche Unternehmen mit ihrer Industriekompetenz und ihrer digitalen Innovationskraft haben das Potenzial, eine integrierte IIoT-Plattform zu entwickeln. Eine Plattform, auf der Partnerunternehmen in einem Ökosystem Daten und Arbeitsinhalte austauschen und zu innovativen Lösungen weiterentwickeln – wenn sie ihre Kräfte bündeln und zusammenarbeiten. Die Aufbruchstimmung nach der Krise ist genau die richtige Zeit dafür.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf unserem Partnerportal Industry-of-Things.de.

* Dr. Ulrich Störk ist Sprecher des Vorstands von PWC Deutschland.

* Dr. Reinhard Geissbauer arbeitet als Leiter Europa für Digital Operations bei PWC.

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