Arthur Tan: „Es sind die Mitarbeiter, die unser Unternehmen antreiben.“

| Redakteur: Dr. Anna-Lena Gutberlet

Arthur Tan, Vorstandschef des philippinischen Elektronikfertiger Integrated Micro-Electronics.
Arthur Tan, Vorstandschef des philippinischen Elektronikfertiger Integrated Micro-Electronics. (Bild: IMI)

Integrated Micro-Electronics (IMI), eines der ältesten philippinischen Elektronik­her­stellungs- und Dienst­leistungsunternehmen, ist mit Fabriken in Asien, Nordamerika und Europa global aufgestellt. Arthur Tan, Chef des Konzerns, sprach mit ELEKTRONIKPRAXIS über Handelskriege, den Fachkräftemangel und darüber, was ihn nachts wach hält.

Welche Herausforderungen sehen Sie zurzeit?

Global gesehen ist das Geschäft herausfordernd. Was wir dabei berücksichtigen müssen, sind zum einen externe Faktoren, die den Markt beeinflussen. Und dann gibt es noch die internen Begebenheiten, mit denen jedes Unternehmen konfrontiert ist. Fangen wir mit den externen Faktoren an, wie Handelskriege oder dem Drang zum Nationalismus, der sich beispielsweise im Brexit vollzieht.

Was den US-amerikanischen und chinesischen Handelskrieg angeht, haben wir Glück, dass von unserem Gesamtumsatz nur ein kleiner Anteil (weniger als 2%) betroffen ist. Zudem sind wir geographisch breit aufgestellt. Unser Hauptsitz ist in den Philippinen und wir haben Betriebe in China, in Nordamerika und Mexiko, in Ost- und Zentraleuropa und im UK. Die Möglichkeiten unserer Fabriken sind sehr ähnlich und so können wir bei Bedarf innerhalb unseres Netzwerkes auf andere Produktionsstätten umsteigen, die nicht von den Problemen betroffen sind. Natürlich müssen Einschränkungen aufgrund der Zertifizierungen beachtet werden, je nachdem, in welchem Bereich – ob Automotive, Industrie, Telekom, Luft- und Raumfahrt – das Endprodukt eingesetzt wird.

Ein weiterer externer Faktor ist die sich weiter zuspitzende Lieferkettenproblematik, über die wir seit mehreren Monaten diskutieren. Meiner Meinung nach ist der Grund hierfür, dass ein Großteil des Backlogs, den jeder auf seine Systeme gelegt hat, nicht wirklich vorhanden ist. Also bestellen die Leute doppelt, um die Zuteilung sicherzustellen. Ich denke, dass es bald zu einer natürlichen Progression kommt und die Lieferkettenprobleme besser beherrschbar werden.

Der dritte Punkt ist der allgemeine Konsum selbst. Es wird große Veränderungen im Endverbrauchermarkt geben. Denn wenn man sich den jeweiligen Verbraucherpreisindex der verschiedenen großen Märkte ansieht, sind diese alle rückläufig. Auch unsere Kunden sind vorsichtiger geworden, zum Beispiel, was Mehrjahresbestellungen angeht.

Was sind die internen Herausforderungen von IMI? Der Aufbau und die Koordination der Produktionsstätten?

Die Herausforderung für mich ist nicht der Aufbau der Fabriken an den verschiedenen Standorten. Es ist nicht schwer, die richtigen Geräte und Prozesse zu finden. Ich denke, wir sind sehr gut aufgestellt. Die Herausforderung besteht darin, die richtigen Leute für das Unternehmen an den richtigen Orten zu finden. Letztendlich sind es die Mitarbeiter, die unser Unternehmen antreiben.

Wir sind sehr glücklich, dass wir im Laufe der Jahre in der Lage waren, sowohl organisch zu wachsen, als auch die passenden Firmen zu akquirieren. Die Herausforderung besteht jetzt darin, wie wir es schaffen, die Talente, die wir haben, zu halten und für weiteres Wachstum neue Talente zu gewinnen.

Viele Leute denken, Automatisierung wäre eine Lösung. Für mich ist es das nicht. Die menschliche Note, die Kreativität und die Innovation kommen nicht von Maschinen, sondern von Menschen. Und das ist es, was mich nachts wachhält, weil ich mir darum mehr Sorgen mache, als um alles andere.

Wie möchten Sie die Talente an sich binden oder neue Talente gewinnen?

Nun, was wir unseren Mitarbeitern bieten, ist die Welt. Und die Möglichkeit, auf der ganzen Welt etwas zu bewegen – nicht nur beispielsweise in Deutschland. Dinge, die hier in Deutschland passieren, werden auch andere Teile der Welt beeinflussen.

Wir sind auch sehr aktiv, was die Bewegung unserer Personalressourcen und Führungsverantwortlichen an den verschiedenen Standorten weltweit angeht. Diese werden häufig durch Entscheidungen der Mitarbeiter bestimmt, nicht von Bedürfnissen. Die Mitarbeiter können eine neue Erfahrung machen und sich dabei sicher fühlen, da sie weiterhin im selben Unternehmen tätig sind und weil das Wertesystem des Unternehmens an allen Standorten einheitlich ist.

... und so sichern Sie den Wissensaustausch zwischen den verschiedenen Fabriken und Standorten.

Korrekt.

In den letzten Jahren haben Sie mehrere Unternehmen mit unterschiedlichen technologischen Backgrounds übernommen. Gibt es eine „technologische Lücke“, die Sie künftig noch schließen wollen?

Absolut. IMI ist ein Puzzle. Wenn man nur die einzelnen Teile betrachtet, ist es schwer, das Gesamtbild zu sehen. Aber wenn man anfängt, die Teile zusammenzusetzen, sieht man die Geschäftslandschaft für unsere Partner. Dabei geht es nicht nur um die Bedürfnisse unserer Kunden, sondern auch um die Bedürfnisse, auf die sich die Weltwirtschaft zubewegt; um die Megatrends, die die Geschäfte antreiben.

In der Vergangenheit haben Unternehmen nur spezifische Dienstleistungen benötigt, beispielsweise jemanden, der die Leiterplatte bestückt, jemanden, der die Tests dafür durchführen kann, oder jemanden, der hilft, einen neuen Markt zu erschließen oder eine neue Funktion zu integrieren.

Wenn man sich das ansieht, erfordert das unterschiedlichste Fähigkeiten. Wir müssen über eine starke Fertigungskapazität verfügen, um sehr verschiedene Komponenten mit unterschiedlichen Spezifikationen in ein Paket zu integrieren. Sie müssen nicht nur in der Lage sein, das Produkt zu bauen, sondern auch, es testen zu können und den Test an das Produkt anzupassen. Danach stellen Sie fest, dass dieses spezielle Produkt in anderen Bereichen nützlich ist, aber es muss in Bezug auf seine Software oder Benutzeroberfläche überarbeitet werden, um es in diesem Bereich nutzbar zu machen.

Wenn Sie sich also die Funktionen ansehen, die wir zusammengestellt haben, haben wir uns selbst erweitert. Wir können nicht nur das Produkt herstellen, sondern, durch all diese anderen Dienstleistungen, eine Komplettlösung anbieten. Wir sind in der Lage, geistiges Eigentum anzubieten, das die Lösung unserer Kunden auf dem Markt einzigartig macht. Anstatt einem EMS-Unternehmen mit einer bestimmten Technologie sind wir also eigentlich ein Technologieunternehmen mit einem starken Produktionsarm.

Vielen Dank für das Gespräch.

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