Erneuerbare Energien

Energiewende – die nächste Killerapplikation?

| Autor / Redakteur: Georg Steinberger * / Margit Kuther

Energiewende: Die Bundesregierung schätzt die Kosten der Energiewende in Deutschland bis 2050 auf rund 500 Milliarden Euro.
Energiewende: Die Bundesregierung schätzt die Kosten der Energiewende in Deutschland bis 2050 auf rund 500 Milliarden Euro. (Bild: Fotolia_39442573_M)

Die Energiewende gilt seit Jahren als einer der neuen Wachstumstreiber der europäischen Elektronikindustrie. Doch es fehlt der politische Wille, dieses volkswirtschaftliche Riesenprojekt zu stemmen.

Die europäische Elektronikindustrie hat seit Jahren einen neuen Wachstumsmarkt identifiziert: Die Energiewende. Nicht nur, dass die Technik vorhanden wäre, die Energiewende in Deutschland hin zu erneuerbaren Energien zu bewerkstelligen, die deutschen Hightech-Unternehmen haben auch das Potenzial, auf dem Weltmarkt zu reüssieren. Leider gibt es keine belastbaren Zahlen über das mögliche zusätzliche Potenzial, denn was fehlt, ist der politische Wille, dieses volkswirtschaftliche Riesenprojekt überhaupt zu stemmen.

Ziel dieses Beitrags ist es nicht, in die bestehende Debatte über den Status der Energiewende einzugreifen. Denn diese ist geprägt von Interessenspolitik, Angstmacherei – Unklarheit. Die einzige Sicherheit ist, dass die Fortsetzung des bisherigen Wirtschaftens in einer umweltpolitischen Katastrophe mündet, wenn uns nicht die nächste Eiszeit zu Hilfe kommt.

Die Erde ist ein geschlossenes System. Und um nur ein Beispiel zu nennen: Der radikale Verbrauch aller fossilen Brennstoffe, die in Jahrmillionen entstanden sind, innerhalb weniger Generationen, ist aus vielerlei Gründen gegen jede Vernunft. Das Problem ist seit langen erkannt.

Die Vision der Energiewende ist ein direktes Resultat des globalen Klimawandels und der notwendigen politischen Reaktion darauf und auf die Fukushima-Katastrophe 2011. Es ist seit langem klar, dass zur Begrenzung des Klimawandels bis 2050 auf nahezu alle fossilen Brennstoffe zum Primärenergieverbrauch oder zur Stromerzeugung verzichtet werden muss (siehe Abbildung 2; Bundesministerium für Wirtschaft und Energie). Die Konsequenz daraus ist aber nicht nur der Umbau der Energieversorgung, sondern riesige Investitionen in die gesamte deutsche öffentliche und wirtschaftliche Infrastruktur – von der Stromversorgung und -verteilung, Energieeffizienz, Verkehr, Gebäudesanierung bis zu intelligenten Fabriken oder Smart Cities.

Die Kosten der Energiewende werden bis 2050 explodieren

  • Die Bundesregierung schätzt, dass die Kosten der Energiewende in Deutschland bis 2050 rd. 500 Mrd. Euro betragen werden, rein für infrastrukturelle Maßnahmen und Subventionen, nicht gerechnet zusätzliche Investitionen der Wirtschaft oder der privaten Haushalte in mehr Energieeffizienz.
  • Das Öko-Institut und das Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) gehen in ihrem Klimaschutzszenario 2050 sogar von 40 bis 50 Mrd. Euro pro Jahr aus für den gesamten Klimaschutz, der alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche in Deutschland mit einbezieht.

Diese Größenordnung an Kosten oder Investitionen (je nach Standpunkt) ist es, die zusätzlich zur Interessenspolitik und Besitzstandswahrung die Energiewende verzögert oder gar in Frage stellt. Dabei kommen Experten aus verschiedensten Industrie- oder Interessenskreisen zu dem Schluss, dass diese Investitionen sich langfristig auszahlen werden und die Kosten von den Einsparungen oder geringeren volkswirtschaftlichen Schädigungen bis 2050 überkompensiert werden. Eine Tabelle (Abbildung 1) aus dem Klimaschutzszenario verdeutlicht dies.

Einfach, um diese Kostendiskussion und die Verzögerungsstrategien ins Verhältnis zu setzen: China hat schon vor Jahren verkündet, dass es im laufenden 5-Jahresplan (2011 – 2016) rund 500 Mrd. Euro in seine eigene Energiewende investieren will. Laut IWR (Internationales Wirtschaftsforum Regenerative Energien, August 2013) gehen diese Investitionen zu über 40% in den Ausbau erneuerbarer Energien und zu knapp 60% in Maßnahmen zur Emissionsreduktion und Effizienzsteigerung. Nebenbei sichert sich China auch noch die Marktführerschaft in entsprechenden Technologien, wie in der Photovoltaik bereits geschehen.

Ergänzendes zum Thema
 
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Die möglichen positiven volkswirtschaftlichen Effekte sieht hierzulande auch die Hightech-Branche Elektronik. Denn ein nicht unerheblicher Teil der öffentlichen und privaten Strukturinvestitionen würde in Technologie fließen, die beispielsweise mehr Energieeffizienz ermöglicht, also Elektronik. Wenn nur 10% der notwendigen jährlichen Investitionen in Deutschland dafür ausgegeben würden, wäre das ein Wachstumsschub für die hiesige Industrie. Ein Milliardenmarkt! Mehr noch: Die Exportchancen würden das Potenzial noch einmal verdoppeln – mindestens.

Deutsche Unternehmen als Technologieführer

Es gibt etliche Technologien, in denen deutsche Unternehmen ihre führende Rolle einbringen können: Regel-, Antriebstechnik, Sensorik, Fahrzeugtechnologie, Lichttechnik, Wärme- und Kühltechnik und viele mehr. Auf sie kommt es an, wenn Energieeffizienz bis 2050 bis zu 1/3 des Ersatzes konventioneller Energieformen beisteuern soll, so der Forschungsverbund erneuerbare Energien (FVE) in seinen Forschungszielen 2013.

Entsprechend fordert der ZVEI von der Bundesregierung, die Bemühungen zur Umsetzung weiterer Etappenziele zu forcieren, wolle man nicht den Anschluss verlieren. Dr. Klaus Mittelbach, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung: „Die Umsetzung der EU-Energieeffizienzrichtlinie, die langfristig verlässliche Umgestaltung des Strommarktdesigns und die Versorgungssicherheit im europäischen Kontext müssen als nächstes von der Bundesregierung angepackt werden. Moderne Technologien für eine effiziente, sichere und bezahlbare Umsetzung der Energiewende stehen zur Verfügung, es fehlen aber an einigen Stellen noch entschlossene politische Weichenstellungen…“ Und weiter: „Gerade das Thema Energieeffizienz wird bislang sträflich vernachlässigt. Für die CO2-Reduktion und die Förderung von erneuerbaren Energien sind im Zuge der Klimaschutzziele Instrumente geschaffen worden. Für die Energieeffizienz fehlen aber bislang die nötigen Impulse und Anreize.“

Der Fachverband Bauelemente Distribution (FBDi) ist überzeugt: Die deutsche Elektronikindustrie und ihre Kunden sind in allen Wirtschaftsbereichen gut gerüstet, um die Energiewende in Deutschland, Europa und weltweit zu unterstützen, von der Grundlagenforschung im Solar- oder Speicherbereich bis zur professionellen Umsetzung von Energieeffizienz, ob in Smart Factories, Smart Cities oder Smart Homes. Und sie kann den Kampf gegen die gravierendsten Folgen des Klimawandels mit einem deutlichen Wachstumsschub zu verbinden.

* Georg Steinberger ist VP Communications, Avnet Electronics Marketing EMEA und Vorstandsvorsitzender des FBDi

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Ich fände es schön, wenn die Dinge beim Namen genannt werden und einen AküFi (Abkürzungsfimmel) zu...  lesen
posted am 06.01.2015 um 08:42 von Unregistriert

All die Diskussionen um Kern- oder Kohlekraftwerke, Höchstspannungsenergietrassen bleiben wohl...  lesen
posted am 27.10.2014 um 11:54 von Unregistriert

Wenn die „Oberen Zehntausend“ eine Subvention tätigen, so tätigen sie diese in Bereiche, die 10%...  lesen
posted am 25.10.2014 um 12:01 von Unregistriert

Schöne Illusion: Die Realität sieht anders aus! Sowohl die „Suedlink“-Trasse (ergänzende...  lesen
posted am 25.10.2014 um 11:36 von Unregistriert

Hallo Frau Kuther, dieser Beitrag macht schon zu beginn sehr starke Aussagen, danke dafür. Leider...  lesen
posted am 17.10.2014 um 10:03 von Unregistriert


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