EuroHPC: EU investiert eine Milliarde Euro in neue Supercomputer

| Autor: Michael Eckstein

Pole-Position im Blick: 1 Mrd. Euro wird die EU in den Auf- und Ausbau einer leistungsfähigen Hochleistungs-Recheninfrastruktur investieren.
Pole-Position im Blick: 1 Mrd. Euro wird die EU in den Auf- und Ausbau einer leistungsfähigen Hochleistungs-Recheninfrastruktur investieren. (Bild: gemeinfrei / CC0)

Neue Supercomputer sollen helfen, Krankheiten zu besiegen, sichere Verschlüsselungstechniken zu entwickeln – und mehr. Insgesamt investiert die EU eine Milliarde Euro in EuroHPC und die benötigte Hochleistungsinfrastruktur, weitere 2,7 Mrd. Euro stehen in Aussicht. 25 Länder bündeln dazu ihre Ressourcen.

Supercomputer sind die Speerspitze heutiger Hochleistungsrechner. Sie können riesige Datenmengen verarbeiten und extrem komplexe Simulationen durchführen. Dadurch helfen sie schon heute, beispielsweise Krankheiten besser zu verstehen und bessere Behandlungsmethoden zu entwickeln. Auch in weiteren Bereichen leisten sie gute Dienste, etwa bei den erneuerbaren Energien, bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz sowie beim Verbessern der Fahrzeugsicherheit und der Cybersicherheit.

Top-Technologie ist teuer

Die Kehrseite der Medaille: Top-Technologie ist teuer. Trotzdem: Damit die EU im internationalen Wettbewerb bestehen kann und auch die Kontrolle über ihre Rechenzentren behält, will die Europäische Kommission insgesamt 1 Mrd. Euro für den Aufbau von vier Supercomputern „von Weltrang“ und der darüber hinaus benötigte Hochleistungsinfrastruktur investieren. Das „Europäische High Performance Computing“, kurz EuroHPC, soll zu den schnellsten Rechenlösungen weltweit gehören. Zwei der neuen Hochleistungsrechner sollen gar zu den fünf schnellsten Supercomputern weltweit zählen.

Der Ministerrat als Kontrollinstanz hat die Pläne der Kommission bereits gebilligt und eine Verordnung zur Gründung des Gemeinsamen Unternehmens für europäisches Hochleistungsrechnen (EuroHPC) erlassen. Diese neue Rechts- und Finanzierungsstruktur soll die Ressourcen aus 25 europäischen Ländern bündeln. „Zweck ist der Aufbau von Hochleistungsrechen- und Dateninfrastrukturen sowie die Unterstützung der diesbezüglichen Forschung und Innovation unter Einbeziehung der Wissenschaftler, der Unternehmen und der Branche“, erläutert die Kommission in ihrer Mitteilung. Durch diese Struktur sollen öffentliche und private Anwender in Europa einen besseren Zugang zu Hochleistungsrechnern erhalten, was für die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit und Innovation unerlässlich sei.

„Die EU kann es sich nicht leisten, hier zurückzufallen“

„Daten sind der Rohstoff unserer digitalen Wirtschaft“, erklärt Andrus Ansip, der für den digitalen Binnenmarkt zuständige Vizepräsident der Kommission. „Wir brauchen Supercomputer, um diese Daten zu verarbeiten, um künstliche Intelligenz zu entwickeln und um Lösungen für komplexe Fragen in Bereichen wie Gesundheit und Sicherheit zu finden.“ Die meisten Forscher und Unternehmen müssten sich heute High-Performance-Computer außerhalb Europas beschaffen. Die EU könne es sich nicht leisten, hier zurückzufallen. „Mit dem EuroHPC werden wir in der Lage sein, zu Hause von der Innovation zu profitieren.“

Die für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft zuständige Kommissarin Mariya Gabriel ist sicher: „Von dem gemeinsamen Unternehmen EuroHPC werden durch die Vergabe öffentlicher Aufträge Impulse für die Entwicklung einer wettbewerbsfähigen Hochleistungsrechen- und Datenversorgungskette in Europa ausgehen.“ Mithilfe seiner Kompetenzzentren werde es den Hochschulen, der Industrie, kleinen und mittleren Unternehmen sowie öffentlichen Stellen in Europa zur Seite stehen und ihnen Zugang zu einer breiten Palette von Ressourcen, Dienstleistungen und Instrumenten verschaffen. Ziel sei es, ihre digitale Kompetenzen und die Innovation zu fördern.

Startschuss für EuroHPC fällt im November 2018

Das gemeinsame Unternehmen EuroHPC wird im November 2018 gegründet und soll bis Ende 2026 tätig sein. Die Zusammenarbeit im Rahmen dieses Unternehmens ist nach Ansicht der EU-Vertreter von entscheidender Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit und Unabhängigkeit der EU in der Datenwirtschaft. Derzeit verbrauche die EU-Industrie mehr als 33% der weltweiten Rechenleistung von Supercomputern, biete selbst aber nur 5% davon an.

Von den Mitteln in Höhe von insgesamt 1 Mrd. Euro, die EuroHPC zur Verfügung stehen werden, soll die Hälfte aus dem EU-Haushalt und die andere Hälfte aus den teilnehmenden EU-Mitgliedstaaten kommen. Private Partner sollen zusätzliche Mittel in Höhe von über 400 Mio. EUR beisteuern. Die Aktivitäten werden sich voraussichtlich auf zwei Bereiche konzentrieren:

Eine europaweite Hochleistungsrecheninfrastruktur: Anschaffung und Einrichtung von zwei Supercomputern in der EU, die zu den fünf führenden der Welt zählen, sowie von mindestens zwei weiteren Supercomputern, die heute zu den 25 besten der Welt gehören. Diese Anlagen werden mit bestehenden nationalen Hochleistungsrechnern vernetzt und öffentlichen wie privaten Nutzern in ganz Europa zur Verfügung gestellt. Sie sollen in mehr als 800 wissenschaftlichen und industriellen Anwendungsfeldern eingesetzt werden können.

Forschung und Innovation: Förderung der Entwicklung eines europäischen Ökosystems für das Hochleistungsrechnen, Förderung einer Technologieversorgungsbranche und Bereitstellung von Hochleistungsrechenkapazitäten für eine große Zahl öffentlicher und privater Nutzer in vielen Anwendungsbereichen, auch für kleine und mittlere Unternehmen.

Bislang haben die folgenden europäischen Länder ihre Beteiligung an dem gemeinsamen Unternehmen zugesagt: Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik und Ungarn.

Was sind die nächsten Schritte?

Das gemeinsame Unternehmen wird in den kommenden Wochen seine Arbeit aufnehmen. Vorher muss noch ein Vorstand und ein wissenschaftlich-technischer Beirat ernannt werden, der aus Vertretern der Kommission, der europäischen Länder und der privaten Partner besteht.

Die Kommission denkt zudem bereits weiter: Im Rahmen des im Mai 2018 vorgelegten Programms „Digitales Europa 2021–2027“ zur Stärkung des Hochleistungsrechnens und der Datenverarbeitung in Europa hat sie vorgeschlagen, langfristig 2,7 Mrd. EUR in das gemeinsame Unternehmen zu investieren. Mit diesen zusätzlichen Mitteln soll sichergestellt werden, dass Hochleistungsrechner von Weltrang zur Verfügung stehen und sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor, auch von kleinen und mittleren Unternehmen, breiter genutzt werden können.

Schon heute profitieren auch Bürger vom High-Performance-Computing

Die europäische Kommission verweist darauf, wie bereits heute ihre Bürger in ihrem Lebensalltag die Vorteile vieler Hochleistungsrechenanwendungen in Anspruch nehmen würden. So beruht beispielsweise das Entwickeln neuer medizinischer Behandlungsmethoden in hohem Maße auf Supercomputer-Simulationen, die helfen, das Wesen von Krebs, Herzerkrankungen und Alzheimer sowie seltene genetische Störungen besser zu verstehen.

Im Bereich der Cybersicherheit und Verteidigung werden Hochleistungsrechner eingesetzt, um effiziente Verschlüsselungstechniken zu entwickeln, und um – in Verbindung mit künstlicher Intelligenz – Cyberangriffe genauer zu analysieren und die Reaktion darauf zu verbessern. Außerdem werden sie zur Untersuchung des Klimawandels und zur Wettervorhersage eingesetzt.

In vielen Wirtschaftszweigen und Unternehmen erlauben Hochleistungsrechner eine erhebliche Verkürzung der Entwurfs- und Produktionszyklen, eine Beschleunigung der Konzeption neuer Werkstoffe, Kostensenkungen und die Steigerung der Ressourceneffizienz. Im Fahrzeugbau können beispielsweise bei gleichzeitiger Erhöhung der Fahrzeugsicherheit und des Fahrkomforts die Produktionszyklen von 60 Monaten auf 24 Monate verkürzt werden.

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