Essenzielle Tools für Chip-Design Folgen des US-Boykotts: China baut eigene EDA-Industrie auf

Autor / Redakteur: Henrik Bork * / Michael Eckstein

China will beim Chip-Design unabhängiger werden. Daher investieren der Staat und Unternehmen in den Aufbau eigener „Electronic Design Automation“-Firmen. Viele Gründer haben zuvor bei Synopsis, Cadence und Siemens EDA/Mentor ihre Expertise erworben.

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Raus aus der Abhängigkeit: Den Markt für EDa-Tools – also Software für die Entwicklung und die Verifikation komplexer Chips – teilen sich aktuell die drei großen Anbieter Cadence, Synopsys und Siemens EDA unter sich auf. Chinas will sich davon entkoppeln.
Raus aus der Abhängigkeit: Den Markt für EDa-Tools – also Software für die Entwicklung und die Verifikation komplexer Chips – teilen sich aktuell die drei großen Anbieter Cadence, Synopsys und Siemens EDA unter sich auf. Chinas will sich davon entkoppeln.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Bis jetzt dominieren drei ausländische Anbieter auch den chinesischen Markt für EDA-Software (Electronic Design Automation) – also Tools, die essenziell sind für die extrem komplexe Entwicklung moderner Halbleiter-ICs: Synopsis, Cadence und Siemens EDA (vormals Mentor Graphics). Damit soll nach dem Willen der chinesischen Regierung und einer Reihe chinesischer Startups eher früher als später Schluss sein.

Getrieben von einer Welle des Patriotismus und unterstützt mit Krediten aus Investment-Fonds der kommunistischen Staats- und Parteiführung in Peking schießen seit rund einem Jahr die EDA-Startups so schnell aus dem chinesischen Boden wie Bambussprossen im Frühlingsregen. Die Investoren stehen Schlange und ein Börsengang jagt den anderen.

US-Sanktionen treiben Chinas EDA-Engagement an

Eines der umtriebigsten Startups in der derzeit schnell wachsenden chinesischen EDA-Szene ist X-Epic. Es ist erst im März vergangenen Jahres von dem ehemaligen Cadence- und Synopsis-Mitarbeiter Wang Libin gegründet worden. Innerhalb weniger Monate konnte es Medienberichten zufolge schon mehr als eine Milliarde chinesische Yuan (rund 130 Millionen Euro) an Startkapital einsammeln.

Einer der Investoren in den ersten Finanzierungsrunden war Hubble Investment, eine Tochter des chinesischen Tech-Konzerns Huawei. Firmengründer Wang Libin sagt ganz offen, dass die Veränderung der politischen Rahmenbedingungen ein wesentlicher Grund war, die ihn zur Gründung seines Unternehmens bewogen haben.

Keine Chip-Entwicklung ohne EDA-Tools

Im Handelskrieg zwischen den USA und China verwehrt Washington chinesischen Tech-Konzernen wie dem Telekom-Ausrüster Huawei und seinem Tochterunternehmen, dem Chiphersteller Hisilicon, nicht nur den Kauf von modernsten Halbleitern und Komponenten in den USA. Der High-Tech-Boykott aus Washington hat auch Auswirkungen auf den chinesischen Markt für EDA-Lösungen.

Von modernster US-Design-Software abgeschnitten, sind die chinesische Regierung und eine Reihe von Startups nun wild entschlossen, die ausländischen EDA-Anbieter „auf dem heimischen Markt zu ersetzen”. Das Zauberwort, mit dem auch die chinesischen Staatsmedien seit Beginn des Handelskrieges täglich hantieren, lautet „Substitution auf dem Heimatmarkt”.

„Der zunehmende Enthusiasmus des Kapitals ist kein Zufall”, schreibt das chinesische Fachmedium Tai Meiti. „Im Mai 2019 hat das US-Wirtschaftsministerium erklärt, dass Huawei komplett vom Erwerb von Halbleiter-Komponenten und entsprechender Technologie aus den USA gebannt wird. Das hatte zur Folge, dass auch die Zusammenarbeit der drei internationalen EDA-Riesen mit Huawei beendet worden ist.”

Geldschwemme aus dem staatlichen IC Big Fund

Das Geld zur Finanzierung einer chinesischen EDA-Industrie kommt nicht nur aus den Reihen der chinesischen Halbleiter-Industrie und von Risikokapitalgebern, sondern zu großen Teilen auch direkt aus den Koffern der chinesischen Regierung. So war der staatliche „IC Big Fund“ in jüngster Zeit gleich an mehreren Finanzierungsrunden von EDA-Startups in China beteiligt.

Dieses Engagement zeigt erste konkrete Erfolge. So konnte X-Epic im November 2020 eine Lösung zur digitalen Design-Verifikation namens „EpicElf“ vorstellen. Noch ist der chinesische Markt für EDA aber sehr versprengt. Kein chinesischer Anbieter kann bisher integrierte Software-Suiten für mehrere Phasen der Chip-Entwicklung anbieten – das ist immer noch den Industriegrößen Synopsis, Cadence und Siemens EDA vorbehalten, die dafür im Laufe der vergangenen Jahre auch Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung investiert haben.

Das bedeutet: Auch für die chinesische Halbleiter-Industrie wird noch für mehrere Jahre praktisch kein Weg an den drei Industrie-Giganten vorbeiführen, sagen Marktbeobachter in Peking. „Gegenwärtig kontrollieren die drei EDA-Riesen Synopsis, Cadence und Mentor beinahe 90 Prozent des chinesischen EDA-Marktes“, schrieb etwa das chinesische Finanzmedium Zhongjintou Ende vergangenen Jahres (also noch vor der Umbenennung von Mentor in Siemens EDA).

China denkt strategisch und langfristig

Doch China denkt stets langfristig und strategisch. So greift man beim Aufbau der eigenen EDA-Unternehmen gerne auf das Knowhow der ungeliebten ausländischen „Großen Drei“ zurück. Ein gutes Beispiel ist der bisherige Werdegang des X-Epic-Gründers Wang Libin. Er hatte im Jahr 2000 bei Cadence als Software-Ingenieur angefangen, als der amerikanische Software-Anbieter seine Niederlassung im südchinesischen Shenzhen eröffnete. Später wechselte Wang zum Konkurrenten Synopsis, um dann fünf Jahre später sein eigenes Startup X-Epic zu gründen, berichtet das Fachmedium ljiwei.com.

Ausgestattet mit dem Kapital der chinesischen Regierungsfonds und strategischer Investoren wie Huawei, warb Wang dann sofort mehrere ehemalige Kollegen bei Synopsis und Cadence ab, darunter TC Lin und YT Lin, die genau wie er selbst viele Jahre Erfahrung mit EDA-Software mitbringen.

Gründung von EDA-Firmen mit dem Knowhow der „Großen“

Andere chinesische Gründer von EDA-Startups haben ebenfalls eine hervorragende Grundausbildung an den Design-Computern und in den Labors der ausländischen Firmen genossen. Gute Beispiele sind Liu Zhihong, der Chef des Startups Primarius Technologies, Dai Wenliang, Mitgründer von Xpeedic und Li Yanfeng, Gründer und CEO von PDA – alle Drei haben früher bei Cadence gearbeitet.

Die EDA-Industrie gilt international als eine Nischenbranche. Doch obwohl die EDA-Software-Anbieter global gerade einmal einige Dutzend Milliarden USD umsetzen, haben sie eine enorme „Leverage“ oder Hebelkraft über die globale Halbleiter-Industrie, die rund 500 Milliarden US-Dollar umsetzt. Das ist weder den chinesischen Startup-Gründern entgangen noch der chinesischen kommunistischen Partei, die sie nun mitfinanziert.

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den chinesischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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