Bauelemente-Distribution Exklusiv-Interview mit Digi-Key-CEO: Technologie zum Anwender bringen

Autor / Redakteur: Martina Hafner* / Johann Wiesböck

Digi-Key-CEO Dave Doherty gibt exklusive Einblicke in das Business eines modernen Distributors. Er erklärt, warum Firmenkultur erfolgsentscheidend ist und wieso ihm Amazon keine Kopfschmerzen bereitet.

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Dave Doherty: Der CEO sieht Digi-Key als wichtigen Brückenbauer zwischen Technologieanbietern und den kreativen Anwendern.
Dave Doherty: Der CEO sieht Digi-Key als wichtigen Brückenbauer zwischen Technologieanbietern und den kreativen Anwendern.
(Bild: Digi-Key)

Auch wenn Digi-Key von der weltweiten Knappheit elektronischer Komponenten während der Pandemie nicht gänzlich unberührt blieb, schlug sich der Elektronik-Distributor dennoch gut. Im ersten Quartal erreichte Digi-Key seinen bisher höchsten Umsatz von 267 Mio. USD in Europa und ist auf dem Weg, bis Jahresende eine Mrd. USD Umsatz zu machen. Die Kunden können augenblicklich etwa 11,8 Mio. Produkte von 1.700 Anbietern beziehen – von denen 2,6 Mio. auf Lager sind. Vor kurzem startete Digi-Key in den USA auch einen virtuellen Marktplatz, der 2021 nach Europa kommen wird. Wir sprachen mit Digi-Key CEO Dave Doherty. Er ist Nachfolger des ersten Präsidenten Mark Larson und seit 2015 für die Unternehmensstrategie verantwortlich.

Dave, Sie wuchsen in Boston auf, einer der riesigen Großstadtregionen der USA, berühmt für seine Universitäten Harvard und MIT. Was gefällt Ihnen an Ihrem heutigen Leben in einem Dorf mit 8.884 Seelen?

Ich liebe Boston, vor allem, weil ich ein großer Sportfan bin. Aber an der Ost- und der Westküste ist das Leben sehr schnell. Meist nimmt man sich nicht die Zeit, die Menschen kennenzulernen. Als wir 2008 nach Thief River Falls zogen, waren meine Frau und ich zuerst nervös, auf einmal an einem Ort zu leben, der so fernab liegt und im Winter ziemlich kalt sein kann. Es stellte sich jedoch heraus, dass es das Beste war, was uns und unseren Kindern passieren konnte. Sie lernten all die Eigenschaften und Werte, die unserer Meinung nach für sie als Erwachsene besonders wichtig sein werden, wenn sie mal das Nest endgültig verlassen.

Ehe Sie 2008 zu Digi-Key kamen, waren Sie ein erfolgreicher Geschäftsmann in Denver. Den Job zu wechseln und dafür 1.166 km nach Minnesota zu ziehen, war ein großer Schritt. Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Bevor ich zu Digi-Key wechselte, arbeitete ich 13 Jahre lang für einen großen börsennotierten Distributor. Damals fand ich es faszinierend, dass es da diese Firma gab, auf die uns ständig Lieferanten und Kunden ansprachen: Wieso könnt ihr nicht mehr wie Digi-Key sein? Warum habt ihr nicht mehr Waren auf Lager? Weshalb kann ich nicht anrufen und ein Elektroingenieur hebt ab, um meine Fragen zu beantworten? Für euch bin ich zu klein, um einen technischen Support vorbeizuschicken ... Und ich weiß noch, wie ich eines Abends zu meiner Frau meinte, ich käme mir wie in einem Debattierclub vor, wo ich gute Gründe finden muss, um Lieferanten und Kunden von unserer Firma zu überzeugen. Und ich habe zu ihr gesagt, dass es mich faszinieren würde, auch mal die andere Seite zu vertreten und zu erklären, warum man mit einer Firma wie Digi-Key ins Geschäft kommen sollte.

Ich fand es schon damals spannend und tue es heute noch, dass ein Student, der ein paar wenige Teile kauft, und ein leitender Ingenieur eines riesigen OEM-Unternehmens völlig gleich behandelt werden. Bei Digi-Key zählt nicht, wie groß man ist. Es ist uns ausschließlich wichtig, wie gut wir dem Kunden zu Diensten sein können.

Wann haben Sie erstmals die besondere Firmenkultur bemerkt, als Sie bei Digi-Key anfingen? Wie würden Sie diese beschreiben?

Als ich als Vizepräsident zu Digi-Key kam, wollte man wissen: Wer ist dieser neue Mann, der von außerhalb kommt? In meiner ersten Woche saß ich in einem großen Meeting und ich sollte von mir erzählen. Wie es für meine Bostoner Prägung typisch ist, begann ich mit einer Zusammenfassung meiner beruflichen Meilensteine: Ich habe für die und die Firma gearbeitet, dann machte ich das und das ... Aber man unterbrach mich sofort. Halt, nein, sagten sie, wir wollen wissen, ob du zum Beispiel verheiratet bist. Ob du Kinder hast. Und sie wollten alle möglichen Dinge über mich persönlich erfahren. Wie ich ticke. Und ich denke, das ist exemplarisch. Wir wollen dich erst mal kennenlernen, denn nur, wenn wir wissen, wer du bist, können wir dir auch vertrauen. Bist du ehrlich? Bist du integer? Arbeitest du hart?

Ehrlichkeit, Integrität – tragen diese Werte zum Erfolg von Digi-Key bei?

Menschen sind privat im Grunde nicht anders als beruflich. Bei Digi-Key arbeiten wir alle auf jeder Ebene des Unternehmens gemeinsam, um die täglichen Herausforderungen zu meistern, ganz gleich, wie diese aussehen. Alle tun sich zusammen, selbst unsere Firmeninhaber scheuen nicht davor zurück, auch mal ins Lager zu gehen und Teile zu picken, wenn es nötig ist. Man muss bereit sein, die Ärmel hochzukrempeln, als gutes Beispiel voranzugehen und das zu machen, was es braucht.

Digi-Key hat eine Kultur, die lautet: Wir sind alle wichtig. Vor zwei Jahren hatte es einmal –58 Cº und ein eiskalter Wind wehte. Unsere letzte Schicht endete um 22 Uhr und wir hatten 300 Autos, die nicht ansprangen. Die Wartungsleute blieben alle bis 1.30 Uhr und taten alles, was nötig war, um sicherzustellen, dass jedes Fahrzeug lief und alle heil nach Hause kamen.

Als Sie 2015 Mark Larson ablösten, mussten Sie die Umstellung von einer Gründer- auf eine Managementkultur schaffen, was eine Firma meist komplett auf den Kopf stellt. War das eine Ihrer größten Herausforderungen?

Wir mussten den Wandel von einem Mann, der alles über diese Firma wusste, zum Modell 'Geteilte Führung' vollziehen. Als Mark vor etwa 50 Jahren mit einer Hand voll Angestellten und minimalem Umsatz begann, kannte er die Firma wie seine Westentasche. Alle Entscheidungen traf er allein. Mark war ein Visionär und viele Unternehmen haben das Glück, mit so jemandem an der Spitze zu starten. Als ich dazukam, machten wir 900 Mio. Umsatz. Wir hatten etwa ein Drittel der Leute, die wir jetzt haben.

Ich erklärte von Anfang an, dass ich nicht der nächste Mark sein werde. Die Firma ist dafür sowieso zu groß geworden, zu komplex. Deshalb mussten wir mehr in die Entwicklung unserer Angestellten stecken, damit hier alle ein Gefühl von Eigentum und Verantwortung für den Erfolg der Firma haben. Digi-Key funktioniert wie ein Netz, wo jede Führungskraft weiß, dass sie ausschlaggebend für den Erfolg des Unternehmens ist. Gleichzeitig kann aber keine einzelne Person zu einer Schwachstelle der Firma werden.

Noch immer beliefern Sie die ganze Welt von einer Kleinstadt im Norden der USA aus. Selbst für Amerikaner scheint Thief River Falls mitten im Nirgendwo zu liegen.

Das neue Distributionszentrum von Digi-Key mitten in Thief River Falls: Die 204.000 Quadratmeter große Anlage nimmt Mitte 2021 den Betrieb auf.
Das neue Distributionszentrum von Digi-Key mitten in Thief River Falls: Die 204.000 Quadratmeter große Anlage nimmt Mitte 2021 den Betrieb auf.
(Bild: Digi-Key)

Wir sind ganz und gar vom One-Warehouse-Modell überzeugt. Es liefert eine betriebswirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die letztendlich dem Kunden zugutekommt. Zufälligerweise liegt unser Lager in den USA. Aber es könnte sich auch irgendwo anders befinden. Ausschlaggebend ist: Es ist für den Long Tail nötig. Unsere Kunden lassen uns wissen, dass sie es vor allem schätzen, wie breit unsere Produktpalette ist. Wir haben einen hohen Lagerbestand und wären nicht in der Lage, die vielen Teile in verschiedenen Distributionscentern zu lagern.

Wir verschicken noch am selben Tag innerhalb der USA und liefern nach Europa oder Asien innerhalb von zwei, drei Tagen, wenn es weiter weg ist. Unsere Kunden finden das in Ordnung. Sie sagen, sie würden sonst nie so viele Produkte aus einer Hand bekommen. Andere Distributoren haben vielleicht die gängigsten Komponenten in der Nähe auf Lager. Aber das ist eine andere Value Proposition als unsere: deutlich mehr Produkte für den sofortigen Versand vorrätig zu halten und das alles aus einer Hand.

Welche Herausforderungen stellt das One-Warehouse-Konzept im Vergleich zu Distributoren mit anderen Logistikkonzepten dar?

Alle Firmen müssen sich Herausforderungen stellen. Die jeweilige Kultur wird dadurch geprägt, wie man auf diese Herausforderungen reagiert. Viele Unternehmen sehen heutzutage ihre Herausforderung darin, Kosten senken zu müssen. Sie prüfen alle Geschäftsprozesse auf der Suche nach Sparpotenzial. Um ihre Ausgaben zu reduzieren, reduzieren sie ihren Service. Und dann müssen sie ihre Ausgaben noch ein bisschen mehr reduzieren, weil sie ihren Service reduziert haben, und so verfangen sie sich in einer Abwärtsspirale. Wir haben bei Digi-Key immer vorrangig die Frage im Blick, wie man Möglichkeiten des Wachstums findet.

Eine unserer Herausforderungen besteht darin, in einer sehr ländlichen Gegend mit einer begrenzten Anzahl von Arbeitskräften zu wachsen. Und wie kann man diese Arbeitskräfte coachen? Wie kann man sie weiterentwickeln? Für mich stellt das eine viel spannendere Herausforderung dar als die Frage, wie man Kosten minimieren kann. Denn das würde mich dazu zwingen, z. B. drei ausgezeichneten Mitarbeitern mitteilen zu müssen, dass wir sie leider entlassen müssen, weil wir unsere Kosten senken. Die Restrukturierung oder das Wachstum von Unternehmen zu gestalten birgt beides Herausforderung. Uns zeichnet eindeutig Letzteres aus. Und es ist für mich viel spannender, mich den Herausforderungen durch stetes Wachstum zu stellen.

Welche Auswirkungen hat die allgemeine Tendenz zu immer mehr Automatisierung auf Ihre Mitarbeiter?

Wir haben wunderbare Leute. Aber wir müssen sie mit den allerbesten Tools, effizienten Arbeitsprozessen und Automatisierungen unterstützen. Deshalb haben wir eine schlanke Six-Sigma-Methode eingeführt, die auf einer gemeinschaftlichen Teamanstrengung zur Leistungssteigerung basiert, durch die systematische Eliminierung von Verschwendung und die Reduzierung von Varianten. Viele glauben, dass die Einführung von Automatisierungsprozessen stets Personalabbau mit sich bringt. Wir haben jedoch mehr Mitarbeiter eingestellt. Aber man muss anders mit den Mitarbeitern umgehen, die bereits seit 30 oder 40 Jahren dabei sind.

Wir haben angefangen, nicht nur ihre manuelle Arbeit, sondern auch ihre Erfahrung und ihre Ideen mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Sie sind diejenigen, die wissen, wie wir uns als Firma verbessern können, und dafür liefern wir die Mittel. Man muss das Wissen von erfahrenen Mitarbeitern mit Automatisierung kombinieren. Monotone Arbeit wird verringert und stattdessen nutzt man diese Ideen in strategischen Bereichen.

Digi-Key war der erste Distributor im Netz. Wie soll die digitale Reise weitergehen?

Grundsätzlich ist es unser Ziel, eine digitale Firma zu sein. Wir setzen unsere Digitalisierung fort und investieren sehr offensiv in Technologien, die diese Reise voranbringen. Der einzige Weg, wie man ständig wachsen kann, ist, seinen Kunden zuzuhören. Jeden Tag bekommen wir von unseren Webseiten klare Hinweise. Jeder Besuch auf unserer Webseite ist eine Gelegenheit, zu erkennen, in welche Richtung unsere Kunden tendieren. Es ist keine geringe Investition, für uns aber wesentlich, weil wir nur sehr beschränkt direkt mit Kunden in Kontakt kommen. Wir wollen dabei ihre Privatsphäre respektieren und schützen. Big Data macht dies möglich, indem Daten aggregiert werden. Trotzdem muss man sehr aufpassen, das Vertrauen der Kunden nicht zu verlieren, wenn man einige ihrer Informationen nutzt, um ihnen dadurch bessere Services anbieten zu können. Wir hören genau hin und reagieren sehr schnell, sobald wir Signale sehen. Das Gleiche gilt für unsere Lieferanten.

Wie haben sich die Bedürfnisse der Elektroingenieure in den letzten Jahren geändert?

Was sich für unseren Kunden nicht geändert hat, ist, dass das Time-to-Market immer kürzer und kürzer wird. Sie erzählen uns: Ich bin früher zu Digi-Key gekommen, um Bauteile zu kaufen. Jetzt komme ich, um Lösungen zu finden. Wenn ich hochintegrierte Komponenten oder ein Starter Kit nutzen kann, in das ein Navigationssystem oder IoT integriert ist, dann gibt es bereits Konnektivität und Rechenleistung sowie Sensoren. All das will der Kunde auf einer Platine, weil die Lebensdauer vielleicht nur neun Monate beträgt, ehe das nächste Produkt auf den Markt kommt.

Was sich auch nicht geändert hat: Wir werden für unsere technischen Ressourcen und den hohen Service Level geschätzt. Unsere Kunden sagen uns, dass sie die Webseite von Digi-Key aufsuchen, um erst einmal zu sehen, ob wir etwas Bestimmtes auf Lager haben. Das zeigt mir, dass man uns in puncto neue Technologien vertraut, dass wir wissen, was wirklich verfügbar ist und was Vaporware. Es gibt unglaublich viele Produkte auf dem Markt. Wir entscheiden sehr offensiv, welche für unsere Kunden interessant sein könnten. Wenn wir diese Produkte im Angebot haben, dann wissen die Kunden, dass sie diese auch guten Gewissens kaufen können. Wenn sie bei Digi-Key gelistet sind, dann sind sie wirklich verfügbar. Die Vorstellung, dass man uns als Sounding Board benutzt, freut uns. Wenn Kunden uns vertrauen, dann ist das ein gutes Zeichen und wir tun alles, um dieses Vertrauen jeden Tag aufs Neue zu verdienen.

„Enabling the world's ideas“ ist Ihr Brand-Versprechen an Ingenieure. Wofür steht es?

Wenn ein Ingenieur mitten in der Nacht mit einer brillanten Idee aufwacht und gleich am nächsten Tag anfangen will, diese in die Tat umzusetzen, sind wir diejenigen, zu denen er als Erstes kommt. Wir helfen, indem wir die elektronischen Komponenten und die Technologie liefern, um all diese wunderbaren Produkte zu bauen. Wir sind nicht die Entwickler, aber unsere Rolle ist es, diese bestmöglich zu unterstützen und gemeinsam mit unseren Partnern die nötige Technologie zu liefern. Diese bescheidene Rolle, im Hintergrund Innovationen zu ermöglichen, erfüllt uns mit Stolz. Insgesamt betrachtet kennen nur sehr wenige Menschen die Marke Digi-Key. Aber bisher ist mir noch kein Elektroingenieur über den Weg gelaufen, der Digi-Key nicht kannte.

Digitale Unternehmen wie Amazon erweitern im Laufe der Zeit ihre Geschäftsmodelle. Wird auch das Geschäftsmodell von Digi-Key in Zukunft anders aussehen?

Ich denke, man muss solchen Veränderungen offen gegenüberstehen, weil Firmen nie völlig sturmfest sind. Momentan fühlen wir uns in unserer Rolle wohl, als Brückenbauer zu fungieren, zwischen Unternehmen, die ausgezeichnete Technologien einer Gruppe von Menschen zur Verfügung stellen, welche diese auf fantastische Weise zu nutzen versteht. Die beiden Gruppen brauchen diese Brücke zwischen sich. Einige Firmen sind Handelsmarken, weshalb sie dem Kunden gegenüber wie Hersteller auftreten wollen. Uns macht es nicht aus, dass wir vielleicht keine bekannte Marke sind. Man kennt Brands wie TI, Intel, Siemens oder Apple. Aber die wenigsten kennen die Brücken dazwischen. Ich denke, wir werden uns nach Möglichkeiten umsehen, in Zukunft zu einer noch wertvolleren Brücke zu werden.

Sie bringen 2021 einen virtuellen Marktplatz nach Europa. Ist das ein erster Schritt?

Blick ins Innere des neuen Logistikzentrums: Das mehrstöckige Paket- und Versandzentrum (PDC) wird für das geplante Wachstum dringend benötigt.
Blick ins Innere des neuen Logistikzentrums: Das mehrstöckige Paket- und Versandzentrum (PDC) wird für das geplante Wachstum dringend benötigt.
(Bild: Digi-Key)

Momentan haben wir 2,6 Mio. Komponenten auf unserer Webseite. Aber wir können auch über dieses reale Warehouse hinaus expandieren. Wir haben Produkte, bei denen es keinen Sinn macht, sie in USA auf Lager zu halten. Wenn etwas aus Deutschland kommt und von einem Kunden in Deutschland bestellt wird, warum sollte man es dann nicht direkt liefern? Deshalb haben wir den virtuellen Marktplatz ins Leben gerufen. Er entwickelt sich schnell. In den ersten sechs Monaten konnten wir fast 300 Lieferanten hinzufügen.

Big Data liefert wertvollen Kunden-Input. Werden OEMs künftig versuchen, diese digitalen Touchpoints selbst zu kontrollieren?

Darauf wird bestimmt verstärkt das Augenmerk gerichtet werden. Uns dient als Sicherheit, dass wir keinen einzelnen Kunden haben, der einen Großteil von Digi-Keys Geschäft ausmacht. Wir haben bekannte große Firmen als Kunden, z. B. in Deutschland, aber sie kaufen in kleinen oder mittleren Mengen. Wir gehören nicht zu den obersten zehn Lieferanten und wollen das auch gar nicht. Wir sind uns sicher, dass unsere Partner uns als Brücke brauchen, weil sie 600.000 Kunden schlichtweg nicht kosteneffektiv allein erreichen können. Das können wir. Und selbst wenn sie es könnten, wollen die Kunden einen Ort haben, wo sie die Technologien erst mal vergleichen.

Digi-Key ist ein nicht börsennotiertes Unternehmen. Wie unterscheidet Sie das von Ihren Konkurrenten?

Ich denke, der größte Unterschied ist, dass wir kundenorientiert und nicht aktionärsorientiert sind. Wir sind die einzige echte Privatfirma in unserer Branche. Einige haben außerbörsliche Unternehmensbeteiligungen, aber das bedeutet auch, dass es Aktionäre gibt, die einen Umsatz erwarten. Ich habe viele Jahre für börsennotierte Firmen gearbeitet. Wenn man in meiner Position nicht aktionärsorientiert ist, überlebt man nicht lange. Wir haben einen Inhaber, den Gründer dieser Firma. Wir wissen, dass wir gewinnbringend sein müssen, um weiter wachsen zu können. Aber die Vision unseres Gründers war immer die einer qualitativ hochwertigen Firma, die den Kunden im Blick hat und weniger den Profit oder das schnelle Wachstum. Fast der ganze Gewinn fließt in den Erwerb neuer Produkte, um so in die Zukunft zu investieren.

Ist es während der Pandemie von Vorteil oder von Nachteil, eine Privatfirma zu leiten?

Mitarbeiter im PDC: Bisher kommt Digi-Key gut durch die Corona-Krise.
Mitarbeiter im PDC: Bisher kommt Digi-Key gut durch die Corona-Krise.
(Bild: Digi-Key)

Seit Beginn der Pandemie haben wir mehr als eine Milliarde Dollar an Inventar hinzugefügt. Selbst im Mai 2020, als der Börsenmarkt ein echtes Tief erreichte, waren wir damit beschäftigt, neue Komponenten ausfindig zu machen und in unseren Lagerbestand zu investieren. Die meisten Firmen müssen auf die Hochs und Tiefs der Börse reagieren. Uns sind diese Kreisläufe fast egal. Wir wissen, dass es Jahre geben wird, in denen wir weniger Gewinn machen als in anderen, aber darüber zerbrechen wir uns nicht ständig den Kopf. Der Lagerbestand wird dabei zum ausschlaggebenden Faktor. In börsennotierten Firmen betrachtet man ihn als Bürde. Wir hingegen sehen ihn als wichtigen Vermögenswert.

Was macht für Sie den entscheidenden kulturellen Unterschied zwischen einer börsennotierten und einer nicht börsennotierten Firma aus?

Wenn Sie die Leute in Thief River Falls fragen würden, könnten Sie feststellen, dass alle in ihrem tiefsten Herzen glauben, einen Teil von Digi-Key zu besitzen. So etwas gibt es in anderen Firmen nicht mehr. Firmen können schlecht sein oder die Mitarbeiter sind weniger loyal – jedenfalls erwartet niemand, jahrzehntelang im gleichen Unternehmen zu bleiben. Bei uns ist das anders. Wir stellen an uns den Anspruch, den Menschen hier echte Chancen zu bieten. Im Gegenzug engagieren sie sich mit ihrer ganzen Energie und ihren Ideen für dieses Unternehmen. Nie zuvor habe ich an einem Ort gearbeitet, wo dich so viele Menschen mit einem Lächeln begrüßen, wenn du vorbeigehst.

Welche Trends könnten im kommenden Jahrzehnt den Markt der Distributoren stören?

Es ist schwer, zehn oder 15 Jahre in die Zukunft zu schauen. Aber wenn wir weiterhin so innovativ bleiben und neue Wege finden, sehe ich einen klaren Horizont vor uns liegen. Ich glaube nicht, dass wir verschwinden werden, auch nicht durch Bedrohungen wie Amazon. Die großen Distributoren transportieren eine Kiste von einem Ort zum nächsten. Wir hingegen öffnen diese Kiste. Wir werten sie auf. Unser Service, kleine und mittelgroße Mengen zu versenden, wird meiner Meinung nach weiterhin gefragt sein, denn Ingenieure werden weiterhin erfinden.

Selbst wenn einige Anbieter durch Übernahmen größer werden, wird es weitere Spin-Offs und Neugründungen geben, denn irgendein brillanter Ingenieur eines Komponentenherstellers wird beschließen, mal was anderes zu versuchen. Große Firmen sind berüchtigt langsam, was immer zum Vorteil von kleineren Firmen sein wird. Und man wird Brücken wie Digi-Key brauchen, um all diese kleinen Firmen mit ihren Kunden in Verbindung zu bringen.

Stellen wir uns 2031 vor. Sie gehen in Ihr Büro. Was für eine Art Firma wird Digi-Key sein?

Dave Doherty: Der CEO im Digi-Key-Logistikzentrum mit Hubwagen und vielen Paketen für Kunden.
Dave Doherty: Der CEO im Digi-Key-Logistikzentrum mit Hubwagen und vielen Paketen für Kunden.
(Bild: Digi-Key)

Ich glaube, Digi-Key wird weltweit wesentlich bekannter sein. Auch wenn unsere kulturellen Wurzeln weiterhin für Digi-Key wichtig bleiben werden, so werden unsere Kultur und unser Unternehmen sich für alle Kunden weltweit normal und vertraut anfühlen. Sie werden unsere Webseite sofort erkennen, auch wenn sie weiterhin keine Ahnung haben, wo wir unseren Hauptsitz haben. Wir betrachten uns nicht als amerikanische Firma, die Geschäfte in Deutschland, England oder Japan abwickelt, sondern als globales Unternehmen, das von Thief River Falls aus verschickt.

Wir wollen sicherstellen, dass das Internet durch lokale Sprache, Unterstützung etc. weltweit neutralisierend wirkt. Wir versenden bereits jetzt in mehr als 170 Länder. Aber momentan merkt man noch, dass man mit einer Firma außerhalb des eigenen Landes zu tun hat, weil es noch immer Zölle, Mehrwertsteuer, andere Zahlungsbedingungen und Übersetzungen gibt. All das wird verschwunden sein, und es wird eine echte globale Wirtschaft geben.

Und Ihre persönliche Vision für Digi-Key?

Ich möchte, dass man uns weiterhin als Disruptor sieht. Das ist nicht einfach. Je größer man wird, desto mehr hat man das Gefühl sich Sorgen zu machen, dass man nicht selbst Opfer von Disruption wird. Aber die einzige Möglichkeit, uns zu bewahren, ist weiterhin als Innovator zu fungieren. Wesentlich ist, dass wir immer weiter fortschreiten. Wir wollen führen, nicht folgen.

Zu Beginn unseres Interviews sprachen wir über Werte. Haben Sie Vorbilder?

Viele frühere Leader. Mark, unser Firmengründer, steht ganz oben auf dieser Liste. In meiner früheren Firma gab es auch einen Mann, an dem mich besonders beeindruckt hat, dass er seine Familie nicht seiner Karriere geopfert hat. Viele in den USA landen letztendlich in Silicon Valley, sie wollen Geld verdienen und sind schon zum dritten Mal verheiratet. Aber dieser Mann war anders.

Infografik: Das passiert bei Digi-Key in einer Stunde.
Infografik: Das passiert bei Digi-Key in einer Stunde.
(Bild: Digi-Key)

Ich erinnere mich, wie wir mal zusammen zu Mittag aßen, und währenddessen riefen ihn alle seine drei Söhne an, um sich kurz bei ihm zu melden. Ich dachte mir: Was für ein wunderbares Vorbild – ein erfolgreicher Geschäftsmann, aber auch ein erfolgreicher Vater und ein erfolgreicher Ehemann. Es war mir immer wichtig, diese Balance hinzubekommen. Das sind die Werte, an denen ich mich orientieren will und es sind auch die Werte, die sich in unserer Firma widerspiegeln sollen.

Dave, wir danken Ihnen für das Gespräch und die Einblicke in die Welt von Digi-Key.

* Martina Hafner ist Fachjournalistin für Elektronik und Cyber Security sowie Expertin für Kommunikation.

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