Report

Elektronikfirmen müssen mehr gegen moderne Sklaverei tun

| Redakteur: Franz Graser

Der Traum von Freiheit: Die Organisation KnowTheChain hat Unternehmen aus der Informations- und Kommunikationstechnikbranche aufgefordert, konsequenter gegen Zwangsarbeits-Praktiken vorzugehen.
Der Traum von Freiheit: Die Organisation KnowTheChain hat Unternehmen aus der Informations- und Kommunikationstechnikbranche aufgefordert, konsequenter gegen Zwangsarbeits-Praktiken vorzugehen. (Bild: Gemeinfrei/Pixabay)

Die amerikanische Nichtregierungsorganisation KnowTheChain hat einen Bericht vorgelegt, wie viel Zwangsarbeit in aktuellen Elektronikprodukten steckt. Für 20 internationale Unternehmen ermittelte die Organisation Kennzahlen. Am besten schneiden HP und Apple ab.

Für das Benchmarking war mitentscheidend, wie konsequent die bewerteten Firmen gegen Zwangsarbeit in ihrer Lieferkette vorgehen, also auch bei ihren Zulieferern. 18 der 20 Unternehmen haben zwar sich zwar öffentlich verpflichtet, dieses Thema zu adressieren. Allerdings haben sehr viel weniger Firmen bisher belastbare Prozesse eingerichtet, um diese Selbstverpflichtung auch umzusetzen.

Mit 72 und 62 Punkten von 100 möglichen liegen HP und Apple an der Spitze des Feldes. Danach folgen Intel, Cisco, Microsoft, Ericsson und Samsung, die Werte zwischen 59 und 54 erzielen. Am Ende der Skala befinden sich Canon mit 12, BOE Technology mit vier und Keyence mit null Punkten.

Bewertet wurden unter anderem Bereiche wie das Mitspracherecht der Arbeiterinnen und Arbeiter. Damit ist zum Beispiel gemeint, inwieweit die Arbeitenden in der Lage sind, ihre Interessen zu vertreten oder ob Beschwerden über die Arbeitsbedingungen auch gehört werden. Dies ist das Segment, bei dem die Unternehmen am schlechtesten abschneiden. Im Schnitt wurden hier 16 von 100 möglichen Punkten erzielt, der beste Wert lag bei 38. „Die Firmen müssen sicherstellen, dass die Stimmen der verwundbaren Arbeiter in ihren Lieferketten gehört werden und entsprechend reagieren“, fordert der Bericht.

Ein weiteres Problem sind Gebühren, die vor allem Wanderarbeiterinnen und -arbeiter an unseriöse Arbeitsvermittler zahlen müssen. Die Betroffenen liefern sich den Agenturen dabei praktisch vollständig aus, müssen einen großen Teil ihrer Einkünfte an die Vermittler entrichten und werden quasi zu deren Leibeigenen. 12 Firmen gaben zwar an, dass sie diese Praxis untersagen.

Aber nur zwei Firmen entschädigen die betroffenen Arbeiterinnen und Arbeiter, wenn doch solche Gebühren erhoben wurden. Hier erreichten die Firmen im Schnitt nur 19 von 100 möglichen Punkten. Die Organisation KnowTheChain schätzt, dass zum Beispiel im Elektroniksektor Malaysias etwa ein Drittel der Wanderarbeiterinnen und -arbeiter in solchen Verhältnissen leben.

Das Ranking der 20 bewerteten Unternehmen. Am besten schneiden HP und Apple ab.
Das Ranking der 20 bewerteten Unternehmen. Am besten schneiden HP und Apple ab. (Bild: KnowTheChain)

Im Zuge des amerikanischen Dodd-Frank-Gesetzes, das Unternehmen darauf verpflichtet, keine Konfliktmineralien in ihren Produkten zu verwenden, haben die Firmen die Kontrolle über ihre Lieferketten stark ausgebaut. Die Organisation KnowThe Chain fordert nun, dass diese sogenannte Traceability auch auf Zwangsarbeits-Praktiken entlang der Lieferkette ausgebaut wird. Nach dem Bericht der Nichtregierungsorganisation verfügen lediglich drei der 20 bewerteten Unternehmen über Prozesse, die Risiken in Bezug auf Zwangsarbeit aktiv identifizieren. Der Durchschnittswert beim Thema „Traceability und Risk Assessment“ lag bei 46 von 100 möglichen Punkten.

Kilian Moote, Projektleiter bei der Nichtregierungsorganisation KnowTheChain, sieht die High-Tech-Firmen in der Pflicht, mehr gegen Zwangsarbeitspraktiken zu tun. „Unser Benchmark zeigt, dass noch eine Menge getan werden muss, um die Risiken von Zwangsarbeit in der Lieferkette von Firmen der Informations- und Kommunikationstechnikbranche zu addressieren“, sagte Moote im Gespräch mit der britischen Zeitung The Guardian: „Der IKT-Sektor steht erst am Anfang eines langen Weges, um auf dieses Problem zu antworten.“

Die Firma Canon, die auf dem drittletzten Platz des Benchmarkings gelandet war, gab gegenüber dem Guardian an, nach deren Kenntnisstand gebe es keine Hinweise auf derartige ausbeuterische Praktiken in ihrer Lieferkette. Gleichwohl werde man aber den Report sorgfältig studieren und evaluieren, wo Verbesserungen möglich seien.

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