Erfolgreicher Flug mit Nachbau von Otto Lilienthals Doppeldecker

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Flug des Lilienthal-Doppeldeckers: Ende Juli 2019 gelangen dem DLR-Mitarbeiter Markus Raffel erstmals dokumentierte Flüge mit einem Nachbau des ersten Doppeldeckers der Welt.
Flug des Lilienthal-Doppeldeckers: Ende Juli 2019 gelangen dem DLR-Mitarbeiter Markus Raffel erstmals dokumentierte Flüge mit einem Nachbau des ersten Doppeldeckers der Welt. (Bild: / DLR / CC BY 3.0)

Otto Lilienthal gilt als erster Flieger der Menschheit – bislang stand jedoch ein letzter Beweis der Flugfähigkeit seiner Konstruktionen aus. Erstmals sind jetzt filmisch dokumentierte Flüge mit einem historisch korrekten Nachbau des ersten Doppeldeckers der Welt von Otto Lilienthal gelungen.

Prof. Markus Raffel, Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) Göttingen, führte die Flüge Ende Juli in Kalifornien durch. Raffel baute damit auf den wissenschaftlichen Untersuchungen auf, die das DLR anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des ersten Menschenfluges 2016 mit einem Nachbau von Lilienthals Eindecker unter anderem im Windkanal gemacht hatte. Der vom Otto-Lilienthal-Museum Anklam gebaute Doppeldecker ist seit September 2019 dem Museum als Dauerleihgabe übergeben worden.

Der Doppeldecker war im Otto-Lilienthal-Museum in Anklam aus authentischen Materialien (Weidenruten, Hanfseil, Shirting und Stahldraht) nach erhaltenen Plänen Lilienthals und Stoffanalysen erhalten gebliebener Gleiter gebaut worden. Der Doppeldecker wurde im Laufe des Jahres bei Schleppversuchen an einer Seilwinde getestet. Die dabei ermittelten Flugeigenschaften dienten der Einstellung der Seillängen mittels Spannschlössern, die Otto Lilienthal extra für diesen Zweck entwickelt hatte. Die Flugversuche fanden zwischen dem 21. und 30. Juli 2019 an der Pazifikküste Kaliforniens nahe der Stadt Monterey statt, wo konstant günstige Windbedingungen herrschen.

Bei schwierigen Windverhältnissen ist der sogenannte Große Doppeldecker sicherer und besser zu fliegen

„Er war vom ersten Flug an sehr gut steuerbar und flog ausgesprochen gutmütig“, so Pilot Raffel. „Ein leichter Linksdrall, der während der ersten Flüge durch seitliche Gewichtsverlagerung ausgeglichen werden musste, konnte an den folgenden Tagen durch eine sorgfältigere Einstellung des Seitenleitwerks und der Streben des oberen Flügels abgestellt werden.“

Die Flüge dauerten typischerweise 10 bis 14 Sekunden und waren durch die Brandung auf Distanzen von etwa 100 m begrenzt. Der Wind kam aus West/Südwest/ mit sehr konstanten Geschwindigkeiten zwischen 5 und 7 Meter pro Sekunde (18 bis 25 Kilometer pro Stunde). Die Flughöhen wurden aus Sicherheitsgründen auf drei bis vier Meter begrenzt. „Der sogenannte Große Doppeldecker ist bei schwierigen Windverhältnissen noch sicherer und besser zu fliegen als Lilienthals berühmter Eindecker.“

Prof. Andreas Dillmann, Leiter des DLR-Instituts für Aerodynamik und Strömungstechnik am Standort Göttingen, leitete die Voruntersuchungen. „Markus Raffel sind die ersten gut dokumentierten Flüge mit einem Nachbau eines Lilienthal-Gleiters gelungen.“ Zwar hätten die Untersuchungen im Windkanal durch das DLR die guten Flugeigenschaften des Gleiters in der Theorie bestätigt. „Aber nur ein Flugversuch konnte zeigen, dass es auch tatsächlich - heute wie damals - möglich ist.“

Sofort mit nur wenig Anleitung fliegen

Der Gleiter wurde wie vor 123 Jahren durch Otto-Lilienthal an einen amerikanischen Flugenthusiasten übergeben. Damals flog Robert W. Woods, der später als Physiker bekannt wurde und seine Begegnung mit Lilienthal im Jahre 1896 schilderte. So wie damals konnte auch in diesem Sommer der zweite Pilot mit dem für ihn eingestellten Gleiter sofort mit nur wenig Anleitung fliegen.

Diesmal flog der amerikanische Stuntman und Hanglider-Fluglehrer Andrew Beem. 25 Kilogramm leichter als Markus Raffel und mit 25 Jahren Flugerfahrung in Hängegleitern, übertrafen seine Flüge sofort alle Erwartungen. So konnte er nach nur wenigen Flügen elegant starten, steuern und auf den Punkt genau landen.

Die ersten gut dokumentierten Flüge seit Lilienthals Tod

Nach Otto-Lilienthals Tod am 10. August 1896 durch einen Absturz mit dem Eindecker, waren die Flugapparate Lilienthals außerhalb Deutschlands in den Verdacht geraten, keine ausreichende Flugstabilität und Steuerbarkeit zu besitzen. Anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des Menschenfluges, das auf die ersten Flüge Lilienthals im Jahren 1891 zurückgeht, hatte das DLR den Eindecker, der auch dem Unterteil des Großen Doppeldeckers entspricht, in dem großen Deutsch Niederländischen Windkanal (DNW) untersucht. Das Ergebnis bestätigte die guten Flugeigenschaften, so dass Markus Raffel den Eindecker (Normalsegelapparat) 2018 an der Küsten Kaliforniens zum ersten Mal fliegen konnte. Es waren die ersten gut dokumentierten Flüge des Normalsegelapparates seit Lilienthals Tod.

Die Leistungen Lilienthals wurden praktisch von allen nachfolgenden Pionieren der Luftfahrt anerkannt und aufgegriffen, wie Dr. Bernd Lukasch, Leiter des Otto-Lilienthal-Museums Anklam, das den Nachbau des Gleiters im Auftrag des DLR durchführte, mitteilte. Sein Erfolg sei durch drei Leistungen möglich geworden: Er habe das wissenschaftliche Rätsel des Auftriebs gelöst, er habe ein patentierbares Produkt erstellt und er habe sich das Fliegen beigebracht. „Letzteres wurde spektakulär durch Markus Raffel nachempfunden und gewürdigt.“

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