Faltbare Smartphones: Das klappt noch nicht

Autor / Redakteur: Tobias Költzsch* / Sebastian Gerstl

Jahrelang haben Hersteller angestrengt an faltbaren Smartphones gearbeitet, doch ihre Mühen werden sich im kommenden Jahr kaum auszahlen. Denn seit die ersten dieser Geräte vorgestellt wurden, drängt sich die Frage auf: Ist das überhaupt eine vielversprechende Idee?

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(Bild: Huawei)

Nach zahlreichen Ankündigungen, dass es bald so weit sein würde, wurden 2019 die ersten ernstzunehmenden faltbaren Geräte vorgestellt und sind sogar in den Handel gekommen. Dass 2020 zum Falt-Jahr wird, ist aber unwahrscheinlich: Zu groß sind die technischen Herausforderungen, zu klein die Nachfrage bei den Konsumenten.

Samsung hat 2019 mit dem Galaxy Fold das erste kommerziell weitläufig erhältliche Smartphone mit faltbarem Display präsentiert. Der Start verlief allerdings mit erheblichen Problemen und einem gewissen Imageverlust. Immerhin hat Samsung es aber am Ende geschafft, sein Gerät noch vor der Konkurrenz von Huawei international anbieten zu können: Huawei verkauft sein ebenfalls verspätetes Mate X bisher nur in China.

Zum Ende des Jahres 2019 hat zudem Motorola mit der Neuauflage des Razr ein weiteres faltbares Smartphone mit interessantem Design vorgestellt. Die Clamshell-Bauweise des Razr, bei der das Gerät wie ein Klapphandy horizontal in der Mitte zusammengeklappt wird, scheint auch Samsung zu interessieren: Gerüchten zufolge arbeiten südkoreanische Hersteller an einem Gerät gleicher Bauweise.

Wie haltbar ist ein Display aus Kunststoff?

Dass 2019 noch nicht der Durchbruch für faltbare Smartphones war, liegt an mehreren Faktoren: der Haltbarkeit des Displaymaterials, dem Gerätedesign sowie dem Preis. Die ungelösten Probleme werden auch 2020 Verbraucher eher abschrecken, eines der neuen Geräte zu kaufen.

Alle Hersteller von Smartphones mit faltbarem Display haben nämlich bisher das entscheidende Problem der neuen Bildschirmtechnologie nicht lösen können: Die Panels sind aus Kunststoff, der - selbst mit einer Beschichtung - bei weitem nicht so kratzfest ist wie ein mit Glas geschütztes Display. Selbst bei den Bauformen, bei denen das Display im Innenbereich des Smartphones liegt, müssen Nutzer mit Fingernägeln, spitzen Gegenständen und verriebenem Staub vorsichtig sein.

Darunter leidet die Alltagstauglichkeit der Geräte ungemein. Aktuell ist ein Smartphone mit faltbarem Display nicht so widerstandsfähig wie ein herkömmliches Smartphone. Neben der fragilen Oberfläche ist bei manchen Modellen zudem unklar, ob Staub nicht sehr leicht in das Gehäuse eindringen kann. Samsung will das Problem mit der zweiten Version des Galaxy Fold gelöst haben, bei Motorolas Razr sehen wir die Gefahr eindringenden Schmutzes allerdings deutlich. Bei den meisten herkömmlichen Topsmartphones ist ein Schutz vor Wasser und Staub mittlerweile Standard - die faltbaren Modelle würden wir nicht einmal in die Nähe von Sand oder Staub, geschweige denn Wasser lassen.

Braucht die Welt faltbare Smartphones?

Auch die Gerätedesigns entsprechen bisher nicht immer den aktuellen Anforderungen an ein Smartphone. Das Galaxy Fold beispielsweise mussten wir im Test immer umständlich aufklappen, weil wir den kleinen Außenbildschirm im Alltag für viele Aufgaben nicht verwenden konnten oder wollten. Das Mate X von Huawei muss immer erst aus einer Tasche gezogen werden, da der empfindliche Bildschirm auf der Außenseite liegt; ohne die kleine Tasche dürfte das Gerät binnen Tagen zerkratzt sein. Lediglich das Razr scheint für uns alltagstauglich zu sein: Zusammengeklappt ist das Gerät sehr klein, aufgeklappt so groß wie ein normales Smartphone.

Angesichts von Preisen zwischen 1.500 und über 2.000 Euro dürften die bisher vorgestellten faltbaren Smartphones alles andere als Verkaufsrenner sein. Den Geräten kann man einen gewissen Reiz des Neuen natürlich nicht absprechen - entsprechend werden sich sicherlich einige sogenannte Early Adopter finden, die sich eines der Geräte zulegen werden. Für den Großteil der Nutzer sind die Geräte aber schlichtweg zu teuer, insbesondere auch angesichts der Empfindlichkeit und möglichen Anfälligkeit. Für weitaus weniger als die Hälfte des Preises für das Galaxy Fold bekommen Käufer ein herkömmliches Topsmartphone mit schnellem Prozessor und hervorragender Kamera, das weitaus widerstandsfähiger ist.

Die Absatzerwartungen seitens der Hersteller faltbarer Smartphones dürften angesichts der Preise realistisch gesehen eher gering sein. Die faltbaren Geräte sind für die Hersteller ein Prestigeobjekt und kein tatsächlicher Umsatzfaktor. Die Einnahmen, die Samsung mit dem Galaxy Fold generieren wird, dürften verglichen mit den Einnahmen aus dem Verkauf der Mittelklassegeräte der Galaxy-A-Serie kaum nennenswert sein.

Wollen die Konsumenten überhaupt falten?

Zudem ist aktuell noch überhaupt nicht abzusehen, ob es seitens der Konsumenten überhaupt einen Markt für faltbare Smartphones gibt, selbst wenn die Geräte nur ein wenig mehr als vergleichbar ausgestattete Geräte traditioneller Bauweise kosten. Ein faltbares Smartphone sieht zwar toll aus, die 2019 vorgestellten Geräte sind aber für den Alltag viel zu fragil. Außerdem empfanden wir das Geklappe besonders beim Galaxy Fold in der täglichen Nutzung viel zu umständlich. Ob Käufer ein preiswerteres, robust gebautes, traditionelles Smartphone einem teuren, sehr empfindlichen Faltsmartphone vorziehen werden, ist zumindest für uns tendenziell eher fraglich.

Für den Markt könnten Absatzerwartungen und die möglicherweise geringe Nachfrage bedeuten, dass auch 2020 nicht zum großen Jahr des faltbaren Displays werden wird. Smartphonehersteller sind Wirtschaftsunternehmen, die Geld machen müssen - ein anfälliges Produkt, das sich wenig verkauft, ist dabei eigentlich nicht von großem Interesse. Konsumenten wollen nicht 1.500 Euro und mehr für ein Gerät ausgeben, das weniger praktisch als bisherige Smartphones und zudem noch sehr viel empfindlicher ist.

2020 dürfte eher das Jahr werden, in dem die Hersteller faltbarer Smartphones weiter an technischen Verbesserungen arbeiten sollten. Primär im Fokus sollte dabei der Displayschutz stehen: Idealerweise sollte ein Smartphone mit faltbarem Display so unempfindlich sein wie eines mit herkömmlichem Glasbildschirm. Bis dahin bleibt die Klapp-Revolution wohl aus.

Originalveröffentlichung auf golem.de vom 03.01.2020

* Tobias Költzsch ist bei golem.de für den Bereich Android zuständig.

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