Krieg dem Bargeld – warum soll es verschwinden?

| Autor / Redakteur: Prof. Dr. Gerald Mann * / Johann Wiesböck

In diesem Jahr ist Prof. Dr. Gerald H. Mann zum dritten Mal Referent auf dem Würzburger EMS-Tag: www.ems-tag.de. Sein Thema am 23. Juni: Kein Bargeld mehr – keine Freiheit mehr?
In diesem Jahr ist Prof. Dr. Gerald H. Mann zum dritten Mal Referent auf dem Würzburger EMS-Tag: www.ems-tag.de. Sein Thema am 23. Juni: Kein Bargeld mehr – keine Freiheit mehr? (Bild: VBM-Archiv)

Im „Krieg gegen das Bargeld“ werden ökonomische wie nicht-ökonomische Gründe aufgeführt. Prof. Dr. Gerald Mann erklärt diese und warnt vor dem Angriff auf die „informationelle Selbstbestimmung“.

Im November 2014 hielt der bekannte US-Ökonom Kenneth Rogoff auf Einladung von ifo-Präsident Hans-Werner Sinn einen Vortrag an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in dem er sich sehr nachdrücklich für die Abschaffung des Bargeldes aussprach. In seiner Präsentation zeigte er ein Bild von einem Raum voll gestapelt mit in Folie eingeschweißten Dollarnoten, auf denen Handfeuerwaffen lagen – entdeckt bei der Verhaftung eines mexikanischen Drogenbarons. Von einigen Teilnehmern wurde dies als eine sehr suggestive bis manipulative Darstellung empfunden.

Meinem ebenfalls anwesenden Co-Autor Ulrich Horstmann und mir wurde dadurch klar, dass die Abschaffung des Bargeldes ein sehr relevantes Thema wird, zumal mit Bill Clintons Finanzminister Larry Summers ein weiterer bekannter US-Ökonom in die gleiche Kerbe schlägt. Das war der Startschuss zu unserm Sachbuch Bargeldverbot (ISBN-10: 3898799336, ISBN-13: 978-3898799331), das im Juni 2015 im Finanzbuchverlag (FBV) erschienen ist.

Von den deutschen Ökonomen hat sich der Würzburger Peter Bofinger für die Abschaffung des Bargeldes ausgesprochen: „Bei den heutigen technischen Möglichkeiten sind Münzen und Geldscheine tatsächlich ein Anachronismus“. Die Deutsche Bundesbank hingegen steht zum Bargeld. Aber ihre Bedenken zum Euro wurden in den 90er Jahren von der Politik letztlich auch zielorientiert überhört. Wird es diesmal anders sein? Etwas Hoffnung gibt ein Beschluss der CSU und Bestrebungen in der FDP, die sich klar für die Beibehaltung des Bargeldes aussprechen.

Fünf Gründe, warum die Bargeldabschaffung sehr wahrscheinlich ist

Erstens: Die unverändert andauernde Finanz- und Staatsschuldenkrise kann immer noch in einen Bankrun (dt. „Schaltersturm“ oder „Bankensturm“) münden, bei dem viele Menschen das Vertrauen in das Finanzsystem verlieren und ihre Guthaben abheben – im Sommer 2015 haben wir das in Griechenland erlebt.

Ein solches Misstrauensvotum wäre für die Interessengemeinschaft aus (Groß-)Banken, Politik und Europäische Zentralbank (EZB) sehr unerwünscht. Ohne Bargeld kann es einen solchen Bankrun nicht mehr geben. Die einschlägigen Fehlentwicklungen im Geld- und Finanzsystem sowie bei den aus dem Ruder gelaufenen Staatsfinanzen ließen sich noch besser und noch länger verschleiern.

Zweitens: Negativzinsen können – im Gegensatz zu den hohen Guthaben bei Unternehmen – gegenüber privaten Haushalten nur durchgesetzt werden, wenn ihnen die Flucht ins Bargeld verwehrt wird. Die Bargeldgegner unter den Ökonomen wollen zur Konjunkturbelebung Negativzinsen durchdrücken, eine Art „Konsumverweigerungssteuer“ mit der Folge der Umerziehung zum ferngesteuerten „Konsumtrottel“: Wer nicht konsumiert, soll von seinem Sparguthaben jedes Jahr etwas abgezogen bekommen. Also ein Frontalangriff auf das Eigentum und die gute deutsche Sparkultur, die jedoch für langfristiges, investitionsbasiertes Wachstum erforderlich sind.

Und es wäre eben auch eine besonders durchschlagende Version der „Finanziellen Repression“, also der Entreicherung von Sparern. Zudem ließen sich „per Knopfdruck“ Vermögensabgaben schnell und überraschend durchführen, denen man sich nicht mehr durch Bargeldhaltung zumindest teilweise entziehen könnte.

Drittens: Kriminalität, Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit und Terrorismus sollen verhindert oder zumindest erschwert werden. Gerade dieses Argument wird viele Anhänger finden, nicht zuletzt nach den Terroranschlägen von Paris im November 2015. Und in Teilen mag das stimmen. So brächte Handtaschendiebstahl dann nur noch Lippenstifte, aber kein Bargeld mehr.

Insgesamt aber entspricht der Verweis auf die mögliche kriminelle Verwendung von Bargeld jedoch der Logik, auch Essbesteck zu verbieten, um so Gewalttaten zu verhindern. Für den Haushalt, der seiner ansonsten regulär beschäftigten Putzhilfe zu Weihnachten eine Anerkennungsprämie in bar zukommen lassen will, wird das ebenfalls unmöglich.

Dass aber die Mafia und Terroristen wegen des fehlenden Bargelds aufgeben, darf wohl bezweifelt werden. Der auf Schatten- und Untergrundwirtschaft spezialisierte Linzer Ökonom Friedrich Schneider rechnet selbst bei einem totalen Bargeldverbot nur mit einem geringen Rückgang der Aktivitäten in seinem Forschungsgegenstand.

Viertens: Finanzinstitutionen, die bargeldlose Zahlungssysteme anbieten, könnten ihre Gewinne steigern, wenn die Zahlungsalternative Bargeld entfällt. Zwar ist bei einer Vollkostenrechnung bargeldloses Zahlen wohl günstiger – doch ist unwahrscheinlich, dass diese Vorteile dann an den Konsumenten weitergegeben werden. Außerdem erhielten die Finanzdienstleister noch mehr Daten über das Verbraucherverhalten, die sie gewinnbringend nutzen können.

So sieht auch der Chef der Münze Österreich, Gerhard Starsich, „hinter der aktuellen Debatte rund um eine mögliche Abschaffung des 500-Euro-Scheins sowie generelle Obergrenzen für Zahlungen mit Bargeld die Interessen der Plastikkartenfirmen. Auch die Banken hätten ein natürliches Interesse daran, dass alle Zahlungen über ihre Konten liefen“ (Die Presse 9.2.16).

Fünftens: Die Arbeit der schon jetzt mächtigen Geheimdienste wird noch leichter: Der „gläserne Zahler“ wird geboren. Keine einzige Transaktion, auch nicht der Kauf eines Buches auf dem Flohmarkt oder einer Zeitschrift am Bahnhof, würde „Big Brother“ entgehen.

Man überlege nur, was die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts mit diesen Möglichkeiten hätten anfangen können… Diktatur würde billiger und tiefgreifender. Eine Garantie für den Fortbestand der freiheitlich-demokratischen Grundordnung mit ihren Grundrechten gibt es nicht.

Gestapo, Stasi und auch George Orwell, der Autor der düsteren, totalitäre Überwachungsdiktaturen beschreibenden Zukunftsromane „1984“ und „Farm der Tiere“, würden sich verwundert die Augen reiben. Manche mögen hier auch an das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung in Kapitel 13, denken.

Die heutigen Diskussionen um Abhöraktionen der NSA erscheinen geradezu unbedeutend angesichts von „NSA megaplus“, was dann über uns hereinbrechen würde. Viele Zeitgenossen haben mit ihrer „Ich habe doch nichts zu verbergen“-Mentalität die Tragweite nicht annähernd erfasst.

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An der Kasse geht es dadurch auch nicht schneller.  lesen
posted am 07.11.2017 um 13:22 von Unregistriert

..mit Muscheln, Edelsteinen oder anderen Dingen, die man sich unters Kopfkissen legen kann.  lesen
posted am 07.11.2017 um 09:52 von Unregistriert

Wie bitte soll man dann noch einen ehrlichen Schwarzarbeiter bezahlen?  lesen
posted am 24.06.2016 um 12:53 von Unregistriert


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