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Das Darknet-Versteck an der Mosel: „Cyberbunker“-Prozess begonnen

| Autor / Redakteur: Birgit Reichert, dpa / Sebastian Gerstl

Zigtausende Straftaten sollen über die Server in einem Cyberbunker in Traben-Trarbach gelaufen sein. Jetzt stehen die Betreiber vor Gericht. Das Interesse ist groß: Es ist in Deutschland einer der größten Prozesse gegen Cybercrime.

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Rheinland-Pfalz, Traben-Trarbach: Polizisten sichern das Gelände eines ehemaligen Bundeswehr-Bunkers. Dort wurde ein Rechenzentrum für illegale Geschäfte im Darknet ausgehoben.
Rheinland-Pfalz, Traben-Trarbach: Polizisten sichern das Gelände eines ehemaligen Bundeswehr-Bunkers. Dort wurde ein Rechenzentrum für illegale Geschäfte im Darknet ausgehoben.
(Bild: Thomas Frey/dpa)

Es ist ein tiefer und langer Blick in die Abgründe des Internets. Drogendeals im Wert von vielen Millionen Euro, Datenhehlerei, Computerangriffe und Falschgeldgeschäfte - bis hin zu verlinkter Kinderpornografie und Mordaufträgen: Seitenweise trägt Oberstaatsanwalt Jörg Angerer die kriminellen Machenschaften im Darknet vor, die über die Server in einem alten Bunker an der Mosel gelaufen sein sollen. Seine Anklage richtet sich nicht gegen die Dealer, sondern gegen die, die die Geschäfte im großen Stil erst möglich gemacht haben: Acht mutmaßliche Cyberkriminelle, die über Jahre unter der Erde versteckt ein Rechenzentrum für illegale Webseiten betrieben haben sollen.

Eines der bislang größten Verfahren gegen Cyberkriminalität

Am Montag hat der Prozess um den „Cyberbunker“ von Traben-Trarbach vor dem Landgericht Trier begonnen. Er ist eines der bundesweit größten Verfahren gegen Cybercrime: Der mutmaßlichen kriminellen Vereinigung wird Beihilfe zu mehr als 249 000 Straftaten vorgeworfen. Die Anlage in Traben-Trarbach war vor gut einem Jahr in einer großen Aktion mit Hunderten Polizisten nach fünfjährigen Ermittlungen ausgehoben worden.

Angeklagt sind vier Niederländer, drei Deutsche und ein Bulgare im Alter von 21 bis 60 Jahren. Sie sollen in wechselnder Beteiligung von Juni 2013 bis September 2019 illegale Webseiten gehostet und dadurch Beihilfe zu den von ihren Kunden begangenen Straftaten geleistet haben. Kopf der Bande ist laut Anklage ein 60-jähriger Niederländer gewesen, der den früheren Bundeswehr-Bunker erworben und aufgebaut hatte. „Er war der Rädelsführer“, sagte Angerer.

Bei der Bande, die über die Jahre gewachsen sei, habe es „eine feste Rollenverteilung mit klarer Hierarchie“ gegeben. Die beiden Söhne des 60-jährigen Niederländers waren laut Anklage als Administratoren für Kundenaufträge und IT zuständig. Eine Deutsche (53) sei „Buchhalterin“ gewesen, ein anderer Niederländer eine „Art Manager“ (50).

Ein in dieser Form einmaliger Prozess

Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz ist es ein einmaliger Prozess. Nicht nur vom Umfang her - wurden in dem alten Bunker doch 886 physische und virtuelle Server mit zwei Millionen Gigabyte sichergestellt. Nein, auch weil erstmals die Betreiber krimineller Plattformen im Darknet vor Gericht stehen. Der Cyberbunker soll ein „Bulletproof-Hoster“ (kugelsicherer Hoster) gewesen sein, der damit warb, ein vor dem Zugriff der Polizei sicheres Datenzentrum anzubieten.

Kunden sollen Plattformen wie „Wall Street Market“ mit rund 240 000 Betäubungsmittel-Deals im Wert von gut 36 Millionen Euro gewesen sein. Auch der Darknet-Marktplatz „Cannabis Road“ etwa nutzte den Cyberbunker. Und: Der großangelegte Angriff auf Router der Telekom im November 2016 soll ebenfalls über dortige Server gesteuert worden sein - daher lautet die Anklage auch auf Beihilfe zu versuchter Computersabotage.

Am ersten Prozesstag wurde die gut 40-seitige Anklage verlesen. Der Prozess begann unter hohen Sicherheitsvorkehrungen bei Corona-Bedingungen: Mit angebrachtem Plexiglas an einzelnen Sitzplätzen der Angeklagten, Verteidigern und Anklägern - sowie wenigen Plätzen im Zuschauerbereich. Nicht alle, die morgens anstanden, kamen in den Saal.

Wie weit ist der Vorsatz nachweisbar?

Die zentrale Frage in dem Mammutprozess, der bis Ende 2021 terminiert ist, ist: Kann man den Angeklagten nachweisen, dass sie von den illegalen Machenschaften ihrer Kunden wussten? Und diese dabei auch unterstützt haben? Dieser „doppelte Vorsatz“ sei beim Nachweis der Beihilfe zu Straftaten zentral, sagte Angerer. Er ist optimistisch. Dies sei gelungen über die Überwachung des Netzknotens im Zentrum. Unter anderem anhand von Chats könne man dies belegen, sagte er.

„Die Staatsanwaltschaft muss liefern, sie muss beweisen“, sagte einer der Verteidiger des Hauptangeklagten Niederländers, Michael Eichin. Er habe den Eindruck, dass sein Mandant als „so ein Superschurke hochstilisiert“ werden solle. Dass da auf dem Server „in erheblichem Umfang“ illegale Seiten betrieben wurden, sei Fakt. Dass sein Mandant von all dem gewusst haben soll, sei aber „absurd“. Vor Gericht sagte der Niederländer, er werde sich später einlassen. Eichin sagte: Sein Mandant sei „ein Nerd“, was spezielle Apps angehe, die der Softwareingenieur seit 20 Jahren entwickele. Er hatte zuvor schon mal einen Cyberbunker in Kloetinge in den Niederlanden betrieben.

Das Darknet - ein „rechtliches Neuland“?

Die mutmaßliche Bande hatte unter dem Firmennamen Cyberbunker damit geworben, sich nicht für die Geschäfte ihrer Kunden zu interessieren. „Kunden können alles hosten, was sie mögen - außer Kinderpornografie und allem, was mit Terrorismus zu tun hat“, hieß es auf alten Seiten, die in Internetarchiven noch abrufbar sind. In einem Angebot konnte man schon für 2000 Euro pro Jahr eine Webpräsenz mieten. Dazu musste kein Vertrag geschlossen werden, Namen oder Adressen war nicht nötig. Anonyme Zahlungen auch in Bitcoin wurden akzeptiert.

Angerer trug in seiner fast zweistündigen Anklage Beispiele für Deals vor: ein Gramm Heroin gab es für 70 Euro, gefälschte Ausweise mit Hologramm für 70 bis 120 Euro. Die Käufer sind mit Nicknames (Spitznamen) unterwegs: Von „Gorilla“ über „MartinLuther“ bis „Just Business 24“.

Anwalt Eichin sagte, er hoffe „auf ein faires Verfahren“. Es werde „ein langwieriger, ein aufreibender Prozess“. Er rechne damit, dass auch „rechtliches Neuland betreten“ werde. Und: Am Ende werde „die Sache sicherlich nicht hier in Trier entschieden. Egal, wie es ausgeht, wird sich der Bundesgerichtshof dazu äußern“, sagte er. Der Prozess geht diesen Donnerstag (10 Uhr) weiter.

Fragen und Antworten zum Cyberbunker-Prozess

Die Schaltstelle für millionenschwere kriminelle Geschäfte im Darknet war in einem ehemaligen Bunker versteckt. Über fünf Etagen unter der Erde verteilt standen mehr als 400 Server, über die Kriminelle aus aller Welt Drogen verkauften, Kinderpornos verschickten, Cyberangriffe starteten oder Falschgeld vertickten. Ende September 2019 war der Cyberbunker in Traben-Trarbach (Rheinland-Pfalz) in einer großen Polizeiaktion ausgehoben worden. Nun beginnt der Prozess gegen die Betreiber: Ab nächsten Montag (19. Oktober) müssen sich acht Angeklagte wegen Beihilfe zu rund 250 000 Straftaten vor dem Landgericht Trier verantworten.

Was ist das Besondere an dem Verfahren?

Erstmals stehen nicht die Täter im Fokus, die im Darknet etwa Drogen oder Waffen verkaufen, sondern die, die die Geschäfte erst möglich machen. „Es ist das erste Verfahren überhaupt dieser Art“, sagt Oberstaatsanwalt Jörg Angerer von der Landeszentralstelle Cybercrime der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz. Die Anklage richtet sich gegen Betreiber von einem „Bulletproof-Host“ (kugelsicherer Gastgeber), der gegen Entgelt kriminellen Kunden ein vor dem Zugriff der Polizei sicheres Datenzentrum zur Verfügung stellt.

Wer steckt dahinter?

Beschuldigt sind vier Niederländer, drei Deutsche und ein Bulgare. Kopf der Gruppe soll ein 60-jähriger Niederländer sein, der den zuvor von der Bundeswehr genutzten Bunker Ende 2013 erworben hatte. Laut Anklage war er derjenige, der alle geschäftlichen Entscheidungen traf. Ein weiterer Niederländer soll als eine Art Manager fungiert haben, eine Deutsche war die „Buchhalterin“. Die übrigen im Team zwischen 21 und 60 Jahren seien als Administratoren für Technik und IT zuständig gewesen. Sie sollen in wechselnder Beteiligung bei den Taten dabei gewesen sein.

Was ist über die Server gelaufen?

Dicke Fische waren der weltweit zweitgrößte Darknet-Marktplatz für verbotene Güter namens „Wall Street Market“ den Ermittler im Frühjahr 2019 zerschlagen hatten - unter anderem mit rund 240 000 Betäubungsmittel-Deals im Wert von gut 36 Millionen Euro. Gehostete Seiten waren demnach auch der Marktplatz „Cannabis Road“ mit knapp 4000 Einzelverkäufen von Cannabisprodukten - und das Untergrundforum „Fraudsters“, über das Daten, Falschgeld, Ausweise und Drogen gehandelt wurden.

Zum Kundenstamm gehörte auch die Darknet-Plattform „Flugsvamp“, die illegale Betäubungsmittel und verschreibungspflichtige Medikamente im Wert von 30 bis 40 Millionen Euro umsetzte. Und auch der Botnetz-Angriff auf 1,25 Millionen Telekom-Router Ende November 2016 wurde laut Generalstaatsanwaltschaft über Server im Cyberbunker gesteuert. Geschätzter Schaden: zwei Millionen Euro.

Warum haben die Ermittler fast fünf Jahre gebraucht, bis sie zuschlugen?

„Weil es sehr aufwendig war, nachzuweisen, dass die Betreiber Kenntnis von den Machenschaften ihrer Kunden hatten“, sagt Angerer. Das sei aber zentral gewesen, um sie wegen Beihilfe anklagen zu können. Gelungen sei es über die Überwachung des Netzknotens im Rechenzentrum. Unter anderem anhand von Chats könne man belegen, dass die kriminelle Vereinigung von den Machenschaften wusste und diese durch die Bereitstellung der Server „maßgeblich unterstützt und gefördert“ habe.

Wieviel IT war im Ex-Bunker der Bundeswehr?

Die bei dem Zugriff sichergestellte Datenmenge unter anderem auf 886 physischen und virtuellen Servern umfasst zwei Millionen Gigabyte: Auf CD gebrannt wären das 2,6 Millionen CDs, die aufeinander gestapelt eine Höhe von 8000 Meter ergäben, hatte Kriminalhauptkommissar Patrick Fata vom Landeskriminalamt (LKA) Rheinland-Pfalz erklärt. Einige physische und virtuelle Server seien noch „voll verschlüsselt“.

Läuft die Auswertung der Server noch?

„Ja, wir sind noch dran und es wird auch noch dauern“, sagt Angerer. Nach einer Grobauswertung ist das jetzige Verfahren auf sieben Tatkomplexe beschränkt. Es könne aber sein, dass nach der Feinauswertung der Computer weitere Anklagen wegen neuer Beihilfe-Taten auf die Bande zukämen.

Was ist mit den kriminellen Kunden des Cyberbunkers?

Die Daten würden auch daraufhin geprüft, ob sie zum Nachweis von Straftaten reichten, sagt der Oberstaatsanwalt. Es gebe auch schon weitere Verfahren, die sich aus dem Cyberbunker-Komplex ergeben hätten. „Sie sind gerade angelaufen. Da sind wir noch in der verdeckten Phase.“ Es seien „durchaus potente Kunden darunter“.

Wie läuft der Prozess jetzt ab?

Das „Bunkerverfahren“ ist nach Angaben des Landgerichts Trier bis Ende 2021 jeweils auf montags und donnerstags terminiert - Feiertage ausgenommen. Wegen der Corona-Pandemie sind im Gerichtssaal nur 23 Sitzplätze für Besucher zugelassen, darunter elf für Medienvertreter. Am ersten Prozesstag könnte zunächst die 40-seitige Anklage verlesen werden.

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