Aktion Elektronik hilft

Gegen Kinderarbeit und das Elektronikschrott-Verbrechen

| Redakteur: Johann Wiesböck

Bild 1: Kinderarbeit im schmutzigen Recycling-Geschäft. Indien ist einer der größten Schrottimporteure der Welt.
Bild 1: Kinderarbeit im schmutzigen Recycling-Geschäft. Indien ist einer der größten Schrottimporteure der Welt. (Bild: Kai Loeffelbein/laif)

Die MPM Environment Intelligence ist der Vorreiter für Nachhaltigkeit beim Recyceln von Elektronikschrott. Als Dienstleister bietet MPM eine saubere Alternative zum schmutzigen Geschäft mit Elektronikschrott.

Ein kleiner Junge im besten Spielplatzalter verbrennt bunte Leiterplatten, ein kleines Mädchen löst den Elektronikschrott in Fässern mit Salzsäure auf. Sie haben ein gemeinsames Ziel: Der wertvolle Rohstoff Kupfer soll von dem Epoxidharz der Kunststoffplatinen separiert werden.

Katastrophal sind die Folgen für die Kinder und die Umwelt. Solche Szenarien schockieren und sind für unsere westliche Gesellschaft kaum vorstellbar. Doch all dies passiert täglich in Afrika und Asien, damit weltweit günstige Hightech-Produkte verkauft werden können. Ein Unternehmen in einem kleinen Ort im Vorharz steuert dagegen.

Die Firma MPM Environment Intelligence aus Gittelde (Ortsteil von Bad Grund) hat es sich zur Aufgabe gemacht, gegen diese irreversiblen und unakzeptablen Umweltbelastungen bei damit einhergehenden niedrigen Recyclingquoten eine technisch ausgereifte Branchenlösung zu etablieren.

MPM trennt den Kunststoff von dem darin enthaltenen Wertmetall mit Hilfe eines innovativen Verfahrens, das weltweit einzigartig ist. Effizient und umweltschonend werden die Rohstoffe aus dem Elektronikschrott gezogen.

Und sie ist wie ein Phönix aus der Asche des untergegangenen Leiterplattenherstellers FUBA Printed Circuits hervorgegangen. Die FUBA hatte bereits 1994 mit der Entwicklung jenes Recyclingverfahrens begonnen, das die Grundlage für das Geschäftsmodell der MPM bildet. Peter Kolbe war derzeit der zuständige Abteilungsleiter des Geschäftsfeldes Recyclingtechnik und erkannte das Potential des Verfahrens.

2005 übernahm Kolbe mit Herrn Manfred Müller-Gransee und Herrn Manfred Leber die Sparte durch einen klassischen Management-Buy-Out, um daraus ein selbstständiges Unternehmen zu gründen. Dort, wo einst die Leiterplatten vom damaligen Branchenführer industriell hergestellt wurden, werden sie heute industriell in ihre Bestandteile zerlegt und mit einer Verwertungsquote von 98% recycelt.

Das Unternehmen hat sich nur auf das Recycling von Leiterplatten spezialisiert. Es ist auf seinem Gebiet ein Weltmarktführer und technologischer Vorreiter. Heute ist die MPM Environment Intelligence der Dienstleister für die Elektronikindustrie aus ganz Europa. „Wir beginnen die Verwertungskette bei den Basismaterialherstellern, betreuen die Leiterplattenproduzenten, sowie die EMS/OEM-Industrie und enden schließlich bei den zertifizierten Zerlegebetrieben für Elektroaltgeräte“, so Peter Kolbe.

Leiterplatten sind aus Kunststoff hergestellte Elektrobauteile. Das Basismaterial dieser Bauteile sind mit Epoxidharz getränkte Glasfasermatten. Dieses Epoxidharz ist ein Kunststoff von hoher Festigkeit und chemischer Beständigkeit. Leiterplatten sind eigentlich so konstruiert, dass sie nie ihre Funktion verlieren, und das macht die Wiederverwertung ihrer Bestandteile sehr aufwendig.

Eine Tonne Leiterplatten enthält 200 kg Sekundärkupfer

„Der Kupferanteil der Platinen liegt durchschnittlich bei ca. 20 Prozent", erläutert Kolbe. Früher sei es so gewesen, dass die ausgedienten Leiterplatten einfach auf Hausmülldeponien verbracht wurden. Eine Tonne dieser Träger elektronischer Bauteile enthält etwa 200 kg Sekundärkupfer. Im Vergleich dazu beträgt die Ausbeute an Primärkupfer aus Kupfererzen 0,5 bis 2%, also max. 20 kg pro Tonne.

Die MPM Environment Intelligence hat heute die Kapazität, einen großen Anteil des in der europäischen Industrie in einem Jahr anfallenden Leiterplattenschrottes zu verarbeiten und die darin enthaltenen Rohstoffe, vor allem das Kupfer, wieder dem Produktionsprozess zuzuführen.

Das sind rund 10.000 Tonnen Primärabfälle aus der Leiterplattenindustrie sowie 5.000 Tonnen Primärabfall der EMS/OEM-Industrie und 10.000 Tonnen Sekundärabfälle der zertifizierten Zerlegebetriebe, die das Unternehmen jährlich recyceln will. Damit sind 40 Mitarbeiter in drei Schichten rund um die Uhr beschäftigt. Zu Beginn, im Gründerjahr 2005, waren es neun Beschäftigte.

Peter Kolbe und seine Gesellschafter haben das ursprüngliche Verfahren inzwischen erheblich weiterentwickelt. Es ist eine große Herausforderung, die Verbundstoffe so zu zerstören, dass hinterher die einzelnen Komponenten in Reinform vorliegen und sauber voneinander getrennt werden können. In Gittelde ist es gelungen, einen wirtschaftlichen Prozess zu entwickeln, der zudem umwelttechnische Maßstäbe setzt, die ihres gleichen suchen.

So liegen alle Emissionswerte des Betriebs deutlich unter den strengen europäischen gesetzlichen Anforderungen, oft um das hundertfache. Mit diesem Verfahren ist das Gittelder Unternehmen zum Marktführer seiner Branche geworden und bedient praktisch die gesamte Leiterplattenindustrie Europas.

Im Gegensatz zu dem MPM-Prozess, der rein physikalisch funktioniert und sehr effizient aber kapitalintensiv ist, existieren die eingangs genannten Low-Cost-Verfahren, die in Afrika, Indien oder Pakistan unter katastrophalen Verhältnissen praktiziert werden.

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Etwas zum Schmunzeln: In der Druckversion des Artikels wird Clausthal an einer Stelle am...  lesen
posted am 19.12.2018 um 14:51 von Rolf Schlagenhaft


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