China, Corona, Konflikte Endlose Lockdowns: Wie China den Welthandel blockiert

Von Michael Gasch

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Die Corona-Krise ist nach China zurückgekehrt. Das Land reagiert wie gewohnt: mit strikten Lockdowns. Das bringt weltweit Lieferketten zum Reißen. Die Weltwirtschaft braucht Alternativen.

Abgeknickt: Massive Lockdowns, unter anderem im weltweit größten Container-Hafen Shanghai, haben den weltweiten Handel einbrechen lassen. Derzeit stauen sich hier rund ein Drittel aller weltweit eingesetzten Containerschiffe. Das Abarbeiten dieses Rückstaus wird Monate dauern – unter normalen Umständen.
Abgeknickt: Massive Lockdowns, unter anderem im weltweit größten Container-Hafen Shanghai, haben den weltweiten Handel einbrechen lassen. Derzeit stauen sich hier rund ein Drittel aller weltweit eingesetzten Containerschiffe. Das Abarbeiten dieses Rückstaus wird Monate dauern – unter normalen Umständen.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

2020 und 2021 dachten wir, dass es nicht schlimmer werden kann, doch die ersten vier Monate des Jahres 2022 haben sehr deutlich das Gegenteil gezeigt. Seit Anfang 2020 wurden wir zunächst mit Covid in China konfrontiert,von wo aus sich das Sars-CoV-2-Virus weltweit ausbreitete und eine Pandemie auslöste, dann kamen Containerknappheit, Logistikprobleme und Preiserhöhungen, und nun kehren all diese Probleme wieder auf ihre Ausgangspunkte China und Covid zurück.

Dem ersten Covid-Ausbruch in China 2020 begegnete die chinesische Regierung sofort mit drastischen Maßnahmen, von denen die strengste die Abriegelung ganzer Provinzen war. Nach einer kurzen Periode von Infektionen meldete China ab März 2020 bis Januar 2022 nur noch gelegentlich einzelne Neuinfektionen. Dies ist umso erstaunlicher, als im Rest der Welt im gleichen Zeitraum mehr als 300 Millionen Infektionen gemeldet wurden.

Corona-Infektionen in China: Genaue Zahlen wird man nie erfahren

Je nach Informationsquelle weisen die Daten massive Unterschiede auf. So meldet beispielsweise die WHO von Januar 2020 bis Ende April 2022 eine Gesamtzahl von 1.127.506 Infektionen, während die John Hopkins University für den gleichen Zeitraum eine Zahl von 2.227.785 veröffentlicht. Aus der Erfahrung der Vergangenheit muss davon ausgegangen werden, dass die genauen Zahlen nie bekannt gegeben wurden. Insofern müssen wir das akzeptieren, was verfügbar ist.

Die Grafik in Bild 1 zeigt die Infektionen in den einzelnen chinesischen Provinzen. Die dortigen Behörden halten bis heute an ihrer „Null-Covid-Politik“ fest, wobei die Feststellung eines einzigen Infektionsfalls ausreicht, um die gesamte Region vollständig zu isolieren. Dies geschah z.B. am 1.5.2022, als in der Stadt Jingjiang (665.000 Einwohner) nach nur einem Fall eine vollständige Ausgangssperre verhängt wurde. Dies führt zu schwerwiegenden Unterbrechungen der Versorgungskette – etwa im letzten Jahr, als die Häfen von Hongkong (Mai 2021) oder Shanghai (August 2021) geschlossen wurden und hunderte von Schiffen weder be- noch entladen werden konnten.

Auf China entfallen etwa 12 % des Welthandels. Alle inzwischen versandbereiten Waren müssen auf eine Verschiffungsmöglichkeit warten, was dazu führen wird, dass nach einer „Normalisierung der Lage in China“ eine Lawine von Schiffen in den Bestimmungshäfen ankommen wird. Das führt wiederum zu langen Warteschlangen und löst ein weiteres Verkehrschaos aus, das bis weit in die Jahresendsaison hineinreichen wird.

Die Omikron-Mutation verursachte jedoch dieses Jahr erneut einen plötzlichen Anstieg der Fälle. Vor allem die Stadt Shanghai war betroffen. Allein vom 1.3. bis 30.4.2022 traten mehr als 500.000 neue Fälle auf, und China griff wieder zum bekannten Rezept: dem des Lockdowns.

Die Häfen von Guangdong und Hongkong wurden im März nur eine Woche lang geschlossen, aber es dauerte mehr als einen Monat, um die Überlastung wieder aufzulösen. Weitaus gravierender ist die Situation in Shanghai – dem mit Abstand größten Güterhafen der Welt. Die Sperrung begann Mitte März und sollte eigentlich nur eine Woche dauern. Inzwischen wurde sie aber mehrfach verlängert und soll voraussichtlich bis Ende Mai andauern. Die logistischen Probleme, die sich daraus ergeben, werden erst in einigen Monaten gelöst sein.

Die Terminals in Yangshan und Waigaoqiao sind zwar teilweise geöffnet, weil sich die Arbeiter in einem sogenannten „geschlossenen System“ befinden: In diesem „Local Loop“ leben die Arbeiter im Hafengelände und dürfen nicht nach Hause gehen, um keiner Ansteckungsgefahr außerhalb des Terminals ausgesetzt zu sein. Allerdings ist dadurch die Kapazität der Terminals begrenzt.

Ein Drittel der weltweiten Containerflotte wartet vor China

Weil die Situation anhält, sind alle Schiffslaufzeiten nicht mehr gültig, denn die Zahl der vor China auf Reede liegenden Schiffe steigt. Außerhalb chinesischer Häfen warteten bereits im Februar 260 Schiffe, im März stieg diese Zahl auf 470 und Ende April wurde berichtet, dass ein Drittel der weltweiten Containerflotte darauf wartete, chinesische Häfen anzulaufen.

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Am 29.04.2022 warteten allein vor Shanghai 162 Schiffe mit mehr als 800.000 Containern an Bord, die dem Logistik-Kreislauf zunächst entzogen sind.

Ein noch größeres Problem aber ist der Transport zum und vom Hafen. Die Fahrer müssen im Besitz eines negativen PCR-Tests sein, der nicht älter als 24 Stunden sein darf, einer ausgedruckten Fahrerlaubnis, einer vollständig dokumentierten Reiseroute bis zum Ziel und es ist ihnen nicht gestattet, die Grenzen verschiedener Stadtteile von einer Covid-Zone zur anderen zu überschreiten.

Auch mit „Local Loops“ erreichen Fabriken und Häfen nur ein Bruchteil ihrere Fertigungskapazität

Dadurch ist die Verfügbarkeit der Lkw-Fahrer deutlich reduziert, weil sich nur noch wenige Fahrer bereit erklären, zum Hafen zu fahren, denn sie würden im Falle eines positiven Tests für zwei bis drei Wochen in Quarantäne gestellt – ohne Bezahlung. Es liegt auf der Hand, dass sich dadurch auch die Durchlaufzeiten verlängern. Infolgedessen ist das durchschnittliche Transitvolumen von und nach Shanghai um mehr als zwei Drittel zurückgegangen.

Logistik ist nur ein Teil der Lieferkettenproblematik

Außerdem ist zu berücksichtigen, dass Logistik nur ein Teilstück der gesamten Lieferkettenproblematik ist. Inzwischen unterliegen 47 der 100 wichtigsten Regionen Chinas ganz oder teilweise einer Ausgangssperre. In diesen Regionen leben mehr als 200 Millionen Menschen und sie tragen (direkt oder indirekt) 40 % zum chinesischen BIP bei.

Der Lockdown hat zur Folge, dass die dortigen Fabriken nicht produzieren können, und selbst wenn sie es doch könnten – etwa weil sich die Arbeiter im „geschlossenen Kreislauf“ befinden – ist die Kapazitätsauslastung begrenzt, – in den meisten Fällen auf 30 % oder sogar weniger. Der Hauptgrund für diese geringe Produktivität ist – wieder einmal – die Logistik, da die Hersteller einerseits nicht genügend Material bekommen bzw. andererseits die fertigen Waren nicht ausliefern können.

Chinas Anteil an der Weltproduktion für alle Produkte beträgt etwa 30 %, aber sein Anteil an der Elektronikproduktion liegt bei fast 40 % und bei einigen Komponenten sogar noch höher. Bild 2 zeigt den chinesischen Anteil an Komponenten für das Jahr 2019. Inzwischen (2021) ist der Weltmarktanteil chinesischer Leiterplatten auf 60 % gestiegen.

Bild 3 zeigt die Anzahl der Produktionsstätten pro Provinz, und es ist zu erkennen, dass mehr als die Hälfte dieser Anlagen in der Region Guangzhou/Shenzhen/Hongkong zu finden sind. In diesem Gebiet, das gleichzeitig das Zentrum für alle Arten von Elektronik ist – von der Massenproduktion von Konsumgütern bis hin zu professioneller Elektronik – wird fast die Hälfte aller in China hergestellten Leiterplatten produziert.

Allerdings sind Leiterplatten nur ein Bauteil von vielen, die für die Elektronik benötigt werden – und deren Produktionsstätten sind ebenfalls in den genannten Gebieten angesiedelt.

Das Hauptproblem ist jedoch, dass sich auch die Brennpunkte der Covid-Fälle mehr oder weniger in den gleichen Regionen befinden, vor allem aber in Shanghai und seiner Umgebung. Mehrere 100 Millionen Menschen sind aufgrund der Gesundheitskrise in ihren Wohnungen eingeschlossen. Sie leiden unter Unterbeschäftigung oder sogar Arbeitsplatzverlusten mit der Folge, dass sie weniger oder gar kein Einkommen haben.

Die Ersparnisse sind in den meisten Fällen aufgebraucht, und das schlimmste Ereignis ist, dass selbst in Shanghai, der reichsten Stadt Chinas, die Menschen Hunger leiden, da der Zu-gang zu Lebensmitteln und medizinischer Versorgung von der Regierung behindert wird und die Verteilung von Lebensmittelpaketen scheinbar willkürlich erfolgt.

Zusammenfassung

Wir sind zeitgleich mit mehreren Katastrophen konfrontiert, von denen jede für sich genommen schon Anlass zu großer Besorgnis geben würde, aber jetzt treten sie gebündelt auf:

  • Die anhaltende Covid-Pandemie mit Restriktionen in zahlreichen Ländern schlagen sich in geringen Fördermengen in Bergwerken, einer geringen Fertigungsleistung und Kapazitätsaus-lastung für jedes Endprodukt nieder.
  • Die Pandemie hat erhebliche Auswirkungen auf die Logistik, da Container nicht so schnell wie nötig zurückgegeben wurden. Ausgangsfracht muss warten, die Häfen sind überlastet und die Luftfrachtkapazitäten sind knapp.
  • Die Energiekrise begann 2020 aufgrund eines Preiskriegs zwischen der OPEC und Russland und wurde 2021 durch Streitigkeiten über die Produktionsmengen zur Deckung der steigenden Nachfrage verschärft.
  • Die strenge chinesische „Null-Covid-Politik“ mit erheblichen Folgen für Produktion, Logistik und Verbrauch. Ein einziger Fall in einer Millionenstadt reicht aus, um den gesamten Hafen für ein- und ausgehende Fracht zu schließen.
  • Der russische Einmarsch in die Ukraine mit erheblichen Auswirkungen auf kritische Rohstoffe (Al, Cu, Fe, Ni, Pd, Pt, Ti), von denen einige von besonderer (und einzigartiger) Qualität für bestimmte Produkte und Verfahren sind. Hinzu kommen fossile Energieträger und Neongas.
  • Die zuvor genannten Metalle sind als Dielektrika, Elektroden oder Bauteilanschlüsse für eine Vielzahl von Bauteilen (MLCCs, Widerstände, Kondensatoren, Ferritprodukte) unverzichtbar.
  • Sanktionen und Gegensanktionen haben die Luftfrachtkapazitäten verringert (Flugverbotszo-nen über Russland, Weißrussland und der Ukraine). Außerdem dürfen Flugzeuge und See-schiffe in russischem Besitz oder Auftrag keine westlichen Ziele mehr anlaufen.
  • Die russische Invasion hat zusätzliche Auswirkungen, da Russland und die Ukraine wichtige Exporteure von Getreide und Speiseöl sind. Der Mangel wird höchstwahrscheinlich zu einer Hungersnot in vielen Teilen der Welt führen. Der unverantwortliche Verrückte in Russland setzt Lebensmittel als Waffe ein.
  • Ungewissheit, Engpässe, zusätzliche Kosten, Wechselkurse und Entscheidungen der Zentral-banken tragen zu steigenden Preisen bei und heizen die Inflation an.
  • In den USA könnte eine neue Immobilienkrise entstehen.

Leben im „Hochsicherheitsgefängnis“: Exodus der Expats

Diese Liste ist bei weitem nicht vollständig, aber sie enthält die Botschaften, dass die Knappheit von Bauteilen mindestens bis zum Ende dieses Jahres anhalten wird. Deshalb werden die Preise weiter steigen und Engpässe wird es überall geben – in den meisten Fällen an Stellen, an denen sie unerwartet und ohne Vorwarnung auftreten.

Angesichts der Fülle von Schwierigkeiten, Vorschriften, Problemen und Störungen wird China nicht mehr als „erste Wahl“ für Investitionen angesehen. Viele Unternehmen halten inzwischen neue Investitionen in China zurück oder suchen nach anderen Zielen.

Außerdem macht die chinesische Provinz- und Zentralregierung mit diesen Zwangsmaßnahmen nicht nur ihren Bürgern das Leben schwer, sondern vor allem auch den ausländischen „Expats“, die solche Eingriffe nicht gewohnt sind. Es wird für die Firmen noch schwieriger werden, Leute der Führungsebene zu finden, die bereit sind, sich freiwillig in dieses „Hochsicherheitsgefängnis“ mit den ständigen Unberechenbarkeiten zu begeben – ganz zu schweigen von der Mitnahme ihrer Familien.

Das Beschaffungswesen sucht bereits jetzt nach alternativen Quellen, und dieser Trend könnte sich nicht nur als Zwischenlösung, sondern als dauerhaft erweisen: „denn die Welt ist nicht bereit, auf China zu warten“.

Verbessern Sie die Kommunikation sowohl mit Ihren Kunden als auch Ihren Lieferanten und bestellen Sie rechtzeitig. Um lieferfähig bleiben zu können, gilt daher: Verfügbarkeit schlägt den Preis.

* Michael Gasch ist Geschäftsführer des Marktanalysten Data4PCB

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