70 Jahre Harting „Es sind die Menschen, die unsere Welt bewegen“

Redakteur: Kristin Rinortner

Vor kurzem feierte das Familienunternehmen Harting den 70. Geburtstag. Danach kam der Generationenwechsel hinzu. Für uns Anlass, Margrit und Dietmar Harting um ein Resumee zu bitten.

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Stabübergabe: Philip Harting (2. v. l.) hat zum 1. Oktober 2015 den Vorstandsvorsitz von seinem Vater Dietmar Harting übernommen. Die beiden persönlich haftenden Gesellschafter leiten gemeinsam mit Margrit Harting (re.) und Maresa Harting-Hertz (li.) in der zweiten und dritten Generation die Harting Technologiegruppe.
Stabübergabe: Philip Harting (2. v. l.) hat zum 1. Oktober 2015 den Vorstandsvorsitz von seinem Vater Dietmar Harting übernommen. Die beiden persönlich haftenden Gesellschafter leiten gemeinsam mit Margrit Harting (re.) und Maresa Harting-Hertz (li.) in der zweiten und dritten Generation die Harting Technologiegruppe.
(Bild: Harting)

Nach fast 50 Jahren in der Führung des Unternehmens hat Dietmar Harting zum 1. Oktober 2015 den Vorstandsvorsitz an seinen Sohn Philip abgegeben. Eine Tatsache, die man zwar schon seit längerer Zeit erwartet hatte, die aber nun trotzdem für viele überraschend erfolgte und wohl auch recht kurzfristig umgesetzt wurde.

Auch wenn Dietmar Harting auf dem Foto zur „Stabübergabe“ gemeinsam mit seinem Sohn einen Krückstock in der Hand hält, gibt er weder die Verantwortung vollständig ab – er bleibt persönlich haftender Gesellschafter – noch setzt er sich zur Ruhe. Vielmehr widmet er sich jetzt freudig seinem Hobby „neue Technologien“. Und dass mit dem Alten Fritz ein bedeutender preußischer König um die Ecke lugt, ist sicherlich kein Zufall: Preußisches Maß und Bescheidenheit sowie Verantwortungsbewusstsein begleitet die Familie seit den Gründertagen.

Ergänzendes zum Thema
70 Jahre Harting – eine Familiengeschichte

Am 1. September 1945 eröffneten Wilhelm und Marie Harting die Firma „Wilhelm Harting Mechanische Werkstätten“ in einer 100 Quadratmeter großen Halle einer Mindener Reparaturwerkstatt. Sehen Sie in unserer Bildergalerie Impressionen aus der Geschichte des Unternehmens.

Der gelernte Ingenieur Wilhelm Harting war Produktionsleiter bei der Berliner Firma Heinrich List, einem Betrieb der Luftfahrtindustrie. Er wagte nach einer abenteuerlichen Flucht in seiner Heimat den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit. Und brachte das Konzept des sogenannten Staf-Steckverbinders mit (Staf – Steckverbinder, außen, Flachkontakt), aus dem später der „Han A“-Steckverbinder entwickelt wurde.

Gefertigt wurden jedoch zunächst Dinge des täglichen Bedarfs wie Sparlampen, Kochplatten, Bügel- und Waffeleisen. Ehefrau Marie lieferte die Produkte mit dem Rad in der Umgebung aus. Bezahlt wurde mit Lebensmitteln.

Die Firma wuchs rasant und benötigte mehr Platz. Im Jahr 1950 erfolgte der Umzug in die benachbarte, aufblühende Flüchtlingssiedlung Espelkamp. Flüchtlinge und Vertriebene fanden Arbeit auch bei Harting. Wilhelm und Marie Harting engagierten sich für das Wohl ihrer Mitarbeiter und das junge Gemeinwesen.

Im Jahr 1962 starb Wilhelm Harting überraschend. Mit innovativen Produkten wie Musikboxen, elektromedizinischen Geräten, Zigarettenautomaten, Magneten und Steckverbindern konnte das Unternehmen jährlich seinen Umsatz steigern. Kurz vor seinem Tod hatte er alles noch einmal auf den Prüfstand gestellt und den Fokus auf den Bereich Steckverbinder gelegt.

Marie Harting führte die Firma bis zum Einstieg ihres Sohnes Dietmar 1967 allein weiter. Ab 1969 verstärkte der zweite Sohn Jürgen die Geschäftsführung. Dieser kam 1973 im Alter von 32 Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben.

Bis 1987 standen Marie (sie starb 1989) und Dietmar Harting gemeinsam an der Spitze des kontinuierlich expandierenden Mittelständlers, der Ende der 1970er Jahre mit der Internationalisierung beginnt. Im März 1987 wurde Margrit Harting Geschäftsführende Gesellschafterin.

Heute arbeiten Margrit und Dietmar Harting mit ihren Kindern, Philip F. W. Harting (Vorstand Connectivity & Networks und persönlich haftender Gesellschafter) und Maresa Harting-Hertz (Vorstand Finanzen und Einkauf und persönlich haftende Gesellschafterin), sehr eng zusammen. Ende 2013 wurden die Geschwister persönlich haftende Gesellschafter. Zum 1. Oktober 2015 übernahm Philip Harting die Aufgaben als Vorstandsvorsitzender der Unternehmensgruppe von seinem Vater.

„Philip macht vieles anders als ich es gemacht habe und das ist auch in Ordnung so. Er ist jemand, der die Geschwindigkeit im Unternehmen deutlich erhöhen will. Sein Motto ist ,neues Denken' oder auch ,Neues denken', daran orientiert er sich“, hat mir Dietmar Harting vor einiger Zeit erzählt.

Sein Sohn erklärt das so: „Kontinuität und Tradition sind uns wichtig, aber trotzdem muss man immer wieder überprüfen, was nimmt man mit, was hat sich bewährt und wo muss man gewisse Anpassungen vornehmen. Neues denken ist technologiebetont, das haben wir bei Integrated Industry gesehen. Neues Denken bedeutet gewisse Prozesse überdenken und nicht einfach so hinnehmen unter dem Motto, das haben wir jetzt 30 Jahre gemacht und das machen wir weiter so. Ein Beispiel ist das e-business als neue Art mit Kunden in Kontakt zu treten.“

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Mit der Stabübergabe an seinen Sohn ist jetzt für Dietmar Harting ein wesentlicher Schritt zum erfolgreichen Generationenübergang erfolgt. Er sieht in der neuen Aufstellung die Weichen für die erfolgreiche Weiterentwicklung des Unternehmens gestellt.

Interview mit Margrit und Dietmar Harting

Das 70-jährige Firmenjubiläum und den erfolgreichen Generationenübergang nahmen wir zum Anlass, Margrit und Dietmar Harting zu ihrem Resumee zu befragen.

Herr Harting, Sie stehen seit fast fünf Jahrzehnten in der Führung der Harting Technologiegruppe. Nun führt seit wenigen Tagen Ihr Sohn Philip das Unternehmen als Vorstandsvorsitzender. Was hat Sie und Ihre Frau aus heutiger Sicht am nachhaltigsten geprägt?

Dietmar Harting: Die Geschwindigkeit, mit der sich technologischer Wandel vollzogen hat und sich weiter vollzieht, insbesondere in der Informationstechnik. Gordon Moore prognostizierte vor über 50 Jahren, dass die Kosten für die Produktion von Halbleitern sinken und gleichzeitig die Anzahl der Komponenten auf einem integrierten Schaltkreis steigen würden. Und dieses Gesetz hat bis heute Bestand, sodass die Leistungsfähigkeit von Computern ganz neue Optionen nicht nur der Datenvermittlung, sondern insbesondere bei deren Auswertung schafft. Künstliche Intelligenz, lernende Systeme und Algorithmen sind unsere Zukunft.

Margrit Harting: Der Umgang mit den Menschen, der tiefe Einblick in die Seele und die daraus resultierenden Verhaltensweisen. Trotz teilweise entmutigender Erkenntnisse dem Nächsten wieder mit Vertrauen gegenüber zu treten und immer wieder aufs Neue an das gute Gelingen zu glauben, in der festen Überzeugung, dass unser Erfolg nur mit PEOPLE, deren POWER und in PARTNERSHIP – getreu unserer Arbeitgebermarke – erreicht werden kann. Dazu fremde Kulturen in der ganzen Welt kennenzulernen, aufzunehmen und zu integrieren. Das waren alles große Herausforderungen, denen ich mich mit Freude gestellt habe, und die auf mich bis heute nachhaltig wirken.

Herr Harting, was beeindruckt Sie?

Dietmar Harting: Unsere Internationalisierung: Ich bin immer wieder begeistert, wenn wir auf Reisen sind und unsere Kunden, Mitarbeitenden sowie Partner treffen. Wir wachsen zusammen und gehören alle zu einer großen Harting-Familie. Der Respekt vor der Leistung des anderen und die Freude, auch mit internationalen Partnern zu arbeiten, sind etwas ganz besonderes.

Wie haben Sie in der Unternehmensführung die Aufgaben aufgeteilt, damals und heute?

Margrit Harting: Mein Mann ist der Visionär, Techniker, Wissenschaftler, für den das Wohlergehen des Unternehmens immer Vorrang hat. Er hat ein unglaubliches Gespür für neue Trends. Sein intensives nationales und internationales Engagement im Verbandswesen gab ihm auch die Chance, Zukunftsentwicklungen frühzeitig zu erkennen und für uns zu nutzen. Die „Software“ überließ er gerne mir.

Dietmar Harting: Nachdem meine Mutter krankheitsbedingt aus dem Unternehmen ausscheiden musste, habe ich meine Frau gebeten, ihre Aufgaben im Personal- und Sozialwesen zu übernehmen. Aufgrund ihrer exzellenten Ausbildung hat sie sich dort nicht nur schnell eingearbeitet, sondern sich alsbald auch der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit angenommen, den Werksanlagen zugewandt und sich ins Qualitätswesen eingearbeitet. Außerdem hat sie das Unternehmen aktiv in diversen Organisationen unserer Region vertreten. Sie war und ist eine gelungene Ergänzung für mich.

Wer hat das letzte Wort bei Ihnen?

Dietmar Harting: Jeder von uns hat das letzte Wort in seinen Bereichen. Voraus gehen immer intensive Diskussionen, die eine Entscheidungsfindung ermöglichen.

Frau Harting, als Sie Ihr Mann 1987 ins Unternehmen holte, was hat sich da für Sie geändert?

Margrit Harting: Von einem Tag auf den anderen hat sich mein Leben auf den Kopf gestellt. Nach Jahren als beurlaubte Studienrätin, in denen der Alltag wesentlich von den Anforderungen der Kinder bestimmt war, fand ich mich plötzlich wieder als berufstätige Ehefrau und Mutter. Einerseits war ich darüber froh, dass ich mich endlich auch wieder „geistig“ auf den Weg machen konnte, andererseits stellte ich schnell fest, dass ich mich auf einem hohen Drahtseilakt bewegte. Der Anfang war nicht leicht, der Weg oft mit Steinen gepflastert, aber wie Sie sehen, es ist alles gut gegangen zum Wohl des Unternehmens und zum Wohl der Familie.

Gab es Vorbehalte gegenüber der „Ehefrau“ des Unternehmers?

Margrit Harting: Doch, durchaus. Meine akademischen Abschlüsse und meine Praxisjahre waren kein Freifahrtschein dafür, mir die Aufgaben zuzutrauen. Sogar heute noch – nach fast 30-jährigem Dienstjubiläum im Unternehmen – erreichen uns Briefe, die an Dietmar Harting und Begleitung gerichtet sind!

Herr Harting, wo liegen die Schwerpunkte der zukünftigen Entwicklung?

Dietmar Harting: Die technologische Entwicklung hat durch das Internet of Things und das Thema Industrie 4.0 rasant an Fahrt aufgenommen. Wichtig ist dabei: Die Mitarbeitenden nehmen wir mit. Sie sind der entscheidende Erfolgsfaktor! Ebenso wichtig ist mir die Zusammenarbeit und die Verknüpfung mit unseren Kunden und Lieferanten. Die ganze Lieferkette ist gefordert, um den Erfolg zu garantieren.

Wie haben Sie Ihre Kinder Maresa und Philip auf ihren Weg im Unternehmen und auf die Unternehmensnachfolge vorbereitet?

Margrit Harting: Als Inhaber eines Familienunternehmens hofft man wohl immer insgeheim, eines Tages möge eines der Kinder die Arbeit fortsetzen. Wir haben versucht, unsere Kinder spielerisch an unsere Arbeit heranzuführen und keinen Druck auszuüben. Sie waren so oft es ging an fröhlichen Feiern beteiligt, besuchten ihre Großmutter im Büro, streiften mit dem Vater durch die Maschinenhallen. Bei ihrem schulischen Werdegang haben wir darauf geachtet, ihre Potenziale auszuloten und mit ihren Vorstellungen zu vereinbaren. So auch mit ihrer Universitätslaufbahn. Bei unserem Sohn war das einfach, weil er immer das machen wollte, was „Papa macht.“ Unsere Tochter wollte sich zunächst außerhalb des Unternehmens orientieren, fand dann aber doch freiwillig zurück. Beide Kinder mussten allerdings vor ihrem Studium eine Lehre absolvieren; das war unsere einzige Bedingung. Sehr förderlich war auch, dass wir vier ein gemeinsames Hobby pflegen.

Herr Harting, was hätten Sie anders machen wollen?

Dietmar Harting: Ach wissen Sie, es ist müßig darüber zu diskutieren, ob ein Weg falsch war oder ist. Das weiß man erst, wenn man ihn gegangen ist. Nicht alles lässt sich perfekt planen und ist erfolgreich. Sie müssen allerdings notwendige Korrekturen rasch erkennen und handeln. Rückblickend bin ich jedoch sehr zufrieden. Allenfalls den Sprung nach Amerika hätte ich gerne früher gewagt. Ein faszinierendes Land. Ich bewundere die Innovationen des Silicon Valley, die spielerische Leichtigkeit, mit der sich junge Menschen in der digitalen Welt bewegen.

Es ist für mich faszinierend, dass heute ein Smartphone eine größere Rechenleistung aufweist als sie für die erste Mondlandung zur Verfügung stand. Diese Faszination und dieses Interesse für Veränderung, das hat mich immer motiviert und spornt mich an, diese Veränderungen in unternehmerisches Handeln und Wirken einzubeziehen.

Was möchten Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben?

Margrit Harting: Macht eine Ausbildung, lernt Sprachen, scheut keine Arbeit und habt Achtung vor der Arbeit des anderen. Seid zäh und lasst euch durch Rückschläge nicht entmutigen und setzt euch auch für andere ein. Tut, was ihr macht, mit Leidenschaft und Freude.

Dietmar Harting: Da kann ich meiner Frau nur zustimmen: eine gute Ausbildung, Neugier, Lust und Offenheit, neue Wege zu begehen, ist enorm wichtig. Denn es sind Menschen, die diese Welt bewegen und unser Zusammenleben zu etwas ganz besonderem machen.

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