Logistik Gesicherte Bauteileversorgung trotz Lagerreduzierung

Autor / Redakteur: Joachim Kaiser * / Margit Kuther

Das fragile System aus Produktion, Vertrieb und Lagerung von Bauteilen reagiert anfällig auf Konjunkturschwankungen und Naturkatastrophen. Moderne Logistiksysteme erhöhen die Versorgungssicherheit.

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Lager Rutronik
Lager Rutronik
(Bild: Rutronik)

Millionen von verschiedenen Komponenten mit unterschiedlichen, teils extrem langen und schwankenden Lieferzeiten sind derzeit auf dem Markt. Die Folge sind immer wieder Versorgungsengpässe. Der Trend, seltene Second- oder gar Third-Sources freizugeben, verschärft diese Situation noch. Ursache ist die traditionelle Lieferkette, bei der jede Unternehmensgrenze auch eine Grenze in der Wertschöpfungs- und Logistikkette darstellt:

Die Prozesse zwischen Lieferant, Hersteller und Kunde sind unkoordiniert, die Kommunikation unterbrochen. Gemeinsame Entscheidungen über Unternehmensgrenzen hinweg sind damit nicht möglich. Um die Versorgung trotzdem sicher zu stellen, muss jeder Beteiligte ein eigenes Pufferlager unterhalten. Wurden Logistiksysteme eingeführt, standen die Prozesskostenoptimierung und die Reduzierung der Prozesskosten im Vordergrund.

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Sicherstellung der Versorgung und Lagerreduzierung

Heute lautet die Herausforderung: Sicherstellung der Versorgung und Lagerreduzierung. Zeitgemäße Logistiksysteme basieren deshalb auf einem intensiveren Austausch zwischen Unternehmen und Lieferanten. Die Angst, sich damit zu sehr zu öffnen und an den Lieferanten zu binden, hat einige Unternehmen bislang davon abgehalten, solche Logistiksysteme zu nutzen.

Vor allem zu Zeiten des Internet-Booms war es üblich, Lieferanten nur über den Preis auszuwählen, ohne die Produktqualität oder Verfügbarkeit zu berücksichtigen. Die Folge waren häufig Qualitätsprobleme und Produktionsausfälle, welche die Kostenersparnis oft genug wieder aufgefressen haben. Aus diesem Grund und aufgrund der Tatsache, dass kurzfristige Bestellungen bei der stark angestiegenen Menge an Bauteilen mit extrem unterschiedlichen Lieferzeiten heute kaum noch möglich sind, hat sich eine Vertrauenskultur entwickelt, in der Kunde und Lieferant eng zusammenarbeiten.

Immer mehr Unternehmen erkennen die Vorteile solcher moderner Logistiksysteme und profitieren von praktisch 100 %-iger Versorgungssicherheit. Gleichzeitig optimieren sie praktisch automatisch ihre Prozesse und senken die Prozesskosten bei höherer Prozessqualität.

Prozesskosten reduzieren durch Lieferantenfokussierung

Die Prozesskosten reduzieren sich noch weiter durch die Fokussierung der Unternehmen auf weniger Lieferanten. Denn jeder Lieferpartner hat eigene Abläufe und einen eigenen Ansprechpartner, mit dem die Bestellung, Lieferung und Rechnungsstellung zu besprechen sind. Hinzu kommt der größere Aufwand für die mehrfache Warenannahme und Einlagerung.

Somit kostet nicht nur die Auswahl des jeweils zu bevorzugenden Lieferanten Zeit, sondern auch die Kommunikation mit jedem einzelnen sowie die vielen verschiedenen Prozesse. Das heißt: Je größer der Anteil des Bedarfs ist, den ein Logistikpartner decken kann, desto weniger Lieferanten benötigt ein Unternehmen. Entsprechend sinken Zeitbedarf und Kosten.

Ein langjähriges Vertrauensverhältnis zwischen Kunde und Lieferant bzw. Distributor, das vertraglich abgesichert ist, bildet eine solide Basis für eine derart enge Bindung, von der alle Beteiligten profitieren.

Moderne Logistik erfordert elektronischen Datenaustausch

Basis aller zeitgemäßen Logistiksysteme ist ein möglichst zeitnaher, genauer, umfassender Datenaustausch, der damit nur elektronisch sein kann. Hierfür steht eine Vielzahl an IT-Systemen mit unterschiedlichen Datenformaten zur Verfügung, die ein Distributor verarbeiten können sollte. Sie bilden die Grundlage für die Beschaffungs- und Belieferungsprozesse, die bei jedem Logistiksystem praktisch gleich ablaufen:

Der Kunde sendet an einem festgelegten Wochentag seine detaillierten kurz- und langfristigen Forecasts an den Distributor. Dieser definiert aus der Wochenplanung den aktuellen Bedarf und liefert die benötigten Komponenten in der entsprechenden Stückzahl an einem ebenfalls vorab definierten Wochentag gesammelt an die Lieferadresse(n) des Kunden. Aufgrund der langfristigen Planzahlen aus der Fertigung bestellt der Distributor die voraussichtlich benötigten Artikel mit einem Vorlauf von bis zu zwölf Monaten beim Hersteller.

Wenn der Kunde nicht über eine solche langfristige Planung verfügt, kann der Distributor mit Hilfe von Prognosemodellen einen künstlichen Forecast generieren, z.B. mit Zahlen aus dem historischen Verbrauch und der Produktion der kommenden Wochen.

Backlog-Management federt längere Lieferzeiten ab

Verfügt der Logistikpartner über ein geeignetes Backlog-Management, kann er auch längere Lieferzeiten abfedern. Hierfür generiert der Distributor aus dem Forecast des Kunden Aufträge beim Hersteller in einem Zeitfenster von bis zu einem Jahr. Der Hersteller hält dann die entsprechenden Produktionskapazitäten vor.

Welche Komponenten er genau benötigt, muss der Kunde erst ca. vier bis sechs Wochen vor Lieferdatum bestimmen. Dadurch sinken auch die Transportkosten, die vor allem bei passiven Bauelementen oft einen großen Anteil an den Stückkosten ausmachen. Denn diese können dank des langen Vorlaufs per See- statt per Luftfracht verschickt werden, damit sinkt der Kostenanteil von rund zehn auf ca. ein Prozent des Bauteilepreises.

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