Suchen

Experten-Analyse Leiterplattenmarkt – China wird Technologieführer

| Autor / Redakteur: Michael Gasch / Dr. Anna-Lena Gutberlet

China entwickelt sich von der „verlängerten Werkbank“ zum Technologieführer und die USA verhängt willkürlich Strafzölle. Welche Auswirkungen haben „China 2025“, Strafzölle und Handelskriege auf die globale Leiterplattenindustrie?

Firmen zum Thema

Erklärtes Ziel Chinas ist es, nicht nur vom Westen unabhängig zu werden, sondern von der „verlängerten Werkbank“ zum Technologieführer aufzusteigen. Das soll mit dem Programm „China 2025“ verfolgt werden.
Erklärtes Ziel Chinas ist es, nicht nur vom Westen unabhängig zu werden, sondern von der „verlängerten Werkbank“ zum Technologieführer aufzusteigen. Das soll mit dem Programm „China 2025“ verfolgt werden.
(Bild: Arek Socha / Pixabay )

Nichts ist so beständig wie der Wandel. Dieser Spruch, obwohl schon über zweieinhalb Jahrtausende alt, bestätigt sich permanent aufs Neue und ganz besonders in der Leiterplattenindustrie. Im Jahr 1980 teilten Amerika, Europa und Japan 80% der Weltproduktion von Leiterplatten unter sich auf. Inzwischen sind es für diese Regionen zusammen nur noch knapp 15%. Dagegen hatte China 1980 gerade einmal einen Anteil von 2%, kam aber 2018 auf 54% – und doch ist abzusehen, dass das bisherige, fast grenzenlose Wachstum zu einem abrupten Ende kommen wird. Allerdings dürfte die dominierende Rolle Chinas auch künftig kaum in Frage gestellt werden, denn die dort etablierten Lieferketten sind in dieser Form nirgends auf der Welt zu finden.

In Europa und Amerika gingen die ehemals vorhandenen Lieferketten mit der Verlagerung der Produktion nach Asien verloren und fehlende Produktionsstätten und Fachwissen sind – wenn überhaupt – nur sehr mühsam und zeit- und kostenaufwendig wieder aufzubauen. Grund für das außerordentliche Wachstum waren die USA, und sie sind auch der Grund für den zu erwartenden Rückgang. Nach der Öffnung Chinas für westliche Investitionen übertrafen sich amerikanische Unternehmen gegenseitig mit neuen Standorten in China – doch heute ist es ein unberechenbarer Präsident, der innerhalb von nur zwei Jahren das in Jahrzehnten aufgebaute Vertrauen wieder zunichtemacht.

Weil China die Werkbank der Welt wurde, etablierten sich dort Unternehmen verschiedener Nationen mit eigenen Produktionsstätten – vorzugsweise jedoch Taiwanesen, Japaner und Koreaner. Dadurch entwickelten sich auch komplexe Technologien, die in Europa und Nordamerika nicht oder nur in China in den erforderlichen Mengen produziert werden können. Seit Jahren hat China in einigen Technologien – beispielsweise Multilayer und HDI – einen wesentlich höheren Weltmarktanteil als das Landesresultat erwarten lässt – und weitere Segmente sind „auf dem Sprung“, einen größeren Anteil zu erobern.

China auf dem Weg von der „verlängerten Werkbank“ zum Technologieführer

Während in den westlichen Wirtschaftssystemen das jeweilige Unternehmen (oder allenfalls ein Konsortium) die Entscheidungen trifft und die Finanzierung übernimmt – in Ausnahmefällen mit Beteiligung des Staates – ist es in China der Staat, der erwünschte Technologien finanziert – nur in Ausnahmefällen mit Beteiligung von Einzelunternehmen. Dieser grundsätzliche Unterschied wird im Westen nicht erkannt und führt zu falschen Rückschlüssen. Ein wesentlicher Teil des Wachstums geht auf die Fördermaßnahmen der Regierung zurück. Erklärtes Ziel ist es, nicht nur vom Westen unabhängig zu werden, sondern von der „verlängerten Werkbank“ zum Technologieführer aufzusteigen. Das sollte mit dem Programm „China 2025“ verfolgt werden, doch die USA erkannten, dass nicht nur die eigene Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch die technische Dominanz verloren gehen wird. Deswegen wurde ein Handelskrieg vom Zaun gebrochen, der nicht nur die beiden Kontrahenten, sondern inzwischen auch die Weltwirtschaft in Mitleidenschaft zieht.

Die von einigen Firmen in Angriff genommenen Verlagerungen in südostasiatische oder zentralamerikanische Länder haben jedoch den Effekt, dass wegen der dort noch fehlenden Lieferketten die Beschaffung wesentlich teurer wird. Manche der inzwischen durchgeführten Standortänderungen waren schon vor den US-Forderungen vorbereitet worden, denn steigende Lohnkosten und strengere Gesetze in China sowie ein Trend zu mehr Kundennähe machten einen solchen Schritt interessant. Für andere Produkte ist aber die Verteuerung der Waren durch Zölle günstiger als eine Verlagerung. Die US-Entscheidungen gegen China beschleunigen allerdings verschiedene Entwicklungen und verkehren die amerikanischen Intentionen ins Gegenteil:

  • Eines der Ziele der US-Administration war, das Defizit abzubauen, doch stieg es in den letzten zwei Jahren um 20%. Das 1. Halbjahr dieses Jahres zeigt weitere Steigerungen im zweistelligen Bereich.
  • Das US-Defizit verteilt sich nun auf mehrere Länder. Kürzlich Erfahrungen von Ländern wie Mexiko oder Vietnam zeigen, dass die Willkürentscheidungen, Zölle zu verhängen, auch diese Ausweichregionen unvermittelt treffen können.
  • Firmen sollten ihre Fertigung aus China zurück in die USA verlagern, aber fehlende qualifizierte Arbeitskräfte, zu hohe Löhne und eine nicht-existente Lieferkette ließen einzelne Versuche scheitern.
  • Ziel der Amerikaner ist es, Chinas Wirtschaft zu schwächen. Das wird auch kurzfristig (2 - 3 Jahre) gelingen, doch danach wird China stärker als zuvor zum Wettbewerber für amerikanische Firmen werden.
  • Statt die Chinesen in den Bereichen Technologie und Software-Entwicklung zu stoppen, werden nunmehr die für später geplanten Ziele von der Zentralregierung deutlich schneller vorangetrieben.

Das Einzige, was die US-Regierung unzweifelhaft geschafft hat, ist die Bestätigung, dass die USA ein vertragsbrüchiger und unzuverlässiger Vertragspartner sind. Parallel zu dieser von Amerika getriebenen Entwicklung verstärkt der schon länger geplante und vorbereitete „Umbau“ der chinesischen Wirtschaft die jetzt eingetretene Entwicklung. Mit der wachsenden Bedeutung Chinas als Produktionsstätte der Welt ergaben sich einige negative Faktoren: Die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte ist zurückgegangen, wodurch die Löhne und Lohnzusatzleistungen stark anstiegen. Die Bereitschaft der Zentral-, Provinz- und Kommunalpolitik Subventionen großzügig zu verteilen und gleichzeitig die Nichteinhaltung von Arbeits- und Umweltgesetzen ebenso großzügig zu ignorieren nahm ab – nicht zuletzt wegen anhaltender Proteste der ausländischen Kunden.

Härtere Gesetze in China: 30% – 50% aller Leiterplattenhersteller müssen in den nächsten Jahren schließen

Das Produktionsvolumen der Volksrepublik China in Mio. USD
Das Produktionsvolumen der Volksrepublik China in Mio. USD
(Bild: IPC / Data4PCB)

Im ersten Schritt wurden Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit kontrolliert, danach der Umweltschutz. Die Gesetze bestanden zwar schon seit Jahren, sie wurden bislang aber nur wenig beachtet. Das Ergebnis war eine ungeheure Luft- und Wasserverschmutzung. Wenn Sollwerte überschritten wurden, halfen „nützliche Abgaben“ an die lokalen Funktionäre. Das hat sich seit 2016 geändert: Die Vorschriften werden jetzt nicht nur rigoros durchgesetzt, sondern inzwischen auch verschärft. Firmen, die die neuen Grenzwerte nicht einhalten, bekommen nur eine relativ kurze Frist zur Nachbesserung (maximal zwei Monate), und wenn es dann immer noch nicht klappt, werden die Firmen nicht nur geschlossen, sondern – wie z.B. in Shenzhen dieses Jahr schon mehrfach passiert – abgerissen. 2019 kamen weitere, einschneidende Maßnahmen hinzu, das sind die „minimum requirements for the PCB industry“, die ab 1. Februar in Kraft traten:

  • Neue Produktionsstätten müssen künftig in gemeinsamen Industrieparks angesiedelt werden – das erleichtert die Kontrolle.
  • Für die Genehmigung von Produktionserweiterungen und von Krediten, müssen je nach Technologie Mindestbeträge investiert, Mindestumsätze pro Kopf und ein vorgegebener Mindestgewinn erreicht werden. Damit werden unwirtschaftliche Kapazitätserhöhungen vermieden.
  • Die durchschnittliche Auslastung pro Jahr muss mindestens 50% der Nennkapazität betragen. Damit werden überdimensionierte „Billigheimer“ ausgemerzt, denn die großen Firmen ziehen in die Provinz und bauen dort neu. Bis 2021 wird – trotz der Schließungen – 15 - 20% mehr Kapazität als bisher zur Verfügung stehen
  • China will Technologieführer werden, deshalb müssen zur Weiterentwicklung technischer Standards für Forschung & Entwicklung mindestens 3% vom Umsatz bereitgestellt werden.
  • Administrative Regeln (d. h. Einführung von einheitlichen Kalkulationsgrundlagen und Bewertungen etc.) sollen die sog. „kreative Buchführung“ verhindern, die auf Steuerersparnis zielen. Dadurch werden die Insolvenzen steigen: Nach Einschätzung der taiwanesischen Zeitschrift „Digitimes“ wird das dieses Jahr etwa 20% aller Leiterplattenhersteller betreffen.

Es gibt in China schätzungsweise 1.500 Leiterplattenhersteller, wenn man die Garagenbetriebe dazu zählt, dann sind es natürlich deutlich mehr. Aber die neuen Regeln zielen nicht nur auf Kleinstunternehmen, sondern durchaus auch auf Firmen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit aus der Nichtbeachtung von Vorschriften „finanziert“ haben. Der chinesische Verband CPCA geht aufgrund der neuen Regeln sogar von einem noch drastischeren Szenario aus: In den kommenden vier bis fünf Jahren werden mindestens 30%, wahrscheinlich sogar mehr als 50% aller Leiterplattenfirmen geschlossen werden.

Es ist davon auszugehen, dass weitere Industriezweige – z.B. EMS-Anbieter – ähnliche Auflagen bekommen. Das heißt für viele Einkäufer, dass sie sich bald auf die Suche nach neuen Lieferanten machen müssen. Und hier setzt die Möglichkeit ein, unter einer ehrlichen Gesamtkostenbetrachtung wieder europäische Zulieferer in die Lieferkette aufzunehmen.

* Michael Gasch ist Marktexperte für Leiterplatten bei Data4PCB in Schramberg, info@data4PCB.com

(ID:46178445)

Über den Autor