Erstes privates Standalone-5G-Netz im industriellen Umfeld

| Redakteur: Michael Eckstein

Ganz real: In einem eigenständigen 5G-Netzwerk lassen sich Industrieprodukte unter realen Bedingungen testen. Siemens stellt das Industrie-Setup zur Verfügung, unter anderem Simatic-Steuerungen und IO-Devices.
Ganz real: In einem eigenständigen 5G-Netzwerk lassen sich Industrieprodukte unter realen Bedingungen testen. Siemens stellt das Industrie-Setup zur Verfügung, unter anderem Simatic-Steuerungen und IO-Devices. (Bild: Siemens AG)

Siemens und Qualcomm haben im Automotive Showroom und Testcenter von Siemens in Nürnberg ein privates 5G-Standalone-Mobilfunknetz installiert. Mit ihrem Proof-of-Concept wollen die Konzerne die Tauglichkeit von 5G für industrielle Anwendungen testen, darunter auch Feldbus-Protokolle wie OPC UA und Profinet. Möglichst rasch sollen dann ab 2020 Kundenprojekte folgen.

Bislang findet die industrielle 5G-Revolution überwiegend in den Powerpoint-Präsentationen einschlägiger Lösungsanbieter statt – von einigen frühen Vorstößen einmal abgesehen. So hatten beispielsweise Audi und Ericsson die Möglichkeiten der Mobilfunktechnik bereits 2018 in einem Industrie-4.0-Pilotprojekt sondiert.

Doch jetzt wird es zunehmend konkreter: Möglichst schnell will zum Beispiel Siemens seine eigenen Fabriken – und auch Produktionsstätten von Kunden – mit moderner 5G-Mobilfunktechnik ausstatten. Eine erste Installation hat der Konzern mit Technologiepartner Qualcomm nun in Nürnberg eröffnet. Gegenüber dem Handelsblatt sagte Industrie-Vorstand Klaus Helmrich: „Wir wollen als Vorreiter in unseren eigenen Fabriken in Leuchtturmprojekten zeigen, was technologisch möglich ist.“ Für alle sechs Fabriken aus dem Unternehmensbereich „Digitale Industrie“ habe man bei der Bundesnetzagentur die nötigen 5G-Lizenzen bereits beantragt. Erste Pilotprojekte bei Kunden seien für 2020 geplant.

Als 5G-Partner hat Siemens den US-Konzern Qualcomm ins Boot geholt. Gemeinsam habe man nun das erste eigenständige private 5G-Netz in einer realen industriellen Umgebung implementiert. Laut Pressemeldung kommt dabei das Frequenzband zwischen 3,7 und 3,8 GHz zum Einsatz. Für ihre Kooperation bündeln beide Unternehmen ihre Kompetenzen: Siemens stellt die realen industriellen Testbedingungen und Endgeräte wie Simatic-Steuerungen und IO-Devices zur Verfügung. Qualcomm liefert das 5G-Testnetz sowie die dazugehörigen Testgeräte.

Erstes industrielles 5G-Leuchtturmprojekt ist bereits installiert

Das 5G-Netz wurde im Automotive Showroom und Testcenter von Siemens in Nürnberg installiert. Über die Infrastruktur lassen sich beispielsweise fahrerlose Transportsysteme (AGV) steuern, die vor allem in der Automobilindustrie zum Einsatz kommen. Ein Ziel ist es, neue Fertigungsmöglichkeiten und -methoden zu entwickeln, zu testen und zu präsentieren, bevor sie beim Kunden umgesetzt werden. Siemens-Kunden wie AGV-Hersteller haben so die Möglichkeit, das Zusammenspiel der Produkte live zu erleben.

„Industrial 5G öffnet die Tür zur umfassenden drahtlosen Vernetzung von Produktion, Instandhaltung und Logistik“, sagt Eckard Eberle, CEO der Siemens Business Unit Process Automation. Hohe Datenraten, ultrazuverlässige Übertragung und ultrakurze Latenzzeiten würden eine signifikante Effizienzsteigerung und Flexibilisierung in der industriellen Wertschöpfung ermöglichen. In der jetzigen Kooperation würde „unsere jahrzehntelange Erfahrung in der industriellen Kommunikation und unsere Branchenkompetenz gepaart mit dem Know-how von Qualcomm Technologies“ den Weg ebnen für die drahtlose Vernetzung der Fabrik der Zukunft.

Qualcomm erhofft sich wichtige Erkenntnisse aus der realen Welt, die beide Unternehmen in zukünftigen Anwendungen einsetzen. „Dies ist ein Meilenstein auf dem Weg der 5G-Technik in die Industrieautomatisierung“, ist Enrico Salvatori, Senior Vice President & President von Qualcomm überzeugt. „Die Kombination aus unseren 5G-Vernetzungsmöglichkeiten und der fundierten Branchenexpertise von Siemens wird uns dabei helfen, Lösungen zu verbessern und daran zu arbeiten, die intelligente industrielle Zukunft Realität werden zu lassen.“

100 MHz 5G-Bandbreite für Industrieanwendungen

In Deutschland hat die Bundesnetzagentur insgesamt 100 MHz Bandbreite im Frequenzbereich zwischen 3,7 GHz und 3,8 GHz für die lokale Nutzung in Industrieumgebungen reserviert. Das gibt Unternehmen in Deutschland die Möglichkeit, Spektrum für einen jährlichen Betrag zu mieten und innerhalb ihrer eigenen Betriebsstätten exklusiv in einem privaten 5G-Netzwerk zu nutzen. Sie können eigene Sicherheitsmechanismen implementieren und so für einen selbstbestimmten Datenschutz sorgen. Auf dieser Basis werden im Siemens Automotive Showroom und Testcenter kombiniert mit der drahtlosen Kommunikation über 5G auch Industrieprotokolle wie OPC UA und Profinet evaluiert und getestet. Auch Kompatibilitätstests mit dem kommenden Release 16 des 5G-Standards stehen im Fokus.

Nach eigenen Angaben verbindet Siemens und Qualcomm eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Schwerpunkt drahtlose Kommunikationstechnologien. Dies hat unter anderem zur Entwicklung des Siemens Scalance-Portfolios für industrielle Drahtlos-Kommunikation geführt. Darauf werde man jetzt aufbauen und das erste private Standalone-5G-Netz unter industriellen Bedingungen realisieren.

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