Gastbeitrag von Dr. Kai Beckmann EU-Chips-Act – Strohfeuer oder Heilsbringer?

Von Michael Eckstein

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Subventionen richtig einsetzen: Mit dem europäischen Chip-Gesetz „EU Chips Act“ sollte die EU gezielt die Stärken ihrer Mitgliedsstaaten fördern, anstatt um jeden Preis ihren Anteil an der weltweiten Halbleiterproduktion erhöhen zu wollen, findet Dr. Kai Beckmann, CEO von Merck Electronics.

Der Stoff, aus dem die Träume sind: Silizium-Wafer, Sand und Siliziumkristalle. Die EU will im globalen Markt der Halbleiterproduktion wieder eine größere Rolle spielen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Subventionen zielgerichtet eingesetzt werden.
Der Stoff, aus dem die Träume sind: Silizium-Wafer, Sand und Siliziumkristalle. Die EU will im globalen Markt der Halbleiterproduktion wieder eine größere Rolle spielen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Subventionen zielgerichtet eingesetzt werden.
(Bild: ASML / PaulRaats )

Der Anteil der EU an der globalen Halbleiterproduktion soll bis zum Jahr 2030 von aktuell unter 10 Prozent auf rund 20 Prozent steigen. Eine aus meiner Sicht grundsätzlich richtige Initiative. Allerdings ist dieses Ziel sehr ambitioniert angesichts der Tatsache, dass auch in allen anderen führenden Halbleiter-Märkten kräftig investiert wird – teils sogar noch stärker als in Europa. Mit der passenden Strategie kann der Chips-Act die europäische Halbleiter-Industrie aber durchaus voranbringen.

Automobilbranche auf Rallyefahrt

Was passiert, wenn es aufgrund von Rohstoffmangel, hoher Nachfrage in einer Pandemie und geopolitischen Spannungen zu extremen Lieferengpässen bei Halbleitern kommt, erfahren Wirtschaft und Konsumenten seit 2020. Nehmen wir die für Europa sehr wichtige Automobilindustrie, die laut SEMI im Jahr 2021 bereits für 10 Prozent des weltweiten Halbleiter-Marktes mit einer Größe von 555 Milliarden US-Dollar stand. Im Jahr 2030 soll dieser Anteil sogar bei rund 14 Prozent liegen, wobei der Markt dann eine Größe von über 1 Billion US-Dollar erreicht haben wird.

In einem durchschnittlichen Mittelklasse-PKW werden heute bereits mehrere tausend Halbleiter verbaut, in einem vollelektrifizierten Luxus-PKW schon signifikant mehr als 10.000. Viele Autos können jedoch aktuell aufgrund des Chipmangels nur in abgespeckten Varianten geordert werden, wenn sie denn überhaupt bestellbar sind. Dass, um Halbleiter zu sparen, Fahrzeuge mit analogem statt digitalem Display in den Handel gebracht werden oder bestellte Sonderausstattung wie das Head-up-Display fehlen, ist nur ein kleiner Teil des Schadens. Die Anzahl der Autos, die aufgrund des Chipmangels gar nicht erst produziert werden konnten, wird allein für das Jahr 2021 auf über sieben Millionen geschätzt.

Realistische Ziele oder Wunschdenken?

Die Stärkung der technologischen Souveränität der EU im Bereich der Halbleitertechnologien und -anwendungen ist sicher einer der Gründe für die Initiative der EU-Kommission. Es ist jedoch vollkommen klar, dass die Investitionen weder kurzfristig wirken noch hoch genug sind, um auf dem globalen Halbleitermarkt eine Verschiebung der Kräfte zugunsten Europas zu erreichen. In diesem Kontext lohnt ein Blick in die Investitionsprogramme anderer Volkswirtschaften, die den Halbleitermarkt dominieren:

  • Taiwan verfügt über die weltweit zweitgrößte Halbleiterindustrie. Es ist erklärte Absicht, die am meisten fortgeschrittenen Chip-Technologien lokal zu produzieren und damit die Technologieführerschaft zu halten. Schon 2019 hatte die Regierung zudem ein erfolgreiches Programm für Unternehmen aufgelegt, die Kapazitäten zurück auf die Insel verlegen wollten.
  • China möchte seine Abhängigkeit von ausländischen Halbleitern reduzieren, denn allein im Jahr 2021 wurden Chips im Wert von rund 450 Milliarden US-Dollar importiert. Für die Schaffung eines eigenen Halbleiter-Ökosystems nimmt China viel Geld in die Hand, laut Germany Trade & Invest summieren sich die Unterstützungen auf 170 Milliarden US-Dollar, verteilt auf knapp zehn Jahre.

Auf die Stärken Europas fokussieren

Dr. Kai Beckmann, CEO Merck Electronics: „Es ist klar, dass die Investitionen weder kurzfristig wirken noch hoch genug sind, um auf dem globalen Halbleitermarkt eine Verschiebung der Kräfte zugunsten Europas zu erreichen.“
Dr. Kai Beckmann, CEO Merck Electronics: „Es ist klar, dass die Investitionen weder kurzfristig wirken noch hoch genug sind, um auf dem globalen Halbleitermarkt eine Verschiebung der Kräfte zugunsten Europas zu erreichen.“
(Bild: Merck )

Die EU ist gut beraten, sich genau anzusehen, wo in der Vergangenheit Investitionen nachhaltig erfolgreich waren. Anstatt sich dem Traum von komplett neuen Chip-Ökosystemen hinzugeben, sollte der Fokus klar auf dem Ausbau und der effizienten Nutzung vorhandener Stärken liegen. An erster Stelle sind hier Ausbildung, Forschung, Entwicklung und Innovation zu nennen: Es ist essenziell, dass Europa genügend Ingenieure, Naturwissenschaftler und spezialisierte Facharbeiter hervorbringt. Und das nicht nur für die Entwicklung und Fertigung des Endproduktes Halbleiter, sondern auch für die hochinnovativen Zulieferer, die mit Forschung & Entwicklung in den Bereichen Ausrüstung oder Materialien wesentlich dazu beitragen, dass Halbleiter immer leistungsfähiger werden.

Denn hier ist Europa bereits Weltspitze. Mit dem Imec in Belgien verfügt Europa beispielsweise über eines der größten Forschungszentren für Nano- und Mikroelektronik. Die EU vereint zudem viele Länder mit vielen unterschiedlichen Stärken und vielen Fähigkeiten. Warum diese Diversität nicht gezielter nutzen, beispielsweise im Rahmen von mehr interdisziplinären und länderübergreifenden Forschungskooperationen?

Eine weitere wichtige Stärke ist die Spezialisierung: Europäische Unternehmen sind führend bei spezialisierten Halbleitern, beispielsweise für das industrielle Internet der Dinge (IIoT), die Automatisierung oder die Automobilindustrie. Es dürfte sinnvoller sein, verstärkt Mittel für die Sicherung bzw. den Ausbau dieser Spitzenpositionen zur Verfügung zu stellen, als auf Anwendungsgebiete zu schielen, in denen andere Nationen Europa zwar nicht um Lichtjahre, aber um mehrere Chipgenerationen voraus sind.

Wandel gemeinsam mit der Industrie gestalten

Mit der richtigen Zielsetzung und Strategie ist die Initiative der EU-Kommission durchaus positiv zu bewerten. Merck als Partner und Lieferant der globalen Halbleiterindustrie begrüßt diese ausdrücklich. Denn die Chipkrise zeigt, dass es in unser aller Interesse ist, über Asien und Nordamerika hinaus ein weltweites Netzwerk an Halbleiter-Kompetenz zu etablieren.

Die jüngst bekanntgegebene Entscheidung von Intel, in der nächsten Dekade in mehreren europäischen Ländern bis zu 80 Milliarden Euro zu investieren und mit dem Bau von zwei Halbleiterfabriken im ostdeutschen Magdeburg als Kernstück zu starten, kann durchaus auch als ein erster Erfolg staatlicher Initiativen angesehen werden.

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Wir appellieren jedoch an die EU, frühzeitig nicht nur Interessenvertretungen der involvierten europäischen Industrien einzubinden, sondern auch direkt europäische Unternehmen, die seit Jahrzehnten international Erfahrungen im hochvolatilen Halbleitermarkt sammeln. Wir bei Merck freuen uns auf den Austausch und die Möglichkeit, diese Initiative mitzutragen.

* Dr. Kai Beckmann ist Mitglied der Geschäftsführung des Halbleiterindustrie-Zulieferers Merck und und CEO von Merck Electronics.

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